Außerhalb des Keſſels rechts im Thale ſtand eine roh
gearbeitete Hütte, welche mit Raſenſtücken und Laub-
werk bedeckt war, innen aber, gerade zu unſeren Füßen, lagerte eine Gruppe von Menſchen, welche nur ein Wunder hierher gebracht haben konnte, während links,
auf gleicher Höhe mit uns, der graue Bär ſich feſt⸗
geſtemmt hatte, und im Begriff ſchien, auf die Men⸗ ſchengruppe hinabzuſtürzen. Wer waren nun aber dieſe Menſchen? Eine Familie von ſieben Köpfen und alle
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in einem hier zu Lande ganz ungewohnten Anzuge,
d. h. in einem ſolchen, wie ihn nur deutſche Einwan⸗ derer tragen! In der Mitte, unmittelbar vor einem Feldkeſſel, der die Morgenſuppe zu enthalten ſchien, ſaß eine alte Frau mit einer Schwarzwälderhaube, vor
Entſetzen über das dräuende Ungeſtüm beide Hände
emporſtreckend, und neben ihr kniete ein Mädchen von drei oder vier Jahren, das ſeinen Kopf in ihren Schooß barg; weiter rechts ſtand ein etwas älterer Bube mit einer Zipfelkappe über den Ohren und einem Brod⸗ meſſer in der Hand, das er wie zum Widerſtand gegen den Bären zückte, und hart neben ihm kauerte eine noch junge und rüſtige Frau, die aber jetzt bis in den Tod geängſtigt ſchien und das Kleinſte ihrer Kinder feſt an den Buſen drückte; links von der Großmutter ſtand ein kräftiger Mann mit aufgeſtülpten Hemdärmeln, einen Fuß auf den vorſpringenden Fels ſtützend, wie um dem Bären entgegenzugehen, und mit dem rechten Arm eine ſchwere Axt ſchwingend, das Ungethüm nie— derzuſchlagen; ihm zur Seite aber gegen die Großmut⸗ ter zu kniete eine liebliche Jungfrau, und hielt ihn mit einer Hand feſt, daß er ſich nicht allzu ſehr bloß⸗ ſtelle, während ihre Augen der Gefahr todesmuthig ent⸗ gegen blitzten. Das war das Bild, das wir vor uns hatten!(Siehe Bild S. 25.)
Wohl zwei oder drei Minuten ſtarrte ich auf die Gruppe hin, ohne mich rühren zu können, denn das Staunen über dieſe außerordentliche Erſcheinung hatte mich völlig gelähmt. Endlich aber wandte ich meine
Augen unwillkürlich auf meinen Nachbar, den jungen Fred, allein welch' merkwürdige Veränderung war mit
dieſem vorgegangen? Sein Geſicht glühte wie in Fie⸗ berhitze, und die Pupillen ſeiner Augen hatten ſich um's Vierfache erweitert; ſeine Haare aber ſtarrten empor, als hätte ihn Entſetzen ergriffen, und ſein Mund ſtand weit offen wie bei Einem, den der Schlag gerührt hat. Ich rüttelte ihn mit Macht, um ihn zum Leben zurück⸗ zubringen, und nach mehrfacher Wiederholung ſchien mir dies auch wirklich gelingen zu wollen
„Sehen Sie ſie?“ flüſterte er mir mit heiſerer Stimme zu.„Das iſt Marie, meine Marie, und der Mann neben ihr iſt der Schwager. Auch die Groß⸗ mutter iſt da mit den Kindern und Liſe, ſein Weib, Mariens Schweſter. Aber es ſind keine lebende Ge⸗ ſchöpfe, ſondern Geiſter, und in einem Augenblicke wird der Wind die ganze Erſcheinung verwehen.“
Iſt der Menſch wahnſinnig geworden, fragte ich mich ſelbſt; doch hatte ich keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Während wir nämlich auf die Gruppe hinabſtarrten, waren auch meine übrigen Reiſegefährten auf den Felſen heraufgeklettert, und der lange Tom hatte ſogleich eingeſehen, daß hier keine Zeit zu ver⸗
lieren ſei, wenn ſchweres Unglück verhütet werden ſolle.
