Teil eines Werkes 
Band 1
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der Negerapotheke gegenüber, ging mit einer Seite auf den Markt, mit der andern auf den Fleiſchmarkt und war früher das Rathhaus geweſen, weshalb ſie auch, gleich dieſem einen ſchönen Erker und einen hohen Thurm Das neue Rathhaus mit ſeinen drei Front⸗ giebeln und ſeinen drei Thürmchen lag ihr ſchräge gegenüber, wo es die ganze Weſtſeite des Marktes bil⸗ dete. Hinter ihm ſtanden zwei Thürme einer abge⸗ brochenen Kirche mit ſtarken ſchönen Glocken, die bei großen Gelegenheiten, z. B. an den erſten Feiertagen der drei hohen Feſte läuteten und zwar ſchon früh um vier, damit es feierlicher klänge. Auf der rechten Ecke des Rathhauſes hing in dem kleinen, ſpitzen, zierlichen Säulenthürmchen, eine kleine Glocke, die läutete jeden Wochentag um zwei Uhr nach Tiſche den Rath zuſam men. Ein ſchlechter Volksreim ſagte, wenn man ſie hörte:

Zieh' das Hemd aus,

Trag's auf's Rathhaus,

der Herr Kammerſchreiber indeſſen befolgte dieſen un⸗ artigen Rath nicht, er begab ſich im Gegentheil ſtets in allem ſtaatlichen Anzug auf die Kämmerei,

welche unter der einladenden Glocke im zweiten Stock

lag. Schnallenſchuhe und graue Strümpfe, Frack, weiße

Halsbinde, Haarbeutel, Nichts fehlte an der Amtstracht des Herrn Adolph Franke, denn ihm war das Amt des Kammerſchreibers zu Theil geworden und einige Zeit darauf,da er ſo gut gegen die Armen war, auch die Tochter des verſtorbenen Bergverwalters. Mit dem Gelde ſeiner Frau kaufte er die frühere Fabrik, das ehemalige Rathhaus. Der Kammerrath war geſtorben, ſeine zwei Töchter erbten das Haus; die eine war ſchreck⸗ lich böſe und ging doppelt. Eines Tages, als ſie ſich wieder auf der Treppe entgegenkam, wurde ſie ſo wü⸗ thend, daß ſie ſich das große Schlüſſelbund von der Schürze riß und es ihrem Nebenbilde mit dem freund⸗ ſchaftlichen Erſuchen:geh' zum Teufel! an den Kopf warf. Das Doppelbild mußte über eine ſolche unhöf⸗ liche Behandlung allzuſehr erſchrocken ſein, es ließ ſich nicht wieder blicken, und man merkte auch ſpäter, als der Kammerſchreiber das Haus für den Preis von vier⸗ hundert Thalern erſtanden hatte, nichts Unheimliches mehr darinnen. Natürlich mußte er es erſt ausbauen laſſen, bevor er es bewohnen konnte, dann aber wurde es auch ſehr bequem und ſehr ſchön. S. Bild.

In dieſem Hauſe nun wurden die ſechs Frankeſchen Mädchen theils geboren, theils groß, und es trug nicht wenig zu dem gewiſſen Stolz bei, durch welchen ſie ſich vor den übrigen Stadtkindern auszeichneten, daß

ihr Vater Eigenthümer eines ſolchen Gebäudes war.

Der Thurm beſonders galt für eine Auszeichnung, für einen ſchätzbaren und neidenswerthen Beſitz. Wenn es irgend etwas zu ſehen gab, mochte es nun ein Feuer ſein, welches der Schloßthürmer anzeigte, oder eine Ueberſchwemmung, die Elbe machte es ſchon da⸗ mals ſo wie jetzt: ſie verdarb mit phlegmatiſchem Ueber⸗ laufen gern von Zeit zu Zeit einige unglückliche Wieſen mochte es ſelbſt nur ein beſonders ſchöner Eisgang ſein, war es da nicht angenehm, aufunſern Thurm ſteigen und ſich Alles mit Gemächlichkeit beſchauen zu können? Und wenn mandie Honneurs unſers Thur⸗ mes machen und Magiſters oder Senators, vielleicht gar Superintendents Mädchen einladen konnte, doch ein Bischen heraufzukommen, mußte das nicht ein Selbſt⸗ bewußtſein zund ein Uebergewicht geben, welches ſich

