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II.
Drei Jahre ſind vergangen ſeit der eben ſo grau— ſamen als niederträchtigen That, welche wir ſo eben beſchrieben haben, und in dieſer Zeit hat ſich gar Man— ches verändert. Vor Allem müſſen wir konſtatiren, daß Mary ihren Schwur hielt und dem Vetter John ihre Hand reichte. Zwar allerdings geſchah dies nicht gleich den andern Tag nach dem bewußten Ereigniſſe, ſondern erſt ein paar Wochen ſpäter, denn die furcht⸗ bare Aufregung jener Nacht warf ſie in ein hitziges Fieber, von dem ſie ſich nur langſam erholte. dies würde ſie dem erzwungenen Ehebündniſſe unbe⸗ dingten Widerſtand entgegengeſetzt haben, wenn ſie ge⸗ wußt hätte, wie John und der alte Eſtill in Wahrheit gegen den Simon Girty verfahren waren; allein man hatte ihr hinterbracht, daß Simon nach wenigen Tagen von ſeinen Wunden geneſen und im Stande geweſen ſei, nach Virginien zurückzureiten, und— warum hätte ſie an dieſem Berichte zweifeln ſollen? Wenn der alte Eſtill bei den Gebeinen ſeines Vaters ſchwur, ſo durfte man ihm ja trauen! So gewährte ihr denn der Ge⸗ danke, durch ihre Aufopferung dem Geliebten das Leben gerettet zu haben, unendlichen Troſt, und eben in die⸗ ſem Troſt fand ſie den Muth, eine Ehe zu ertragen, die ihr ſonſt Eckel und Abſcheu zugleich eingeflößt haben würde. Dennoch konnte man natürlich von einem Glück in dieſer Verbindung nicht ſprechen, ſondern es gab vielmehr nicht einen einzigen ſonnigen Tag in der⸗ ſelben. Allerdings offene Zerwürfniſſe oder Scenen kamen ſelten vor, denn ſie ertrug die rohen Launen und ſonſtigen ſchlimmen Gewohnheiten ihres Gemahls mit einer merkwürdigen Geduld und Ergebung; allein ſie gebar ihm keine Kinder und kränkelte zugleich ſeit dem Hochzeitstage ſo auffallend, daß ihre Kräfte ſicht⸗ lich dahin ſchwanden. Wie nun aber der alte Eſtill ſah, daß ſeine Hoffnung, einer Schaar von kräftigen Enkeln ſein großes Beſitzthum hinterlaſſen zu können, eine vergebliche ſei, wurde er von Tag zu Tag mür⸗ riſcher, und nach Verfluß von ein paar Jahren fing er ſogar an, ſeine Söhnerin, ſtatt mit Liebe, mit Haß zu betrachten; ſein Sohn aber, Mary's Gatte, ging in ſeiner Härte, Rohheit und Liebloſigkeit noch weiter, und verfluchte in ſeinem Innern den Tag, an welchem ſeinem Vater der Gedanke gekommen ſei, ihn an ein ſieches Weſen zu feſſeln, mit dem er auch in gar kei— ner Beziehung harmonirte.
