ulen Nacktheit enthüllen.
glaube wenigſtens etwaß, derart an ſeinem Patienten, der ſich mit unwillkührlichem Schauder von dem Spie⸗ gel abgewendet, bemerkt zu haben. Die halblaute Frage bewirkte wirklich ein bemerkliches Schaudern bei dem ergriffenen, ſtets von den unheimlichſten Phantaſien gequälten Subſtituten. Er wagte es nicht, ſeine Be⸗ ſorgniſſe dadurch zu bannen, daß er dreiſt vor den Spiegel hintrat, und wendete ſogar im Uebermaße ſei⸗ nes Schreckens die Blicke ab von dem auf dem Tiſche ſtehenden Waſſerglas; dabei zitterte er an allen Glie⸗ dern, und der heiße Schweiß rann ihm über die kleb⸗ rige Stirne nieder.
„Nur nicht verzagt,“ ſagte Faulkner;„wir wollen zu der Haue bald den Stiel finden. Doch jetzt müſſen Sie ſchnell in's Bett. Nehmen Sie meinen Arm.“
Sie verließen mit einander das Zimmer, und ich hörte erſt am andern Abend ſpät wieder von ihnen. Herr Fordyce und Frau George ſaßen in ernſter Un⸗ terhaltung bei einander.
„Entſchiedene Waſſerſcheu,“ ſagte Herr Fordyce. „Alle Symptome dieſer Krankheit.“ Doctor A. und Doctor B., zwei berühmte Aerzte, ſind von Herrn Faulkner beigezogen worden; ſie erklärten, es könne hierüber kein Irrthum obwalten, und man dürfe nicht zögern mit dem gewöhnlichen Verfahren— Morphium, bis ein verhältnißmäßig ſchmerzloſer Tod eintrete. Herr Faulkner dagegen beſteht darauf, ſein Specificum werde die bisher für unheilbar gehaltene Krankheit heben, und will dem unglücklichen Patienten kein Morphium geben. Von den Aerzten verlangte er weiter nichts, als ihre unterſchriftliche Beſtätigung, daß Richard Bellingham wirklich von der Waſſerſcheu befallen ſei. Sie thaten ihm den Willen. Drei Stunden, nachdem ſich die Aerzte entfernt hatten, fügte Herr Fordyce bei,„be⸗ ſuchte ich den Kranken, und ich muß ſagen, daß die Heftigkeit der Symptome bedeutend nachgelaſſen hat.“
Es iſt ſeltſam, aber nichts deſto weniger wahr, daß Geheimniſſe und Räthſel, welche eine Zeit lang die anerkannteſten Geiſter verwirren, ſich oft dem ge⸗ ſunden Blicke weit untergeordneterer Perſonen in ihrer In dem vorliegenden Falle — ovon die gelehrten Aerzte nichts ge— kommen klar. Alfred Faulkner wollte
heit herbeiführen, ſich einen Namen antte deßhalb durch Arzneien und durch Einwirkung auf die Angſt, auf die Einbildungskraft ſeines Patienten die Symptome hervorgerufen, welche die beigezogenen achtbaren Aerzte im Hinblick auf den vorausgegangenen Hundsbiß für unverkennbare Anzei⸗ chen der Waſſerſcheu erklärten. Da ich mich indeß überzeugt fühlte, Faulkner beabſichtige Richard Belling— ham keinen bleibenden Nachtheil zuzufügen, ſo ſchien es mir das Beſte zu ſein, wenn ich meinen Argwohn, meine Ueberzeugung für mich behielt.
Faulkner ließ das von den beiden Aerzten unter⸗
zu machen, Unb
zeichnete Gutachten, das Richard Bellingham als un-
heilbar der Waſſerſcheu verfallen erklärte, in die Abend⸗ zeitungen einrücken, und fügte ein anderes Zeugniß bei, in welchem ein dritter ausgezeichneter Praktiker beglau⸗ bigte, er habe den Patienten eben geſehen, und denſel⸗ ben wohl in einem Zuſtande großer Schwäche gefunden;
doch ſei die Krankheit ſelbſt durch Herrn Faulkners
Mittel angenſcheinlich überwunden worden.
