Teil eines Werkes 
Band 2
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in einem turbanartigen Tuche, das ſie baldBern,

und Schweſtern, und ſogar die Kinder bis zum ein⸗

baldTulban nennen, zuſammen, und überdem tra⸗ 5

gen ſie ohne Ausnahme ein weites, buntgeſtreiftes Tuch, eine Art Shawl, das ſie ſich am Halſe ſo geſchickt mit Haken befeſtigen, daß ſie den ganzen Oberleib darein einhüllen können. Ueberdem finden die kleinen Säuglinge, die ſie mit ſich tragen, in dieſem Tuche eine Zuflucht, und beſinden ſich darin ſo wohl, als wären ſie in einem Schnappſack geborgen. Von Schuhen und Strümpfen iſt dagegen die Zigeunerin,

ſelbſt die jüngſte und ſchönſte, eine abgeſagte Feindin,

und Handſchuhe kennt ſie ohnehin nur dem Namen nach; Ohrringe jedoch dürfen nie fehlen, und zwar recht ſchwere und lange.

Noch weniger ſtrupulös, als in der Kleidung, iſt der Zigeuner im Eſſen, denn er verſchmäht eigentlich gar keine Speiſe. Ja ſogargefallene Thiere ſchließt er von ſeiner Nahrung nicht aus, nur bereitet er ſich dieſelben aufſeine Weiſe zu. Er gräbt nämlich eine tiefe Grube in die Erde und ſetzt dieſe ſo mit Steinen aus, daß ein Feuer unter denſelben angemacht werden kann. Sind nun die Steine glühend, ſo wird das todte Thier, nachdem es vorher ausgenommen, darauf gelegt und ſo oft gewandt und gedreht, bis es voll⸗ kommen geröſtet iſt. Hiedurch verliert es allen etwai⸗ gen übeln Geſchmack, und die braunen Söhne Hin⸗ doſtans verzehren es ſofort mit dem größten Appetite.

Lebende Thiere übrigens ziehen ſie den todten doch vor, und insbeſondere lieben ſie Hunde und Katzen, deren

ſie ſich auf ihren Streifereien mit vieler Geſchicklichkeit zu bemächtigen wiſſen. Auch Igel,

Eichhörnchen,

Haſen, Dächſe und Füchſe gehören zu ihren Delica-

teſſen, aber dieſe braten ſie nicht, ſondern kochen ſie vielmehr in einem großen Keſſel mit einem ſtarken Zuſatze vonPaprika ſpaniſchem Pfeffer einem herrlich duftenden Ragout zuſammen. Aus Mehlſpeiſen machen ſie ſich nicht beſonders viel, das Mamaliga, ein aus Mais und Käſe zuſammenge⸗

jährigen hinab. Uebrigens auch nach Vollendung der Mahlzeit wird noch fortgetrunken, oder vielmehr jetzt wird erſt recht getrunken, denn nun kann man ſich zugleich dem Genuſſe des Rauchens überlaſſen, welcher mit dem des Trinkens auf faſt gleicher Höhe ſteht. Natürlich aber rauchen die Frauen ſo gut als die Män⸗ ner, und die Jungen ſo gut als die Alten; die Stel⸗ len der Pfeifen jedoch müſſen nicht ſelten ausgehöhlte Maiskolben, in die man ein Röhrchen ſteckt, vertreten. Ein Ragout von Hunden und Katzen nebſt Brannt⸗ wein und Tabak in Hülle und Fülle dies hält der ungariſche Zigenner für das Höchſte, was es zu ge⸗ nießen gibt auf Erden!

Doch um all' dieſe Leckerbiſſen zu erhalten, dazu gehört doch nothwendigerweiſe Geld, und zum Geld⸗ erwerb gehört Arbeit, was arbeitet alſo der Zigeu⸗ ner? Du lieber Gott, nicht viel, und am liebſten ſo⸗ gar gar nichts. Ja die Arbeit iſt ſein größter Feind, beſonders die anſtrengende, und ehe er ſich dazu ent⸗ ſchlöſe, ſeinen Unterhalt mit Feldbau oder etwas dem Aehnlichem zu verdienen, würde er lieber Hunger und Durſt leiden. Gerade eben ſo denkt auch die Zigeu⸗ nerin, und nicht Eine wird man je ſtricken, nähen oder ſpinnen ſehen. Es geht gegen ihre Natur, wie denn die Orientalinnen und die Orientalen alle im Nichts⸗ thun excelliren. Strengen ſie ſich aber ja einmal an, ſo geſchieht es ganz gewiß nur auf ganz kurze Zeit, und auf die ungewohnte Thätigkeit folgt wieder eine lange Woche der unbedingteſten Muße. Deßwegen darf man aber nicht glauben, daß die ungariſchen Zi⸗ geuner ganz und gar beſchäftigungslos ſeien, ſondern ſie haben vielmehr auch ihr Feld der Thätigkeit, und

