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Dänemark, Schweden und Polen. Ja ſogar in Deutſch⸗
land, wo man doch am Ende des vorigen. Jahrhun⸗
derts allüberall ſo weit ging, daß man die Zigeu⸗ ner wie jagdbare Thiere niederzuſchießen oder ſie ohne Weiteres aufzuhängen befahl, konnte man ſie nie ganz ausrotten, und ihrer etliche Tauſend vagabundiren noch immer bei uns herum. Nur allein in den Niederlanden fanden ſie kein beque⸗ mes Feld für ihre Thätigkeit, dieweil es dort keine Gebirge und Wälder zum Campiren gibt, und als man nun anno 1545 das grauſame Gebot erließ, daß ge⸗ gen die braunen Aſiaten„mit Geißelung, Aufſchlitzung der Naſe und Landesverweiſung bei Lebensſtrafe“ zu verfahren ſei, da ſuchten die wandernden Geſellen das Weite, um nie mehr wiederzukehren.
Man ſieht aus dieſer kurzen Skizze, wie man ſich faſt in allen Staaten Europas der Zigeuner ohne Wei⸗ teres mit Gewalt zu entledigen ſuchte. An ihre Er— ziehung dachte man nicht, und eben ſo wenig daran, ihnen Gelegenheit zur Selbſtbeſſerung zu geben, ſon⸗ dern man wollte ſie vielmehr ausrotten, wie man das Unkraut ausrottet. Doch— fanden denn gar keine Ausnahmen ſtatt? Ei freilich, und zwar in denjenigen Staaten, welche ſich der europäiſchen Kultur am lang⸗ ſamſten erſchloſſen, nämlich in der Türkei, in Ruß⸗ land, in Ungarn und Siebenbürgen. In allen dieſen Staaten gab es nie eine Zigeunerhatze, ſondern das braune Völklein durfte ſich ausdehnen und mehren nach Herzensluſt, denn man brauchte es gar nothwendig zu vielen Dingen. Eben deßwegen gibt es auch der Tzen⸗ garis nur allein in Ungarn und der Wallachei mehr denn dreimalhunderttauſend, und nirgends haben ſie ihre urſprünglichen Eigenthümlichkeiten reiner erhalten, als dort. Ja dort, bei den Magyaren, zu welchen ſich die Zigeuner„als den jüngſten Einwanderern in Aſien“ beſonders hingezogen fühlen, finden wir noch ächte zigeuneriſche Sprache, ächte zigeuneriſche Sitte, ächte zigeuneriſche Geſinnung, und darum kann auch der Leſer dieſes eigenthümliche Volk nie beſſer kennen ler⸗ nen, als wenn wir ihm den ungariſchen Zigeu⸗ ner in ſeinem Leben und Wirken ſchildern!
Schon das Ausſehen des ungariſchen Zigeuners gibt den Beweis, daß er der ächte und unvermiſchte Abkömmling des aſiatiſchen Malayen iſt. Das oliven⸗ farbene Geſicht, auf dem die Wangen ſich nie röthen, die glühend ſchwarzen Augen, umgeben von düſteren Ringen, das lange, glatte, tief dunkelglänzende Haar, die wilde Grazie ſeiner ſchlanken, geſchmeidigen Glie⸗ der, das Abgeriſſene, Unſtete in Sprache, Bewegung und Blick— wahrhaftig er kann es nie verleugnen, daß ſeine Uhranen Czingaris waren! Noch deutlicher wird uns dies, wenn wir darnach ſehen, wie er lebt, d. h. wie er wohnt, was er ißt und wie er ſich kleidet.