unwillkürlich dem ganzen Betragen, ſelbſt dem ganzen innern Weſen mittheilte? Es war ſehr erklärlich, ſogar vollkommen natürlich, daß Kammerſchreibers Töchter ſich in ihrem Thurmhauſe mit einer gewiſſen Vornehm⸗ heit gegen die übrige Stadt abſchloſſen und von den Einwohnern derſelben immer nur als von denBör⸗ jern ſprachen. So klang der fremdartige niederdeutſche Laut, welcher ſich nebſt manchem andern und ſogar mit manchem in Sachſen ganz unbekannten Ausdruck durch die Ueberſiedelung vieler holländiſcher Tuchmacher in den Dialekt der Stadt eingeſchlichen und eingebür⸗ gert hatte. Die Frankeſchen Töchter ſagten auch weit mehrunſer Dorm alsunſer Thurm. Aber Dorm oder Thurm, das war gleichviel, genug, daß die Mäd⸗ chen mit einer Art Protectorat auf die Stadt herab⸗ blickten und nur vor dem Magiſtrat, als vor der hohen Behörde, welcher der Papa untergeben war, einen heil⸗ ſamen Reſpekt hatten.

Zweites Kapitel. Familienleben.

Doch nicht der Thurm allein machte die Ueberlegen⸗ heit der Frankeſchen Töchter aus, auch in ihrer Klei⸗ dung unterſchieden ſie ſich vor ihren Geſpielinnen. Was geht ihr geputzt! war ein Ausruf, den ſie oft zu hören bekamen. Das machte, ſie trugen ſtets Kra⸗ gen und waren bei den damaligen kurzen Aermeln nie ohne lange Nankinghandſchuhe. Lederhandſchuhe gab es noch wenig und nicht für ſie, auch Seide wurde nicht getragen, die Winterſpenzer waren von Caſimir. Das Haar trugen ſie alle gelockt und durch einen Kamm zuſammengehalten, und gekleidet waren ſie auch ſämmt⸗ lich in ein und denſelben Stoff die Mutter kaufte immer ein ganzes Stück Zeug für ihre Mädchen. Es war eine verſtändige Frau die Mutter, häuslich und gottesfürchtig. Vor und nach ihrem Hausfrauentage⸗ werk las ſie ein Buch in zwei Bänden, mit gutem deutlichem Druck, mit verrünftiger Frömmigkeit d'rinnen, ruhigen gefaß⸗ ten Erinnerungen an die Vergänglichkeit der irdiſchen Dinge und die Unſtcherheit des eigenen Lebens, Er⸗ mahnungen zur geduldigen Erfullung der täglichen gro⸗ ßen und kleinen Pflichten, mit einem Worte ein ächtes Erbauungsbuch aus dem vorigen Jahrhundert, eine geſunde geiſtliche Koſt für Frauen und Kinder. Auch eine allgemeine Familienandacht fand Morgens und Abends ſtatt, der Vater las ein Gebet und ein Lied vor, die Töchter hörten ſtehend und mit gefalteten Händen zu, und dann erſt durften ſie ſich ſetzen und bekamen zu eſſen, früh Milch, Abends Suppe oder Bier, Brod, Butter und Käſe. Obſt lieferten ihnen ihre drei Gärten vor dem Thor; was ſie ſonſt brauch⸗ ten, die kleinen Nothwendigkeiten der Mädcheninduſtrie, die kleinen Putzſtücke für ihren Anzug, das Alles er⸗ hielten ſie von der Mutter in den Augenblicken des Bedürfniſſes oder an feierlichen Tagen, d. h. zum Ge⸗ burtsfeſt oder zu Weihnachten. An Geld gab eßggbei den Jahrmärkten, deren drei waren, zwei Groſchenwofrm Vater, und zwei von der Großmutter, der verwittuſr! Bergverwalterin. Um dieſe zwei Groſchen jedoch Es geſchrieben und gebeten werden kein Bries eu Zweigroſchenſtück. Vierzehn Tage vor W kLälſe, mußten alle Mädchen zum Schuhmachermei ſchnie

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Sturm's Morgen- und Abendandachten,

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