Ueberdies fungiren ſie oft als Siebmacher und Korb⸗
cile, ſondern heute da und morgen dort. Ein ſeß⸗ hafter Handwerksmann zu ſein— nein, dazu iſt der
von einem Ort zum andern.“ Eben deßwegen eignet er ſich auch ſehr gut zum Pferdehandel, denn damit iſt ja das Herumziehen ſelbſtverſtändlich verbunden, und— merkwürdig, in der Liſt, die er bei dieſem Handel anwendet, übertrifft ihn nicht leicht Einer. Weiß er den Pferden doch Kerne in die Zähne zu ſetzen, daß ſie für jünger gehalten werden, und verſteht er es doch ſogar, Luft unter ihre Haut zu blaſen, um ihnen eine Wohlbeleibtheit zu geben, die ſie in Wahrheit nicht haben! Kurz er iſt ein exquiſiter Pferdehändler, und mancher unſerer Koryphäen in dieſem Fache könnte von ihm lernen. Ganz eben ſo ausgezeichnet weiß er auch den Affen⸗ und Bärenführer zu machen, und als Di⸗ rektor eines Marionettentheaters ſucht er ebenfalls ſei⸗ nes Gleichen. Doch wir dürfen uns nicht mehr mit Nebendingen aufhalten, ſondern müſſen nun der Haupt⸗ quelle gedenken, aus der er ſeinen Unterhalt ſchöpft; denn dieſe Hauptquelle iſt eine edle, und zwar keine andere, als die edle Muſika.
Eigenthümlich nämlich— jeder Zigeuner iſt ein geborener Muſiker, und nicht blos ein gewöhnlicher Kirmeßhudler, ſondern ein Muſiker im wahren Sinne des Worts. Noten zwar kennen vielleicht unter Hun⸗ derten oder gar Tauſenden keine Zehn, aber ſie ſpie⸗
ſolchem Feuer nach dem Gehör, daß ſelbſt der erſte Künſtler nichts daran auszuſetzen haben kann. Eben deßwegen ſind es in allen Donauländern, abſonderlich
„Zigeuner, welche zum Tanze aufſpielen, und alle Muſikchöre dieſer Länder, ſelbſt die Regimentsmuſiken, ſind ohne Ausnahme aus Zigeunern zuſammengeſetzt. Bemerkt muß übrigens hiebei werden, daß der braune Geſelle zwar mit Leichtigkeit alle Inſtrumente erlernt, daß er ſich aber doch mit Vorliebe nur zweien derſel⸗
und der Cobza, einer Art von Mandoline mit neun Saiten. Aber wie ſpielt er die Welljuna und die Cobza? Man muß ihn gehört haben, ihn und ſeine
ihn gehört hat, der mag den Ragotzymarſch nachher von Niemandem ſonſt mehr hören. Geſicht hängenden Haaren, das ſcheu funkelnde Auge haalb zugedrückt, den Kopf gebogen über die kleine Vio⸗ line— ſo ſpielt er, und in wehmüthigen Klängen ittert der Bogen über die Saiten; aber plötzlich klirrt es durch die Töne, einem Mannestritt gleich, und wil⸗ der und immer wilder klingen Cobza und Welljuna, und durch die wirren Klänge ſchallt es wie Hülferuf, oder wie das Stöhnen eines Sterbenden. Und feier⸗
flechter, aber natürlich nie an einem beſtimmten Domi⸗
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lich ſchweigend ſtehen nun die phantaſtiſch mit Schnür⸗ röcken aufgeputzten Spielleute, hohe, maleriſch ſchöne Geſtalten, und ſtarren hin auf den Zauber, und klir⸗
ren mit den Sporen und ſtreichen die ſchwarzen Bärte!
