und Malchen war gar kein Vergleich denkbar. Malchen mußte in die Küche, das Meiſte thun, das Schwerſte arbeiten— wenn ſie nur ein Mal dazu paßte und es überdies ein Vergnügen für ſie war, wozu ſollten da die andern„Mädchens“ ſich bedienen? Von der Mut— ter war gar nicht mehr die Rede, die hatte durch Kränk⸗ lichkeit ſchon längſt Anſpruch auf Ruhe. Malchen hatte und machte Anſpruch auf Nichts; ihr ging es, ihrer Ueberzeugung nach, immer gut; wurde zu ihrem Ge⸗ burtstag ein„Speckkuchen“ gebacken, ihre mit ihrem
Weſen in Einfachheit übereinſtimmende Lieblingsſpeiſe, ſo war Alles für ſie geſchehen, was zu verlangen ſie
nur das Recht hatte.
Wenn ſie zum Lohn für ihr
freudiges Allendienen von Allen geſchulmeiſtert wurde, Seele von einem Manne“.
wenn die Eine darüber ſprach, daß ſie ewig nur mit einem Handſchuh vom Markte zurückkäme, weil ſie
immer nur einen anzöge, wenn die Andere Malchens
Haar nie glatt genug fand, die dritte über das Nicht⸗ ſitzen der Kragen, die Vierte über das häufige Ver⸗ brennen von Milch und Butter und Alle einſtimmig darüber klagten und ſchalten, daß Malchen nie die Thüre hinter ſich zumache und überhaupt ſchrecklich vergeßlich ſei, ſo war das ja lauter Liebe, um ſie zu beſſern,
zurecht zu ſtutzen, etwas aus ihr zu machen, und Mal⸗
chen, durchdrungen von ihren konnte es nur ſo aufnehmen, wie ſie es auch wirklich
Unvollkommenheiten,
aufnahm, mit dem größten Dank. Sie war eben eine
Marthanatur, der Schaffen vom Morgen bis in die Nacht Bedürfniß war, aber ſie war es ohne das Mar⸗ thabewußtſein, welches in der Thätigkeit das Höchſte zu leiſten glaubt. Malchen glaubte gar Nichts zu leiſten, ſie diente, diente, diente, freudig, vergnügt, ohne Auf⸗ opferung, obgleich mit ſteter ſtündlicher Hingebung ihres Selbſt.
hingeben, fiel ihr gar nicht ein. Dabei war ſie gänz—
Daß ſie etwas anders thun könne, als ſich
- 42— undfünfzig Jahr, doch noch eine truune⸗Anehn
Geſtalt und trotz einiger Junggeſellenwunderlichkeiten „eine wahre Seele von einem Manne“. Malchen wenigſtens ſagte das. Er wohnte näm⸗ lich in des Kammerſchreibers Hauſe und verkehrte häu⸗ fig und freundſchaftlich mit der Familie. Und Mal— chen fand natürlich zehn Gelegenheiten für eine, um ihm dienſtbar zu ſein— wer hätte ihr wohl in die Nähe kommen können, den ſie nicht bedient hätte!— und wie ſie immer von Dank überfloß, ſobald man ihren Dienſteifer nur annahm und dann und wann durch ein freundliches Wort lohnte, der Stabsſekretär aber gegen„Mamſell Malchen“ ſich beſonders reſpekt⸗ voll dankbar bewies, ſo wurde er ebenſo natürlich„eine
„Ich weiß nicht, was die Malchen an dem Stabs⸗ ſekretär ſieht, daß ſie ihm immer ſo freundliche Augen macht,“ meinte eines Tages Erdmuthe, die ſtets miß⸗ trauiſch auf die Männer„vigilirte“, welche in ihre oder in der Schweſtern Nähe kamen.
„Wenn er nur nicht Augen auf ſie hat,“ meinte das zierliche Linchen.
„Ih das wäre mir!“ rief Erdmuthe ärgerlich.
„Der alte Stabsſekretär!“ ſagte Cornelia und zuckte geringſchätzig die Achſeln.