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Natürlich machte dies in der Aerztewelt gewaltiges V
Aerzte,
Sie mich Ihren Puls fühlen.“
Aufſehen, und die Fakultät beſchloß, der Wahrheit die⸗ ſer Sache möglichſt auf den Grund zu gehen.
Drei Aerzte und Wundärzte erſten Ranges fanden ſich zu dieſem Ende in der Juddſtraße ein— ſo früh, daß ich, der ich die Nacht vorher von meinem Dienſt ſcharf in Anſpruch genommen geweſen, noch im Bette lag. Als mir das Dienſtmädchen mittheilte, was vor⸗ ging, ſtand ich hurtig auf und begab mich hinunter. Da ſah ich nun, wie Faulkner leichenblaß und mit vor Aufregung oder Schrecken ſprühenden Augen an dem Schlüſſelloche des Gemaches lauſchte, in welchem die drei Doctoren über Richard Bellinghams Zuſtand eine Conſultation hielten.
Ich blieb, von Faulkner unbemerkt, an dem Trep⸗ pengeländer ſtehen, und hörte bald nachher die Thüre des Patienten aufgehen; die drei gelehrten Herren kamen heraus, ſtiegen mit ernſten, feierlichen Schritten die Treppe hinunter, und Faulkner folgte ihnen. Einer von den Doctoren, der mich kannte, rief mir, als er meiner anſichtig wurde, zu:
„Herr Polizeioffizier, Sie müſſen bleiben. Man wird Ihrer Dienſte benöthigt ſein.“
Natürlich gehorchte ich und trat mit den Vieren in Herrn Faulkners Privatzimmer. Der arme junge Mann war mir lieb geweſen, weßhalb ich meine Augen von ſeinem hageren, leichenblaſſen Geſicht ab⸗ wandte.
„Herr Faulkner,“ ſagte der älteſte von den Aerz⸗ ten,„Ihr nichtswürdiger Kunſtgriff iſt durchſchaut. Der junge Menſch droben liegt im Sterben—“
Ein krampfhafter Aufſchrei unterbrach ihn. Faulk⸗
ner war, wie von einem Blitzſtrahl getroffen, auf
einen Stuhl niedergeſunken.
„Richard Bellingham hat eben ſo wenig die Waſ⸗ ſerſcheu gehabt, als ich,“ fuhr der Doctor fort.„Sie haben durch die Anwendung bekannter giftiger Stoffe Symptome hervorzubringen gewußt, die bei nicht ſehr ſorgfältiger Unterſuchung auch geſchickte Fachmänner auf den Glauben bringen konnten, es handle ſich bei dem Patienten um dieſe ſchreckliche Krankheit. Wir wollen nicht glauben,“ fügte der ehrwürdige Herr bei, „daß es in Ihrer Abſicht lag, den jungen Mann um's Leben zu bringen; auch erliegt er nicht der Wir⸗ kung der von Ihnen benützten giftigen Droguen, ſon⸗ dern einfach einer tiefen Nervenſchwäche, der Folge ſeiner Angſt, unvermeidlich an der Hydrophobie ſterben zu müſſen, weil er durchaus keinen Glauben zu Ihrem Arcanum hatte. Aus dieſem Zuſtande, nehmen Sie mein Wort dafür, erholt er ſich nicht wieder. Sie, Herr Polizeiofſizier, dürfen dieſen Herrn nicht aus den Augen laſſen, bis die geeignete Behörde vollſtändig von allen Umſtänden dieſes erſchütternden Falls in Kenntniß geſetzt iſt.“—
„Halten Sie einen Augenblick,“ rief einer der welcher die ganze Zeit über den armen Faulk— ner mit großer Aufmerkſamkeit beobachtet hatte.„Hal⸗ ten Sie einen Augenblick— Herr Faulkner, laſſen Er ſtreckte die Hand aus, als wolle er das Handgelenk des jungen Man⸗ nes faſſen, griff aber ſtatt deſſen einen auf dem Tiſche liegenden Taſchenſpiegel auf und ließ die blanke Fläche gegen Faulkner hinblitzen. Eine heftige krampfhafte Verzerrung war das urplötzliche Reſultat.
„Unglücklicher junger Mann,“ fuhr der Arzt fort,


