ſich doch täuſchen und zwar wurden ſie von Jemanden beobachtet, den ſie am allerwenigſten in ihr Geheimniß eingeweiht wiſſen wollten.
Nachdem nämlich Mary ſich auf ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte, war es ihr rein unmöglich, im Augenblick jene Ruhe zu ſinden, welche dem Eintritt des Schlafes vorauszugehen pflegt. Wie wäre dies nach dem aufregenden Begegniß von heute auch nur denkbar geweſen? Sie hatte ihn wieder geſehen, den ſie immer im Herzen getragen, der aber zu ihrer innigſten Be⸗ trübniß lange, lange vor dem Tode ihrer Mutter eine große Reiſe angetreten hatte und folglich während jenes traurigen Abſchnittes ihres Lebens gar nicht anweſend geweſen war, um ſie zu tröſten und ihr mit Rath und That beizuſtehen! Sie hatte ihn wieder geſehen, den Simon Girty, und durfte ſich ſogar geſtehen, daß er ſie nicht vergeſſen, nein, daß er ihr nachgereist ſei! Mußte dieſer Gedanke ſie nicht mit unendlicher Wonne erfüllen? Ja hatte ſie nicht Urſache, mit Jubel der Zukunft entgegenzublicken? Doch ſiehe da, plötzlich er⸗ innerte ſie ſich ihrer eigenthümlichen Lage im Hauſe des Oheims, denn natürlich hatte es ihr nicht entgehen können, daß der alte Eſtill gewiſſe Abſichten im Herzen trage, mit welchen ſein Sohn ganz einverſtanden ſei. Ein offener und ungeſchmückter Heirathsantrag war ihr bis jetzt allerdings nicht gemacht worden, allein ſie ſah nur zu gut ein, wohinaus Vater und Sohn wollten. Und nun, woher kam es denn, daß ihr Ohm heute auf einmal alle ſeine früheren Pläne vergeſſen zu haben ſchien? Woher kam es denn, daß er den Simon Girty, der doch ſeinerſeits ſeine wahre Geſinnung gar nicht ver⸗ barg, ſo gar cordial behandelte, und daß ſogar ſein Sohn, der wilde John, hierin mit ihm übereinſtimmte? Sollten vielleicht Beide planmäßig ſo verfahren ſein?
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Erſchreckt fuhr ſie auf, denn ſo jung und unerfahren
ſie auch ſein mochte, ſo beſaß ſie doch Verſtand genug, um einzuſehen, daß dieſe beiden Männer, deren Ge⸗
Die Tante
Von Ida von
Erſte Abtheilung.
Erſtes Kapitel.
Die Stadt und das Haus.
Von manchen Menſchen kann man ſich gar nicht recht vorſtellen, ſie könnten auch einſt jung oder gar Kinder geweſen ſein. So auch von der Tante Gün⸗ thern. Wenn man ſie herum huſcheln ſah draußen und drinnen, in der Küche und in der Holzkammer, auf der Straße und auf dem Markt, immer ſo wunderlich angethan,— angezogen kann man nicht ſagen— wenn man die kleine Geſtalt mit dem guten alten Geſicht und dem unordentlichen grauen Haar ſo um ſich herum⸗ wirthſchaften ſah, oder ſie vor ſich ſitzen hatte und aus ihren ehrlichen grauen Augen ſo herzlich getreu ange⸗
ſehen wurde, dann wollte es einem durchaus nicht in!
müth keine Weichheit kannte und die in dem wilden Lande mitverwildert waren, nicht nur ſo ohne Weiteres auf einen längſt gehegten Plan verzichtet haben könnten. In dieſem Augenblicke hörte ſie ein leiſes Geräuſch, wie wenn Jemand über den Corridor ſchleiche und in⸗ ſtinktmäßig löſchte ſie ihr Licht, damit man glaube, ſie liege im Schlafe. Lautlos mit zurückgehaltenem Athem lauſchte ſie, und richtig, da ging eine Thüre und ihr feines Gehör ſagte ihr ſogleich, welche Thüre es ge⸗ weſen ſei. Nun öffnete ſie leiſe eine Spalte ihrer eigenen Thüre und horchte wiederum mit Anſtrengung aller ihrer Nerven. Sie hörte flüſtern. Was geflü— ſtert wurde, konnte ſie nicht unterſcheiden, aber daß die Flüſternden Vater und Sohn ſeien, darauf hätte ſie einen Eid ablegen können! Was hatten die Beiden ſo heimlich beiſammen zu thun, während doch der Ohm, offenbar um ſie zu täuſchen, vom baldigen Bettgehen geſprochen? Eine furchtbare Angſt überkam ſie und eine innere Stimme rief ihr zu, daß hier etwas Schlimmes verabredet werde. Gegen wen anders aber konnte die Verabredung gerichtet ſein, als nur allein gegen ihn, der ſo plötzlich den Plänen ihres Ohms und Vetters in die Quere gekommen war? Betend fiel ſie auf ihre Knie; doch horch, was war das? Die beiden Männer huſchten mit abgezogenen Schuhen auf den Socken zum Hauſe hinaus! Sie wollten alſo das, was ſie vorhatten, um jeden Preis verborgen halten und folglich mußte dieſes Vorhaben nicht blos ein ſchlimmes, ſondern ge⸗ radezu ein verbrecheriſches ſein! Nun beſann ſie ſich keine Minute länger, ſondern huſchte hinter ihnen drein zum Hauſe hinaus. Die Dunkelheit war groß, doch konnte ſie die beiden Geſtalten genau unterſcheiden und ſogar Waffen ſah ſie an ihnen blinken. Wohin aber gingen ſie? Großer Gott, in der Richtung nach dem Platze, wo Simon Girty ſeine Hütte aufgeſchlagen hatte!
(Fortſetzung auf S. 49.)
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Zünthern.
Düringsfeld.
den Kopf, ſich die Tante Günthern als junges Mäd⸗
chen oder gar als hübſches Kind vorſtellen zu ſollen. Ja, war ſie hübſch geweſen? Ihre Schweſtern ſprachen nie davon. Es kann aber doch der Fall ge⸗ weſen ſein, nur war es ſo lange her, daß ſie es ver⸗ geſſen haben mochten. Tante Günthern ſelbſt wußte Nichts mehr darüber,— hatte ſie es gewußt? Schwer⸗ lich. Sie hatte ſtets ſo wenig an ſich gedacht, hatte immer ſo viel an ihre Schweſtern zu denken gehabt. Es waren deren nicht weniger als fünf; eine ältere: vor der hatte ſie die gebührende Achtung,— vier jüngere: für die trug ſie mehr als gebührende Sorge. Amalie oder Malchen, ſo hieß Tante Günthern früher, war eine zweite Auflage der Mutter. Die Mutter war „eine feine Frau,“ die Tochter des Bergverwalters, des Beamten, welcher die Aufſicht über die ſämmtlichen Bergwerke im Lande hatte. Er ſelbſt beſaß einige, hinterließ überhaupt Vermögen. Auch wollte ſeine
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