Teil eines Werkes 
Band 1
Seite
183
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iſt fremd in Texas geweſen, und es wird's Niemand erkennen. Kommt ſo bald als möglich wieder zurück. Ich will das Geld mitnehmen, es abzählen und Euren Antheil für Euch zurücklegen.

Ihr nehmt aber doch nicht mehr als die Hälfte, Bill?

Haltet Ihr mich für einen Dieb, Joe?

Oh nein; es war nur Spaß, Bill.

Und dazu glaubt Ihr berechtigt zu ſein, weil Ihr der Joe King ſeid? verſetzte der Andere lachend.Na, macht daß Ihr fort kommt nehmt Euch in Acht, daß Euch Niemand begegnet zuerſt durch's Gebüſch.

Die Beiden traten nun den Rückweg an, um ſich in einiger Entfernung zu trennen. Nach ein paar Minuten waren ſie außer Hörweite.

Für unſern Freund war länger kein Grund vor⸗ handen, über dem Grabe des Ermordeten auf ſeinem Baume zu bleiben; er ſtieg daher wieder herunter, ge⸗ langte auf den Roßpfad zurück und eilte, vor Entſetzen und Grauſen am ganzen Leibe zitternd, in weſtlicher Richtung weiter. Diesmal kam er nicht wieder vom Wege ab. Nachdem er zwei oder drei Miles zurück⸗ gelegt hatte, gelangte er auf freies Feld, und erblickte in nicht großer Entfernung das Flimmern eines Lich⸗

tes, das augenſcheinlich von der Wohnung eines An⸗

ſiedlers herkam. Die Ausſicht auf eine Nachtherberge

würde er unter anderen Umſtänden mit Freuden begrüßt

haben; aber das Verbrechen, deſſen Zeuge er eben ge⸗ weſen, machte ihn ängſtlich und argwöhniſch. Lieber

wollte er die Nacht im Freien zubringen und ſogar

am Morgen die Begegnung mit jedem Fremden ver⸗ meiden, bis er einen Platz erreicht hatte, der hinrei⸗ chend bevölkert war, um ihm die Enthüllung ſeines ſchrecklichen Geheimniſſes räthlich erſcheinen zu laſſen.

Wie er ſich eben niederlegen wollte, bemerkte er ein Pferd, das einige Ruthen links vom Wege ab ruhig graste. In der Vermuthung, es könnte ſein entlaufenes Thier ſein, näherte er ſich demſelben vor⸗ ſichtig, und machte zu ſeiner großen Freude die Ent⸗ deckung, daß er ſich nicht getäuſcht hatte. Er griff es auf und beſtieg es. Sobald nun unſer etwas furcht⸗

ſamer Freund ſich wieder im Beſitze ſeiner Piſtolen

ſah, wuchs ihm der Muth, und er nahm ſich vor, keck auf die nächſte Anſiedelung zuzureiten. Dort angelangt, ſtellte er in dem einzigen Wirthshauſe ein und begab ſich zu Bette, ohne über den Vorgang im Walde etwas verlauten zu laſſen.

Am anderen Morgen erkundigte er ſich nach einer Magiſtratsperſon, und wurde nach dem Hauſe des Squire Goodwin gewieſen, welcher der Verſicherung ſeines Wirthes zufolge ein ſo ehrlicher Mann ſein ſollte, wie nur je einer gelebt hatte. Unſer Freund machte dieſem ehrlichen Squire die Aufwartung in der Abſicht, ihm Alles, was er von dem ſchrecklichen Morde wüßte, zu eröffnen; aber man denke ſich ſeine Ueberraſchung, ſeine Beſtürzung und ſeinen Schrecken, als er in der Orts⸗ obrigkeit ſelbſt einen der Mörder erkannte, die vor ſei⸗ nen Augen ihr Opfer eingeſcharrt hatten. Er wurde

blaß, fuhr zurück und ſtreckte voll Abſcheu ſeine Hände aus.

Nun, was ſoll dies heißen? fragte der Ortsvor⸗ ſtand mit finſterem Stirnerunzeln.

Auch die Stimme! Es war dieſelbe, welche er bei jenem unvergeßlichen Auftritte gehört hatte.

Ich bitte um Verzeihung, verſetzte unſer Freund, der ſchnell ſeine Faſſung wieder gewann,ich meinte, Sie ſchon früher geſehen zu haben, ſehe aber wohl, daß es ein Irrthum iſt. Können Sie mir nicht Aus⸗ kunft geben über einen gewiſſen Henry Smith, der ſich irgendwo in dieſer Gegend niedergelaſſen haben ſoll?

Ich weiß nichts von einem Menſchen dieſes Na⸗ mens, antwortete der Andere, ihn noch immer arg⸗ wöhniſch betrachtend.

Einige weitere Fragen über eine Perſon, von der unſer Freund ſelbſt nie etwas gehört hatte, ſchienen ihn zu überzeugen, daß er ſich in dieſem Strich ver⸗ geblich nach einem Henry Smith umſah; nachdem er den Richter um Verzeihung gebeten, daß er ſeine koſt⸗ bare Zeit in Anſpruch genommen, wünſchte er ihm guten Tag und entfernte ſich.

Auf dem Wege nach dem Wirthshauſe begegnete er dem anderen Mörder, der mit ganz unſchuldiger Miene ſich ihm anſchloß und ihn bis an's Haus begleitete.

Wer iſt dieſer Herr? fragte er den Wirth, auf das fragliche Individuum deutend.

Das iſt Joſeph King, unſer Sheriff.

Unſer Freund befand ſich noch zehn Miles von ſeinem Beſtimmungsort, wo er etwas Land zu kaufen und ſich niederzulaſſen beabſichtigte; aber was er in ſo kurzer Zeit erlebt hatte, reichte zu, ihn zu einer Aen⸗ derung ſeines Planes zu beſtimmen. Er beſtieg ſein Pferd wieder und ritt nach Houſton zurück, wo er wohlbehalten wieder anlangte. Ein paar Tage ſpäter ſchiffte er ſich in Galveſton ein, um nach New⸗Orleans zu reiſen, feſt entſchloſſen, ſich nie wieder unter den Räubern und Mördern von Texas blicken zu laſſen.

Drei Jahre nachher las er in den Zeitungen einen Bericht über die Aufhebung einer Falſchmünzer⸗ und Mörderbande in Texas, deren Anführer William Good⸗ win und Joſeph King laut Spruchs des Richters Lynch gehangen worden waren.

Erſt ſeitdem iſt's mir wieder wohl geworden, ſagte mein Freund,denn ich gewann daraus die Ueber⸗ zeugung, daß den Verbrecher früher oder ſpäter die ſtrafende Gerechtigkeit ereilt. Ihr wundert Euch viel⸗ leicht, daß ich nicht in Texas blieb und gegen die Mörder des Reiſenden klagbar wurde? Aber würde man den Angaben eines Fremden Glauben geſchenkt und nicht vielmehr mich ſelbſt als der Unthat verdäch⸗ tig feſtgenommen haben? Und wenn's auch anders ge⸗ gangen wäre meint Ihr, man hätte mich das Ende des Kriminalprozeſſes erleben laſſen? Nein, nein; nach dem, was ich erlebt, hielt ich es für beſſer, mein Geheimniß bei mir zu behalten und Texas den Rücken zuzukehren. Auch reut es mich keinen Augenblick, daß ich ſo gehandelt habe.