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durch die Gegenwart von Zeugen keineswegs gehemmt wurde, erſchien ſo feurig und ſo ſelig, als hätten ſie ſich ſtatt einiger Stunden, einige Monate nicht geſehen. Die Theilnahme an ihrem Glück war allgemein und freudig, beſonders ſah Erdmuthe mit leuchtenden Blicken auf ſie, wie ſie aneinander geſchloſſen und in einander verſunken daſtanden, und für Nichts außer ſich einem Gedanken hatten.
Amalie zupfte Erdmuthe am Aermel. du alſo auch gut?“ flüſterte ſie.
„Das will ich meinen,“ antwortete Erdmuthe,„das iſt doch noch ein Mann! Und ſo gut iſt er— ganz als wär' er unſer leiblicher Bruder.“
„Dem biſt
Siebentes Kapitel. Geburt und Tod.
Heerr von Tannenhof, der einzige Mann, welcher bisher vor Erdmuthens Augen Gnade gefunden hatte, erhielt nach einigen Monaten einen Nebenbuhler in ihrem Herzen. Um Weihnachten, recht wie ein Chriſtkind, wurde Amaliens kleiner Knabe geboren. Der erſte Enkel in der Familie, das erſte Kind des neuen Ge⸗ ſchlechtes im Hauſe, dabei ein prächtiger Junge, nicht nur in den Augen der Wärterin und Erdmuthens, ſondern in der That und in der Wahrheit. Der Stabs⸗ ſekretär hätte ſtolz ſein können, wenn er da geweſen wäre. Aber ſein Dienſt erlaubte ihm nicht zu kommen. Er ſchrieb, traurig und liebevoll, noch viel öfter, als er bei einer kurzen Abweſenheit, während ſeiner Bräu⸗ tigamszeit von Dresden aus geſchrieben hatte. Die gute Mutter las der Tochter die Briefe vor, denn Amalie las nie gern Geſchriebenes, um ſo weniger jetzt, wo ihre Augen matt waren. Sie hatte viel ge⸗ litten und zwar mit einer Art erſchrockener Geduld, als begriffe ſie nicht recht, woher und warum alle dieſe Angſt ſo plötzlich über ſie käme. Als der Kleine end⸗
lich erſchienen war und ſie auf gebührende Weiſe an⸗
ſchrie, ſo beguckte ſie ihn mit höchſter Neugier als ein ganz ſeltſames Erzeugniß, als einen Artikel ausländi⸗ ſcher Fabrik, von dem ſie ebenfalls nicht recht begriff, woher er käme und wozu er da ſei. Amalie konnte nicht ſo recht Mutter ſein, ſie verſtand nicht ſchützend zu ſorgen, nur liebend zu dienen. Die Mutterſchaft iſt eine Würde, und die Frau Günthern hatte nicht das Geſchick dazu, irgend eine Würde zu tragen. Es kam ihr und Allen ſo vor, als hätte ſie das Kind nicht für ſich geboren. Ihrer Empfindung nach gehörte es Günthern, der Meinung Erdmuthens nach dem Hauſe und der Familie.