„Sagt nur der Malchen Nichts,“ warnte die weiſe Auguſte,„damit ſie nicht etwa auf dumme Gedanken kommt.“—
Alle gelobten es, Alle indeſſen hatten die Kleine überſehen, welche im Erker einen Kanarienvogel, der bis jetzt noch die Liebe ihres Herzchens in Anſpruch nahm, Zucker vom Finger naſchen ließ. Die Kleine aber hatte nichts Beſſeres zu thun, als ſich aus dem großen Erker- und Eckzimmer, welches drei Fenſter auf
den großen und drei auf den Fleiſchmarkt hatte und
lich grundſatzlos, that Alles rein naiv, aus Inſtinkt.
Und ſo war auch kein Verdienſt an ihr, nur das Schönſte, was an einem weiblichen, an einem menſch⸗ lichen Weſen überhaupt da ſein kann: die natürliche Güte. Es frug ſich nur, ob dieſe Güte ſich bei ihr durch Kämpfe zur Tugend erhöhen, oder im Gegentheil durch Mißbrauch und Mißverſtändniß vielleicht zu jener Gehäſſigkeit verkehren würde, welche wir bei ſo ange⸗ legten Naturen im Alter oft mit peinlicher Betrübniß wahrnehmen und welche Nichts iſt, als das zu einem fortdauernden Zuſtand gewordene Gekränktſein eines Herzens, das urſprünglich ſo geweſen wie das, welches Amalie zu ihren Eltern und ihren Schweſtern und nebenbei zu den Armen hatte. Aber eben auch nur nebenbei. Die Nächſten waren für ſie auch die Erſten. Und wenn jedes Herz ſo fühlte in der Welt, wenn es die Seinen vorzugsweiſe in ſich ſchlöſſe, da brauchten nicht ſo viel Liebesbettler Forderungen an das doch immer ſehr zweifelhafte Gemeingut der allgemeinen Menſchenliebe zu machen.
Viertes Kapitel. Der Stabsſekretär.
Die Stadt war als Garniſon bedeutend, hatte einen General, einen Stab, eine„Intendanz“. Bei dieſer war der Stabsſekretär Günther, vom General ſeiner Tüchtigkeit wegen ſehr geſchätzt, von aller Welt ſeiner Bravheit wegen wohl gelitten, wenn gleich bereits vier⸗
zur allgemeinen Wohnſtube diente, geräuſchlos fort und in die Küche zu ſchleichen, und dort Amalien, die eben Pilze einmachte, jedes Wort zu hinterbringen, welches
die Schweſtern von ihr und dem Stabsſekretär geſagt.
Amalie war zu unſchuldig, um roth zu werden. Sie guckte die kleine Schweſter lachend aus klaren Augen an und ſagte mit der innerſten Ueberzeugung:„ih, was den Schweſtern einfällt! Daran denkt ja der Herr Stabsſekretär gar nicht!“
Er dachte aber doch daran, der Herr Stabsſekretär, zum erſten Male in ſeinem Leben dachte er an's hei⸗ rathen. Sonſt hatte er ſich vor den Frauen gefürchtet;
wenn ſeine Mutter ihm zuredete, pflegte er zu antwor⸗
ten:„wer weiß, wie nahe mir mein Ende.“—„Nun ja, ſo mach' doch ein Ende und nimm eine Frau,“
ſprach dann die Mutter eindringlich, aber die Antwort
war ſtets:„es ſoll mit mir noch nicht zu Ende gehen, und eine Frau wäre mein Ende.“ Und mit dieſen für das„Geſchlecht“ ſo wenig ſchmeichelhaften Wort⸗ ſpielen war die Sache jedes Mal„zu Ende“.
Jetzt dagegen dachte der Stabsſekretär:„ja, ſo eine Frau! Das wäre etwas Anderes. Mit der wär's kein Ende, da wär's ein Anfang. Wenn nur meine verwünſchten Vierundfünfzig nicht wären!“ Der Stabs⸗ ſekretär benannte ſeine„Vierundfünfzig“ noch etwas kräftiger, dann kam die Frage:„wie alt mag ſie wohl ſein?“
Da der Stabsſekretär nicht ſehr geübt darin war,
das Alter junger Mädchen zu errathen, ſo kam er mit dem Amaliens ohne Hülfe nicht in's Reine. Bald
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