avtaſſender Mi
Familie um ſo viel das Unglück Günthers, welches
ein Brief von Tannenhof Amalien ſo ſchonend wie
möglich mittheilte, daß auch bei dieſem Anlaß die Frau Günthern eben nur bei Auguſten und bei der Mutter einige Theilnahme fand. Und doch— hätte man dieſe
wirklich gute Frau auf das Gewiſſen gefragt: wen ſie
lieber hingegeben hätte, ob Tannenhof oder Günther,
ſie würde haben antworten müſſen:„oh zehn mal lieber Günther.“ Erdmuthe konnte ſich nun gar einer unwillkürlichen Zufriedenheit darüber nicht erwehren, daß„der Junge“ ihr nun auch für die Zukunft aus⸗ ſchließlich angehören ſolle, denn daß es um Günther ein für allemal geſchehen wäre, das nahm Erdmuthe ohne Weiteres an, und tüäuſchte ſich auch nicht, denn als 1813 Tannenhof aus Rußland zurückkehrte, brachte er die ſo gut wie verbürgte Nachricht mit, daß der
arme Stabsſekretär bald in der erſten Zeit ſeiner Ge- ſchlagens ſaß Erdmuthe neben ihm und weinte Tag
fangenſchaft geſtorben ſei.
Amalie weinte um ihren braven und guten Mann, der„Alles gethan hatte, was er ihr an den Augen abſehen konnte“, aufrichtig und herzlich. Aber— ſie hatte ſich nun von Neuem in das elterliche Haus ein⸗
Aber ſie betrübte ſich ſehr.
gewöhnt, oder beſſer geſagt, ſich in den älteſten liebe als ſie in liebender Selbſtſucht das Kind ganz für ſich
ſten Gewohnheiten auf's Neue wieder eingerichtet, ihr Mann fehlte ihr nicht. Sie wußte, daß ſie ihn ver⸗ loren hatte, aber ſie empfand ſeinen Verluſt nicht.
Mitten in der Betrübniß um ihn konnte ſie ſich ſtau⸗ nend an Corneliens Glück freuen, welches wieder ſo
friſch blühte, wie je. Tannenhof war in ſeine frühere Garniſon zurückgekehrt, er wohnte wieder im Hauſe,
er war zärtlicher, feuriger faſt, als früher, die Ein-
willigung ſeines Vaters wurde ihm von ſeiner Schwe⸗ ſter, die ganz eben ſo dachte, wie er, als nahe bevor⸗ ſtehend zugeſagt— es war Feſtzeit im Hauſe, und die Frau Günthern freute ſich ſo gut wie Alle.
Etwas nur bekümmerte ſie: daß ſie Schritte thun
ſollte, um ſich den Genuß der kleinen Wittwenpenſion
zu ſichern, auf welche ſie ein Anrecht hatte. Sie fand Schwierigkeiten: man glaubte an den Tod des Stabs⸗- ſie wollte lieber draußen für die Kranke ſorgen und
ſekretärs, aber man wollte ihn gerichtlich beſtätigt haben, und wie ſollte die junge Wittwe ſich dieſe Beſtätigung
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verſchaffen? Der Kammerſchreiber und Tannenhof be⸗
riethen ſich, die Mutter ſeufzte, die Schweſtern waren
unwillig auf die Behörden, Amalie entſchloß ſich kurz
und ſchrieb an den General, welcher der frühere Vor⸗ geſetzte Günthers geweſen war. Der Brief war charak⸗ teriſtiſch für Amaliens ſchriftſtelleriſches Talent— er begann:„Lieber Herr General, Sie ſind immer ſo gut gegen uns geweſen, Sie haben immer für Gün⸗ thern geſorgt, ſorgen Sie jetzt auch für mich.“ Die arme Frau Günthern wurde ihres naiven Briefſtyls wegen von den Schweſtern und beſonders von Corne⸗
lien und Tannenhof weidlich ausgelacht, indeſſen das
Ergebniß ihres Schrittes rächte ſie an den Spöttern: ſie bekam ihre Penſion.
„Wehe denen, die lachen.“ Es iſt das ein ſchauer⸗ Wo das Lachen iſt, ſind die Thrä⸗
lich wahres Wort. nen nah. Der kleine Louis ſtarb. Es war im April — er hatte Frühlingsblumen zum Schmucke ſeines klei⸗ nen Sarges.