Zigeuner nicht fähig, ſondern„ſtets muß er wandern,
len die ſchönſten Stücke mit ſolcher Präciſion und mit
aber in Ungarn und Siebenbürgen, nur allein die
liches.
keit alle ihre Taſchen füllen.
wilden Melodien, um ein Urtheil zu fällen, und wer
Mit wild in das
So ſchreibt Einer, der lange in Ungarn geweſen und oft und viel den Melodien der Zigeuner gelauſcht hat, kann es uns alſo Wunder nehmen, wenn die Offiziere des ruſſiſchen Korps, das einſtens Ungarn beſetzt hatte, der Zigeunermuſik den Vorzug vor der ihrer eigenen Regimenter gaben?
Hieraus kann nun der Leſer den Schluß ziehen, warum die Zigeuner in Ungarn nie verfolgt wurden. Die Magyaren lieben ja die Muſik ungemein, und wer hätte ihnen Muſik machen ſollen, wenn ſie die Zigeu⸗ ner nicht gehabt hätten? Aber leider iſt das Talent zur Muſik bei dem braunen Sohne Hindoſtans doch nicht ſo vorwiegend, daß er ſich dadurch abhalten ließe, ein anderes, minder ehrenwerthes Talent, das er beſitzt, in den Hintergrund zu ſtellen, wir meinen das Talent des Bettelns, des Stehlens und des Lügens. Dieſe drei Sünden gehören nämlich ſtets zu einander, und kein Menſch auf Erden übt ſie öfter und mit größerer Virtuoſität aus, als der Zigeuner. Schon der Chroniſt Aventinus, der im Anfang des 16. Jahr⸗ hunderts lebte, ſchreibt von dieſem Volke:„Noch iſt die Welt ſo blind, meinet wer ihnen leids thue, der hab kein Glück; läßt ſie alſo rauben, ſtehlen, lügen, trügen in mancherlei Weiß; bei uns iſt das Stehlen und Rauben bei Henken und Köpfen verboten, ihnen iſt es erlaubt, denn noch will die Welt nicht witzig werden.“ Wie aber die Zigeuner des 16. Jahrhun⸗ derts thaten, ſo thun auch die des 19. Immer lagern ſie ſich in der Nähe von Ortſchaften, und dann geht Alt und Jung aus, um zu betteln und nebenbei mit⸗ laufen zu laſſen, was nicht niet- und nagelfeſt iſt. Schon die kleinſten Buben werden hiezu abgerichtet und leiſten im Hühner- und Gänſeſtehlen ganz Unglaub⸗
dieſe wiſſen ſich ſo unſchuldig anzuſtellen, daß man
de ele ihnen eine Dieberei gar nicht zutraut; am allerprofi⸗ ben widmet, nämlich der Violine oder„Welljuna“,— 9 t 3 7 profi
tabelſten aber wiſſen es die alten Frauen zu veranſtal⸗ ten, indem ſie während des Wahrſagens mit Leichtig⸗ Kurz, die ganze Zigeu⸗ nerfamilie ſtiehlt und darin liegt auch der Grund, daß wo viele Menſchen zuſammenkommen, z. B. bei Feſten, auf Jahrmärkten u. ſ. w. ganz ſicherlich auch die Zi⸗ geuner nicht fehlen. Es gibt ja dann Gelegenheit
genug, fremdes Eigenthum zu acquiriren, ohne daß
Neiſende ſtanden am Ufer, die Abfahrt des Schif⸗ V fees zu erwarten, das von Utrecht nach Amſterdam ging. Baum und muſterte, den Dampf ſeiner Pfeife vor ſich
man von den herumſtreifenden Panduren über dem Diebſtahl erwiſcht wird!—
Doch genug nun vom Zigeuner, da ihn der Leſer
jetzt ohne Zweifel hinlänglich kennen gelernt haben wird.
Th. G— r.
Der Sieg geprüfter Treue.
Original⸗Novelle- von Julius Märker.
Ein junger Holländer lehnte ſich gemächlich an einen
Noch geſchickter faſt ſind die Mädchen, denn
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