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durchſchnittlich alle vierzehn Tage einmal vor, wenn
ſeine Nichten Julie und Laura Morris mit ihrer Mut⸗ ter, der Wittwe Morris, dem reichen Onkel einen Beſuch machten. Die beiden Nichten waren hübſche Mädchen, namentlich Julie, obſchon nicht eben Schön⸗ heiten; doch konnte ich für meine Perſon ihnen keinen ſonderlichen Geſchmack abgewinnen. Um ihrer Stellung in der Geſellſchaft willen— ihr Vater war ein Bäcker in Islington geweſen, und ſeine Wittwe trieb das ſchwunghafte Geſchäft noch immer fort— hätten die Mamſellen ihre Naſen nicht ſo hoch tragen dürfen; denn ich konnte deutlich merken, daß ſie eine Herab⸗ würdigung ihres Onkels darin ſahen, wenn er ſich mit einem Polizeibeamten in deſſen dienſtfreier Zeit unter⸗ hielt und ihm geſtattete, in gewöhnlicher Kleidung an ſeiner Tafel zu erſcheinen. Vielleicht hatten ſie Recht; aber deßhalb mochte er doch nicht ſeinem Lieblings⸗ partner im Whiſtſpiel den Laufpaß geben. Sie waren übrigens angenehme Frauenzimmer, die ſich bei nähe⸗ rer Bekanntſchaft immer beſſer machten, und ihnen haben wir die Tragödie in der Juddſtraße hauptſäch⸗ lich zuzuſchreiben.
Es war eine bekannte Sache, und Herr Fordyce machte kein Geheimniß daraus, daß er ein Teſtament errichtet und für den Fall ſeines Ablebens jede ſeiner Nichten mit fünftauſend Pfunden bedacht hatte. Nun waren Fräulein Julie und Fräulein Laura von vorn⸗ herein nicht die Perſonen, von denen ſich erwarten ließ,
daß ſie ſich wegwerfen würden, ſelbſt wenn ſie über
keine andere Mitgift zu verfügen hatten, als über ihr hübſches Ich, ihre Herzen und ihre Laute, die, wenn man ihrem Geſang glauben durfte, vollkommen aus⸗ reichten, die Wolken des Lebens zu verſcheuchen oder doch zu vergolden; denke man ſich dazu noch die Zugabe von fünftauſend Pfunden, ſo wird man begreifen, daß ſie die Anſprüche für ihre Zukunft gehörig hoch ſpann⸗ ten. So war zum Beiſpiel der Herr Faulkner ein ſchöner junger Mann und Mitglied des K. Chirurgen⸗ Colleges, folglich eine ganz angenehme Parthie, wenn er es nur erſt zu einer einträglichen Praxis gebracht hatte, welche ihn mit den zugäblichen Intereſſen von fünftauſend Pfunden in den Stand ſetzte, eine beſchei⸗ Und bis er ſo weit kam, war ein bischen Hofmachen auch keine unangenehme
Sache. Was Richard Bellingkon betraf, ſo glaube ich,
daß er bei einer Bewerbung um eine der Nichten kaum eine beſſere Ausſicht als ich ſelbſt gehabt haben würde. Warum nicht gar— ein Notaraantsſchreiber— wie ungereimt! Sie wußten vielleicht nicht, daß die reich⸗ ſten Sachwalter und Notare als Schreiber den Anfang machen mußten.
Es war klar, daß Herr Faulkner ſich auf die Wahrſcheinlichkeiten des Eheſtandſpiels, das er gern je eher je lieber aufgenommen hüätte, weit beſſer verſtand, als auf die des Whiſt, für das er nur eine ſehr mit— telmäßige Begabung zeigte, hauptſächlich um ſeiner Zerſtreutheit willen. Er ſchien immer an etwas An⸗ deres, an etwas viel Wichtigeres und Intereſſanteres als die Karten zu denken. Es ſtand indeß nicht lang an, bis ich die Ueberzeugung gewann, daß ihn Fräu⸗ lein Julie Morris unrettbar an ihrer Angel hatte.