Abgeſehen übrigens von dieſen Verhältniſſen, die mehr geiſtiger als materieller Natur waren, verging auf Eſtills Station ein Tag wie der andere, und nur ziemlich ſelten wurde die einförmige Einſamkeit durch irgend ein beſonderes Ereigniß unterbrochen; als ein Ereigniß aber galt es ſchon, wenn nur einmal ein Fremder ſich auf die Station verirrte, oder wenn in der Runde von vierzig Meilen ein neuer Anſiedler Poſto faßte, oder endlich, wenn ſich Indianer in der Nachbarſchaft ſehen ließen. Man muß nämlich wiſſen, daß die Letzteren ſich, je mehr Weiße aus den atlan⸗ tiſchen Staaten in's Land kamen, immer weiter gegen den Miſſiſſippi hin zurückzogen, weil ſie mit den „Bleichgeſichtern“ keine Gemeinſchaft haben wollten, und daß ſie insbeſondere jede Berührung mit Eſtills Station mieden, deren Bewohner allgemein als beſon⸗ ders heftige und grauſame Feinde„des rothen Man⸗
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Ueber⸗
nes“ galten. Um ſo mehr alſo mußte es auffallen,
daß ſich etwa ein Vierteljahr nach dem Beſuche Simon
Girty's auf einmal eine alte Indianerin auf der Sta⸗ tion einfand, und nicht blos verſchiedene Tage lang in der Umgegend, anſcheinend ohne irgend einen Zweck, verweilte, ſondern von da an auch alle paar Monate regelmäßig wiederkehrte, um nach kurzem Aufenthalte eben ſo plötzlich, als ſie gekommen, wieder zu ver— ſchwinden. Noch auffallender war, daß ſie, wie ſolche herumſtreifende Indianerinnen ſonſt zu thun pflegten, nicht nur nicht bettelte, ſondern ſogar jede Gabe, die man ihr unaufgefordert reichen wollte, ſtolz verſchmähte, nur allein das Brod und Fleiſch ausgenommen, wel⸗ ches ſie von der jungen Frau des Hauſes eigenhändig empfing. Auch würdigte ſie Niemanden eines Wortes, obwohl ſie, wie ſich ſpäter herausſtellte, im Engliſchen nicht ganz unbewandert war und Alles ganz gut ver⸗ ſtand, was man zu ihr ſagte oder was um ſie her vorging; wenn dagegen Mary ſie anredete, ſo nickte ſie ſtets äußerſt freundlich, wie wenn ihr damit ein beſonderer Gefallen erwieſen würde. Ueberhaupt ſchien es, als ob ſie mit allen ihren Beſuchen keinen anderen Zweck verfolgte, als nur allein die Gattin Johns zu ſehen und zu ſprechen, denn wenn dieſe, was nur zu oft der Fall war, Unwohlſeins halber das Bett hütete, ſo blieb ſie ſtets ſo lange in der Umgegend, bis die arme Kranke wieder ihrem Hausweſen nachging; wenn ſie aber Marien ſchon gleich am erſten Tag nach ihrer Ankunft zu Geſicht bekam, ſo verſchwand ſie ſicherlich gleich am anderen Morgen, und ſtellte ſich erſt nach einigen Monaten abermals ein. Unter ſolchen Um⸗ ſtänden iſt es natürlich nicht zu verwundern, wenn die gute Mary eine Art von Vorliebe für die Indianerin faßte und dieſelbe unter ihren beſonderen Schutz nahm; allein eben ſo ſelbſtverſtändlich iſt es, daß der alte Eſtill und ſein Sohn die„zudringliche rothe Vagabun⸗ din“, wie ſie dieſelbe nannten, mit der größten Ver⸗
achtung behandelten und ihr mehr als einmal das Wiederkommen verboten. Ja einmal ſchwang John
ſogar die Peitſche und koppelte die Hunde los, um„die alte Zigeunerin“ aus ſeinem Territorium zu verjagen; doch ließ er ſchnell wieder davon ab, als er nun das Gebahren der Frau gewahrte. Dieſe nämlich richtete ſich auf einmal hoch auf und warf ihm einen ſo küh⸗ nen, herausfordernden Blick zu, daß er denſelben kaum aushalten konnte.„Großer Ruhm,“ rief ſie ihm dann
in ziemlich gutem Engliſch zu,„eine alte Frau zu töd⸗
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ten oder zu mißhandeln! Aber haſt du nicht gehört von Wikokalendies, dem großen Häuptling? Er ſchützt jedes Haar auf meinem Haupte, und nun komm du Geier, dem die weiße Taube angetraut, komm und verrichte deine Heldenthat!“ Das war eine Sprache, die er nicht erwartet hatte; ja es lag darin eine Drohung, die gar wohl zu beherzigen war, denn Wikokalendies oder das„Weißauge“ galt als einer der kühnſten und verwegenſten Häuptlinge, der je unter den Indianern aufgetaucht, und es wäre mehr als thöricht geweſen, ſeine Rache herauszufordern. Vor wenigen Jahren noch hatte man nichts von ihm gewußt, und nicht ein⸗ mal ſein Name wurde genannt; in neueſter Zeit aber ſprach man im ganzen Miſſiſſippithal nur von ihm, und es wurden eine Menge der veronnderamſtes Dihe ſowohl in Beziehung auf ſeine Abſtammung und ſein Ausſehen, als auch in Betreff ſeiner Tapferkeit und kriegeriſchen Thaten von ihm erzählt. Mochte nun
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