ſogar mehr als eines. So ſind ſie z. B. ſehr geſchickte

zu

Schmiede und verfertigen Pflugſchaaren, Hufnägel, Meſſer und Maultrommeln. Auch Petſchafte aus Meſſing fabriciren ſie, ſowie Ringe und Spielſachen

aus Zinn oder Blech, und überdies verſtehen ſie alte

würfeltes Gemüſe, ausgenommen; ihr Brod aber be⸗

reiten ſie ſich immer ſelbſt, und zwar auf ächt orien⸗

taliſche Weiſe, d. h. die Altmutter knetet den Taig

und backt ihn dann in heißer Aſche zu kleinen platten

Kuchen. Noch eigenthümlicher übrigens als alles dies iſt das, daß ſie des Tags eigentlich nur eine einzige Mahlzeit halten, nämlich Abends nach Sonnenunter⸗ gang, wenn alle Geſchäfte abgethan ſind. Dann wird Feuer unter den großen Keſſel gemacht dieſer Keſ ſel bildet das ganze Hausgeräth und Alles hinein⸗ geworfen, was den Tag übererworben worden iſt.

men, und ſowie das Ragout fertig iſt, kauert die ganze Familie rings herum, um mit Fingern und höl⸗ zernen Löffeln ſo lange zuzulangen, bis nichts mehr vorhanden iſt. Und wie können ſie eſſen, dieſe Kin der der Natur! Beim Himmel, vor ſolchen Quan⸗ titäten würde ſelbſt ein grönländiſcher Eskimo zurück⸗ ſchrecken, und dieſer iſt doch im Stande, faſt Unglaub⸗ liches zu leiſten! Ohne Branntwein aber was wäre die flotteſte Mahlzeit ohne Branntwein? Wein und Bier nun dieſe beiden Getränke kann ein Zigeuner recht wohl miſſen, aber Branntwein wahrhaftig dieſer geht ihm über Alles! Jeden Abend alſo macht der Branntweinkrug die Runde bei der Mahlzeit, und nicht blos Er, das Haupt der Familie, ſpricht ihm zu, ſondern auch ſie, ſeine Gattin, und die Brüder

Keſſel, Töpfe und Pfannen ſo gut zuſammenzuflicken, als Einer. Ja ſogar das Beſchlagen der Pferde ge⸗ hört in ihr Reſſort, und da in ganz Ungarn und Siebenbürgen ſich ſonſt Niemand auf derlei Kunſt ver⸗ legt, ſo ſind ſie in dieſer Beziehung geradezu unent⸗ behrlich. Eigenthümlich aber iſt, daß ſie ſich nie irgendwo als Feuerarbeiter ſtabil niederlaſſen, ſondern ſie ziehen vielmehr im Lande herum, gerade wie die Schmiede in Hindoſtan, und errichten bald da, bald dort ihre Werkſtätte. Solches iſt jedoch im Augen⸗

blicke geſchehen, denn ihr ganzer Handwerkszeug beſteht Bald brodeln die verſchiedenen Fleiſchgattungen zuſam⸗

in Hammer, Zange und Schraubſtock, während der nächſte beſte Stein als Ambos dient, und ſowie nun das Feuer brennt, wird natürlich unter Gottes freiem Himmel drauf los gearbeitet, daß es eine wahre Freude iſt. Doch wie lange dauert die Arbeit? Du lieber Gott, die Geduld geht dem Zigeuner bald aus, und da ihn Kohlen und Eiſen nichts koſten(die Kohlen brennt er ſich aus Holz oder Wurzeln ſelbſt und altes Eiſenfindet er mit Leichtigkeit zuſammen), ſo hat er in kurzer Zeit ſo viel verdient, um ſich den Krug mit Branntwein füllen laſſen zu können. Was braucht er alſo ſich noch länger abzumühen?

Außer dem Schmiedehandwerk verſtehen ſich die ungariſchen Zigeuner auch auf mancherlei Holzarbeit und ſchnitzeln künſtliche Löffel und Gabeln oder ver⸗ ſertigen ſie Mulden, Tröge und ſonſtigen Hausrath.:

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