Suchte doch der Bär bereits eine Stelle, an der er die abſchüſſige Wand hinabklettern könnte, und wenn ihm dies gelang, ſo fiel ſeiner Wuth vielleicht mehr als ein
Menſchenleben zum Opfer! Somit brach ſich der Jäger durch das dichte Gebüſch Bahn und drang, ohne irgend Rückſicht auf ſeine eigene Sicherheit zu nehmen, bis in die nächſte Nähe des furchtbaren Thieres. Alsbald hielt dieſes im Hinabklettern inne und wandte ſich mit auf⸗ gehobenen Vordertatzen ſeinem Gegner zu. Ein Mo⸗ ment, und es hatte den langen Tom erreicht, aber die⸗ ſer behielt ſeine vollkommene Kaltblütigkeit und ſchoß dem Ungethüm die volle Ladung in den aufgeſperrten Rachen, ſo daß daſſelbe alsbald überkugelte und den Felſenabhang hinabſtürzte. Ein furchtbarer Schrei er⸗ ſcholl von der Menſchengruppe unten, denn der Bär ſtürzte gerade zu ihren Füßen nieder, und wie nun Fred dieſen Schrei hörte, kam er plötzlich zu kturer Beſinnung.„Sie leben, ſie leben,“ ſchrie er, indem die Verklärung der Freude über ſein Geſicht zog, und mit einem tollen Sprunge ſetzte er über die Felſen hinab, indem er zugleich ſein langes Meſſer zog, um ſich auf den zum Glück ſchon ſchwer verwundeten Bä⸗ ren zu werfen. Wie er hinabkam, kann ich nicht ſagen, denn Alles geſchah ſo zu ſagen in einem Nu, und er ſelbſt konnte nachher auch keine Rechenſchaft mehr darü⸗ ber geben; mur das weiß ich, daß er dem Ungethüm ſeinen Stahl mehrmals in's Herz bohrte, und daß daſſelbe ſchon nach wenigen Momenten todt zu ſeinen Füßen ausgeſtreckt lag. Im ſelben Augenblicke umfaßte ihn die Marie— denn ſie war es wirklich— und die Beiden hielten ſich nun ſo feſt umſchlungen, wie wenn ſie ſich für ihr ganzes Leben lang nicht mehr loslaſſen wollten, der Schwager aber und die Seinigen ſtanden um das Paar herum, als ob ſie vor Freude und Staunen außer ſich wären.
Das iſt das wunderſame Begegniß in den ſchwar⸗ zen Bergen, im Weſten von Amerika, das ich dem Leſer erzählen wollte, und wunderſam wird er es ge⸗ wiß auch nennen. Die natürliche Erklärung will ich jedoch ebenfalls nicht ſchuldig bleiben. Der Schwager Freds war nach einem nur kurzen Aufenthalt in New⸗ York mit den Seinigen nach St. Louis gefahren, um ſich im Staate Miſſouri anzukaufen, natürlich jedoch nicht ohne einen Brief an den Fred zurückzulaſſen, den er dem Wirthe zum deutſchen Haus zur richtigen Be⸗ ſorgung übergab, und in welchem er zugleich das Haus in St. Louis nannte, wo weitere Nachrichten zu er⸗ heben ſeien. In St. Louis jedoch herrſchte damals ein wahres Fieber, nach Oregon auszuwandern, da in die⸗ ſem Lande, wie einſtens in Canaan, Milch und Honig in Natura flöſſen, und ſomit entſchloß ſich auch unſer guter Badenſer zu dem Wagſtück. Er kaufte ſich alſo Alles, was er nöthig hatte, insbeſondere einen Wagen mit vier ſchweren Zugochſen, und ſchloß ſich, nachdem er abermals einen Brief an Fred hinterlaſſen, einer größeren, zum Theil auch aus Deutſchen beſtehenden Carawane an, die den gewöhnlichen Landweg über die Prairien einſchlug. Alles ging ganz vortrefflich, und man war bereits bis in die Nähe der ſchwarzen Berge gelangt, ohne daß irgend ein Unfall vorgekommen wäre. Da bemerkte der arme Mann eines Tags zu ſeinem großen Schrecken, daß ein Paar ſeiner Ochſen nicht mehr vorwärts wollten, ſondern ſich vielmehr trotz aller Zurufe auf den Boden legten und gleich darauf in Convulſionen verfielen. Ganz dieſelben Symptome zeigten ſich gleich darauf auch bei dem andern Paare, ſo wie bei den Zugthieren zweier weiterer Carawanen⸗ mitglieder. Man unterſuchte die Sache ſofort genau