Amalie war mehr erſchreckt als ergriffen. Erſchreckt durch das Unerwartete, erſchreckt vor Allem durch die erſte unmittelbare Anſchauung des Todes, vor welchem . ginde: heſgndere Angſt gezeigt hatte. Bisher
e:„wir erch kein Todesfall vorgekommen,
ſelbſt die Großmutter lebte noch. Der kleine verwaiste Knabe, der ſeinen Vater nie geſehen, eröffnete den Reigen der künftigen Todten, welche aus dem Hauſe nach und nach herausgetragen werden ſollten.
Wenn Amalie an dem Bette, wo ihr Kleiner ſo weiß und ſtill lag, mehr ſchauerte als weinte, ſo war das erklärlich. Von Anfang an war es ihr vorgekom⸗ men, als wäre das Kind nur dazu in der Welt, daß die Familie Freude an ihm habe, der Familie war es mehr geſtorben, als ihr und hauptſächlich Erdmuthen. Die hatte, ohne es ſelbſt recht zu wiſſen, auf den Kleinen ihre ganze Zukunft gegründet. Wie Amalie Allen, ſo gehörte Louis ausſchließlich ihr. Niemand liebte ihn ſo, wie ſie, nach keiner Andern, ſelbſt nach der Mutter nicht, obwohl ſie ihn nährte, ſtreckte er ſo kindiſch verlangend die Hände aus. Und nun war er todt, und in der Vernichtung des erſten großen Fehl⸗
und Nacht. Sie grollte nicht, denn die Frömmigkeit
der Mutter war auf ſie übergegangen, und ſie hielt
demüthig ſtill, als ſie ſich von Gott geſchlagen fühlte. Daß ſie vielleicht für das Unrecht büßen müſſe, welches ſie dem Vater gethan,
zu behalten wünſchte, das kam ihr nicht ein. Auf dem Standpunkt, wo Selbſtprüfung und Selbſtverurtheilung ausgeübt wird, befand Erdmuthe ſich ſo wenig wie irgend ein anderes Mitglied der Familie. Das Ge⸗ ſammtleben Aller und das Gefühlsleben der Einzelnen
war das unmittelbare Produkt einer unbewußten Nai⸗
vetät, die Improviſation des Naturells, das unwill⸗ kürliche Ergebniß der verſchiedenen Temperamente. Der kleine Louis war der Vorſchweber einer an⸗ dern Seele geweſen, die heim ſollte, von ſeinem Sarge kam zehn die zweite Trauer. der letzten möglichen Liebe auf Erden um die Sterbende her, nur die Frau Günthern kam nicht gern hesein,
Tage nach ſeinem Sterben folgte der zweite Tod,
kochen, damit ſie alles Begehrte auf die Minute er hielte und Alles gut. Was konnte die arme Amalie dafür, daß ihr vor dem Enden ſo graute, daß ſie in ihrer demüthigen Thätigkeit nur Sinn für das Leben, nicht für den Tod hatte? Ein Mal mußte ſie dem Grauen doch Stand halten, die Mutter verlangte nach ihr.„Malchen,“ ſagte ſie, als ſie allein mit der zit⸗ ternden Tochter geblieben war,„ich wollte dich nur fragen: wirſt du wieder heirathen? Du biſt noch jung und als gut und wirthlich bekannt, es wird ſich wohl noch der oder jener Freier für dich finden, gedenkſt du
b dann deinen Stand nochmals zu verändern?“—„Nein, liebe Mutter, niemals,“ antwortete Amalie unter vie⸗—
len Thränen recht treuherzig und ehrlich,„ich bleibe meinem Manne treu, wenn er auch todt iſt, er iſt ſo gut zu mir geweſen, und iſt ſo elend geſtorben, und ich habe gar Nichts für ihn thun können, da will ich ihn wenigſtens nach ſeinem Tode noch ehren. Und
dann möcht' ich auch nicht wieder von den Schweſtern
und aus dem Hauſe fort, es iſt mir bange genug
hierher geweſen, ſelbſt als ich bei Günthern war.“— Die Mutter lächelte befriedigt,„du heiratheſt alſo nicht wieder?“—„Nein, liebe Mutter, darauf kannſt du dich verlaſſen.“—„Wohl, meine gute Tochter, da ſegne dich Gott doppelt, denn wenn du im Hauſe
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Erdmuthe an das Krankenbett der Mutter, vier⸗
Die Töchter alle wetteiferten in
—
bleib ich! ich und dir,