als Eigenthümerin des kleinen Menſchen. Höchſt er⸗
götzlich war es, wenn ſie ihn der Mutter brachte, da⸗
mit dieſe ihn tränke. Dieſen Dienſt durfte ſie ihm leiſten, irgend einen andern nicht. Das übrige Alles beſorgte Erdmuthe, welche, um mehr Herrin über ihr neues Eigenthum zu ſein, ſogar ihre Schlafſtätte ver⸗ änderte und ihr Bett in Amaliens Wochenſtube tragen ließ, wo es auch blieb, als aus dem Wochenzimmer allmählich eine Kinderſtube wurde. Nie war Erdmuthe ſo zufrieden und ſo liebeuswürdig geweſen. as Tanteſpielen gefiel ihr wie nichts Anderes bisher. Nur
dann wurde ſie verdrießlich, wenn Amalie einmal un- ſchuldig äußerte:„ich wollte, der Günther könnte das
Kind ſehen.“—„Laß doch den Günther ſein, wo er
Auch betrug Erdmuthe ſich ganz
iſt,“ ſagte ſie dann,„er wird den Louis noch Zeit ge⸗ nug zu ſehen kriegen.“
Der wackere Stabsſekretär ſollte ſeinen Sohn aber gar nicht„zu ſehen kriegen.“ Dieſe größte Freude eines Mannes, der in ſpäteren Jahren ſich verheirathet hat, blieb ihm verſagt; ohne ſeine Frau noch beſuchen zu können, mußte er aus ſeiner entfernten Garniſon mit ſeinem Bataillon fort in den ruſſiſchen Feldzug. Amalie weinte, als ſie ſeinen Abſchiedsbrief erhielt, ſo bitterlich wie ſie noch nie geweint. In dieſer Stunde war ſie nicht länger unmündig als Tochter und Schwe⸗ ſter, ſondern fühlte den ſelbſtſtändigen Schmerz des Weibes, welches Gattin und Mutter iſt.„Du armes Kind,“ jammerte ſie, den kleinen Louis in den Armen haltend und ihn mit Küſſen und Thränen bedeckend, „dein Vater hat dich noch nie geſehen— wirſt du denn je deinen Vater ſehen?“
Der Kleine, der nicht ſolche ſchmerzliche Liebko— ſungen gewohnt war und die Mutter nur als Amme kannte, fing an, ſehr unbehaglich zu quäken, Tante Muthchen mußte gerufen werden, ihn nehmen und be⸗ ruhigen. Amalie ſah ſchuldbewußt aus, ſie hatte das Kind ſchreien gemacht, und warum? Weil der Günther fortmußte, ohne es geſehen zu haben. Das war auch „was Rechtes!“„Als ob er nicht wiederkommen wird, der Günther!“ ſagte Erdmuthe grämlich tröſtend, indem ſie den kleinen Günther wegtrug.
Ebenſo wenig Antheil erweckte Amalien’s Betrüb⸗ niß bei der übrigen Familie, Auguſte ausgenommen; dieſe war empfindlich darüber, daß die nun ausge⸗ ſprochene Bewerbung des Proviſors als etwas ganz Gleichgültiges aufgenommen worden war, was neben Corneliens Verlobung mit Herrn von Tannenhof gar nicht in Betracht kommen könne, und darum ſchloß ſie ſich mehr von den Andern ab und der Frau Günthern, der es, wenn gleich in anderer Weiſe, ebenſo ging, mit mehr Wärme an, als ſie ihr ſonſt vielleicht gezeigt hatte. Amalien war das ein großer Troſt; ſie hatte doch nun Jemand, bei dem ſie um Günther weinen konnte. Vor der übrigen Familie wagte ſie es nicht, da wäre ihr beſcheidenes Leid gegenüber dem wilden Schmerz Corneliens als unberechtigt zum Lautwerden zur Ruhe verwieſen worden. Corneliens Verzweiflung dagegen über Tannenhofs Abmarſch fand ein Echo in jedem Herzen, denn Alle erlitten in dem liebenswür⸗ digen jungen Manne einen perſönlichen Verluſt. Der wackere aber doch etwas ungelenke Günther hatte es im Hauſe nie weiter gebracht, als bis zum Schwieger⸗ ſohn und zum Schwager, Tannenhof war der Familie Sohn und Bruder geworden. Und dann war er Cor⸗ neliens Alles und Cornelia Aller Augapfel. So war es denn natürlich, daß über ihn der Stabsſekretär, über Cornelia die Frau Günthern gänzlich vergeſſen wurde. Tannenhof allein vergaß der demüthigen Schwe⸗ ſter nicht, ſein Abſchied von ihr war voll brüderlicher Herzlichkeit und ohne daß ſie ihn darum zu bitten wagte, verhieß er ihr, daß er in Günthern einen Freund ſehen und Alles, was er vermöge, für ihn thun wolle.
Leider konnte er Günthern uicht vor dem Schickſal des Gefangenwerdens ſchützen, welches er bei Bialy⸗ ſtock mit zwei Bataillonen theilte. Tannenhof ſelbſt wäre dieſem Verhängniß nicht entgangen, wäre er nicht den Tag vor dem Ueberfall der Ruſſen nach Bialy⸗ ſtock abkommandirt worden. Daß er anf Sieſe Seſeher, rettet worden War, überwog lelbſt,„aber ich werde
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