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Sie ſaßen beiſammen auf dem Verdecke, und ge⸗ noſſen den herrlichen Abend. Schon war das Meer dunkel, nur der hohe Spitzberg auf der Inſel glühte noch wie ein Leuchtthurm im Glanze der ſinkenden Sonne. Landvögel ſchwirrten um Maſten und Tau⸗ werk, und liebliche Düfte wehten herüber von den Küſten. Der gaſtfreie van Hagen ließ alten Conſtantia⸗ Wein aus ſeinem Vorrathe bringen, und reichte ſeinen Freunden die vollen Gläſer. Der edle Saft flog wie Feuer durch ihre Adern, und das Vertrauen, deſſen ſchon längſt Einer den Andern werth gefunden, öffnete jetzt die frohen Herzen.
„Euer Glück in der neuen Welt!“ ſprach van Hagen, ſein Glas erhebend.
Die Gläſer klangen.
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„Aber auch die Erinnerung an die Vergangenheit im neuen Leben!“ ſprach Velthuſen, und ſein Auge ſagte, daß vor ſeiner Seele eine theure Erinnerung aufgetaucht war.
Ja wohl, unſere glücklichen Erinnerungen!“ fiel Lamotte ein.„O wer hütte die nicht, wie ſchmerzlich auch die Vergangenheit war. Sie blühen wie liebliche Blumen unverwelklich auch aus Trümmern hervor.“
„Schöne Tage ruft mir der feurige Wein zurück,“ hob van Hagen wieder an, ſein Glas empor haltend. „Glückliche Stunden, die ich in dem hohen Weinberge auf dem Vorgebirge zubrachte! Mehr als vier Jahre ſind ſeitdem verfloſſen, und als ob's erſt geſtern ge⸗
weſen wäre, ſehe ich die ſchöne Frau vor mir ſtehen,
der ich die vollſte glühende Traube darbot.“
Die beiden Reiſegefährten baten um die Mitthei⸗ lung des freundlichen Abenteuers, und Jeder verſprach, das Merkwürdigſte zu erzählen, das ihm auf der erſten Seereiſe begegnet war.
„Ich blieb einige Monate auf dem Kap,“ fuhr der Holländer fort,„um meine Geſundheit zu pflegen, die in Batavia gelitten hatte. Der Beſitzer des Weinbergs, wo dieſer treffliche Saft von den Strahlen der ſüd⸗ lichen Sonne gekocht wird, war ein entfernter Ver⸗ wandter meiner Mutter, und lud mich gaſtfreundlich ein, mich durch den Genuß ſeiner Trauben zu ſtärken. Ich brachte gewöhnlich einige Morgenſtunden in dem hohen Weingarten zu. Die friſche Bergluft, der ge⸗ ſunde Traubenſaft gaben mir bald wieder neue Kräfte und frohe Heiterkeit. Eines Tages nun, als ich un⸗ ter den Rebengeländern auf⸗ und niederging, und mich der herrlichen Ausſicht auf das Meer freute, das un⸗ ter mir lag, ſah ich plötzlich eine junge Frau mir ent⸗ gegen kommen. Ein einfaches, ſchwarzes Gewand um⸗ ſchloß ihren edlen Wuchs, ein ſchwarzer Schleier war
zurückgeworfen über die blonden Locken, und ihr ſchö⸗ nes blaues Auge erwiederte meinen Gruß mit freund⸗ lichem Lächeln. Ueberraſcht durch den Anblick ſtand ich einige Augenblicke ſtumm und verlegen.—
„Verzeihen Sie einer Fremden, daß ſie hie Jo B
zudringlich erſcheint,“ hob ſie an. ‚Ohne Zyeifel hbe ich die Ehre, mit dem Eigenthümer dieſes ezauben⸗ den Ortes zu ſprechen? Ich wollte das Kas nicht vr⸗ laſſen, ohne den Berg zu ſehen, wo die Perle unter allen Gaben des Bacchus reift.:—
„Ich bin,“ gab ich zur Antwort, ‚nur der Gaſt meines Verwandten, welcher eilen wird, Sie hier zu bewillkommnen. Erlauben Sie mir indeß, Ihnen dies als Pfand ſeiner Gaſtfreundſchaft zu überreichen,“ fügte ich hinzu, und bot ihr eine köſtliche Traube, die ich von dem überhangenden Rebenzweige brach, der uns Schatten gab.(Siehe Bild S. 201.) In dieſem
Augenblicke kam mein Vetter aus dem Landhauſe, po
er die Zeit der Weinleſe zubrachte, und die beidſn Kammerfrauen, welchen die Gebieterin vorausg elt