Wohnung— wer kann eigentlich bei den ungari⸗ ſchen Zigeunern von einer Wohnung ſprechen? Iſt ihnen doch das Wandern und Vagabundiren ſo zur andern Natur geworden, daß ſie faſt ohne Ausnahme neun Monate im Jahr„auf der Reiſe“ zubringen. Ein kleiner Wagen mit einem Leinwanddache— eine Plachta— birgt die ganze Familie, den Vater, die Mutter, die Eltern, die Geſchwiſter, die Kinder, und ſelbſt für kalte Regennächte wird kein beſſerer Schutz verlangt. Den Wagen zieht ein kleines Pferdchen mit
gottiger Mähne, und ſo geht's vorwärts Tag für Tag,
um alle Abende in der Nähe einer andern Ortſchaſt von Neuem Halt zu machen. Wandert übrigens der Zigeuner„bandenweiſe“, alſo zehn oder zwölf oder noch mehr Familien ſtark, ſo werden am Lagerplatze größere Zelte— er nennt ſie Tſchater— aufgeſchla⸗ gen, und dieſe ſind, obwohl ebenfalls nur aus Lein⸗ wand verfertigt, ſo feſt und dicht, daß man es unter ihnen ſogar im Winter zur Noth aushalten kann. Deſſenungeachtet kann man ſie mit größter Leichtigkeit transportiren, denn ſobald die Bande weiter zieht, legt man dieſelben in einen Bündel zuſammen und ſchnürt ſie auf dem Rücken der Pferde, die man ſtets in ziem⸗ licher Menge mit ſich führt, feſt. Auf dieſe Weiſe ſind die Wohnungen des größten Theils der Zigeuner in Ungarn beſchaffen; doch gibt es auch ſolche Fami⸗ lien, welche wenigſtens zur kalten Jahreszeit einen beſ⸗ ſeren Schutz vor Wind und Wetter verlangen, als ein Plachta und Tſchater gewähren können, und dieſe ziehen ſich entweder in Erdlöcher zurück, welche ſie in den Boden eingraben und vornen am Eingange mit einem Dache verſehen(natürliche Höhlen, wie z. B. bei Klauſenburg in Siebenbürgen, ſind ihnen ſelbſt⸗ verſtändlich eben ſo erwünſcht), oder aber quartiren ſie ſich in Hütten ein, welche ſie auf einem beſonderen und abgelegenen Theil der Städte, d. i. im Zigeunerviertel, Czigäng⸗väros genannt, zu errichten die Erlaubniß haben.„Wohnungen“ aber im wirklichen Sinne des Worts kann man auch dieſe Hütten nicht nennen, denn ſie enthalten nur ein einziges Gemach, in welchem die ganze Familie mit all' ihrem Eigenthum, insbeſondere alſo auch mit ihren Hunden, deren immer ein ganzes Rudel gehalten wird, zuſammengepfercht iſt, ſo daß Einem, der an ſolchen Schmutz, Rauch und Qualm nicht gewöhnt iſt, faſt der Athem vergeht.
Gerade wie mit der Wohnung, ſo ſieht es auch mit der Kleidung aus. Die kleinen Kinder nämlich beſitzen gar keinen Anzug, ſondern gehen nackt bis in ihr achtes oder zehntes Jahr. Dann erhalten die Mädchen eine Schürze, ihre Blöße zu decken, und die Knaben eine Hoſe, gerade wie es die Parias in Oſt— indien, d. i. die heruntergekommenſte Race der dortigen Einwohner, auch machen. In dieſem primitiven Zu⸗ ſtande zu leben geht natürlich bei den erwachſenen Zi⸗ geunern nicht an, wenigſtens nicht am hellen Tage (zur Schlafenszeit werfen ſie jede Bedeckung weg); allein wenn ſie ſich nun auch„kleiden“, ſo kleiden ſie ſich doch nie in einen„neuen“ Anzug. Im Gegentheil — Alles, was ſie auf dem Leibe tragen, iſt„alt“, weil erbettelt oder von Trödlern erworben, und alſo⸗ meiſtentheils zerriſſen und zerlumpt.„Eitel“ aber ſind die Zigeuner deßwegen doch, und zwar die Männer ſo gut wie die Weiber. Darum zieht der ungariſche Tzen⸗ gari in ſeinem Hochmuth den abgetragenſten und durch⸗ löchertſten Magnatenanzug, beſonders wenn er roth. oder grün iſt, dem beſten Bauernkleide vor, und wenn die„Gatya“ oder Hoſe nur mit Franſen beſetzt iſt, ſo darf das Hemd immerhin ſchmutzig und zerriſſen ſein, oder auch ganz fehlen. Hut, Schuhe und Strümpfe ſind ihm ohnehin Nebenſache; aber gelbe„Tſchismen“, d. i. Stiefel mit Sporen— nun wenn er dieſe hat, ſo dünkt er ſich mehr als ein Gott zu ſein. Gerade ſo halten es auch die Weiber; Schmutz und Verlumpt⸗ heit allüberall, aber ſchreiende Farben und glitzernde Zierathen! Eigenthümlich dagegen iſt ihr Kopfputz, denn ſie faſſen das ſtruppige, ungekämmte Haar ſtets