Und doch war Faulkner ein Mann von glänzendem, von umfaſſendem Verſtande, aus dem Stoff geformt, der geiſtige Rieſen bildet und nur der Gelegenheit be⸗ darf, um ſich aus dem kalten Schatten der Dunkelheit,
dem niedrigen Schlamm der Armuth ſchnell zu den ſtolzeſten Höhen ſeines Berufs zu erheben. Dies konnte ſogar ich beurtheilen; und doch war Miß Julie Mor⸗ ris, im günſtigſten Licht betrachtet, nur ein ziemlich hübſches, umgängliches Mädchen von alltäglichem Schlag und ihre Bildung ſo elementar, wie ſie gemeiniglich wohlhabenden Bürgerstöchtern eigen iſt.
Für ſolche Dinge gibt es keine Erklärung; genug, daß Alfred Faulkner Julie Morris liebte. Er machte ihr endlich einen Antrag, und es kam zu einer Ver⸗ ſtändigung. Faulkner erklärte unumwunden, daß ſein ganzer Reichthum in der Hoffnung, in der ſtarken Hoffnung beſtehe, in ſeinem Beruf Auszeichnung zu erringen, obſchon er es in demſelben noch nicht weit gebracht habe, und ſeine Kundſchaft vorderhand gleich Null ſei. Doch hatten die ausgezeichnetſten Aerzte und Wundärzte beim Beginn ihrer Praxis ſich in ähnlichen Umſtänden befunden, und obſchon Selbſtlob nicht nach ſeinem Geſchmack ſei, ſo habe er doch das Vertrauen zu ſich, daß er es, wenn ſich ihm nur eine Gelegenheit biete, ſeine Kunſt zu zeigen, recht gut mit denen auf— nehmen könne, welche in der öffentlichen Meinung ihm bereits den Vorrang abgewonnen. Das Reſultat war eine Uebereinkunft, welche ihm für den Fall, daß er erfolgreich die unteren Stufen der Lebensleiter zurück⸗ gelegt und die Ausſicht habe, die höchſte oder jedenfalls eine gehörige Höhe zu erreichen, die liebenswürdige Per⸗ ſon und die fünftauſend Pfunde der Miß Julie Mor⸗ ris zuſagte; auch ging Herr Fordyce, der den jungen Arzt trotz ſeines ſchlechten Whiſtſpiels ſehr gern hatte, ſo weit, es ſchriftlich von ſich zu geben, daß die er⸗ wähnte Mitgift am Hochzeitmorgen ausbezahlt werden ſollte. Mittlerweile ſollten Herr Faulkner und Fräu⸗ lein Julie als Freunde, nur als Freunde ſich be⸗ gegnen.
Ich will nun darlegen, was ich erſt ſpäter erfuhr — in welcher Lage nämlich ſich Faulkner zu der Zeit befand, als das eben erwähnte Uebereinkommen zwi⸗ ſchen ihm, Julie Morris, ihrer Mutter und Herrn Fordyce ſtatthatte. Er war der Sohn eines Mannes, der früher ein ſchönes Vermögen beſeſſen, aber durch liederliche Wirthſchaft ſich in Armuth und Elend geſtürzt und vor einigen Jahren in einer geringen Hütte von Somerstown das Zeitliche geſegnet hatte. Er hinter⸗ ließ eine gelähmte, halbblinde Wittwe, die ſich ſelbſt keine Hilfe geben konnte, und für die noch kurze Dauer ihres Erdenwallens von einem Verwandten unterſtützt wurde. Dieſer hatte auch die Koſten für Alfreds Er⸗ ziehung beſtritten, und den jungen Studenten, als er ſeine mediciniſchen Studien mit Glanz beendigt, noch mit hundert Pfunden beſchenkt, der letzten Gabe aber mit ſeinem Segen die Erklärung beigefügt, daß er nicht mehr weiter für ihn thun könne. Drei oder vier Monate nachher ſtarb dieſer wohlwollende Verwandte in Verhältniſſen, die ſich keineswegs ſo glänzend aus⸗ wieſen, als man erwartet. Inzwiſchen waren die hun⸗ dert Pfund allmählig hingeſchmolzen. Faulkners Praxis warf in der Woche kaum mehr als zwanzig Schillinge ab, und der junge Mann gerieth bald gegen Frau George und Andere in Schulden. So verhielt ſich Alfred Faulkners pecuniäre Lage, als er ſich um die Hand der Julie Morris und um die fünftauſend Pfunde bewarb, zu welchen dieſe Hand den Schlüſſel hatte. Er gewann nicht viel durch dieſen Zug.
Gleichwohl konnte man von dem Punden enthuſig⸗ *⁵„f


