den. Endlich jedoch drückte es ihn ſo ſehr, ſich einem Freunde mitzutheilen, daß er nicht mehr länger wider⸗ ſtehen konnte.
„Werden Sie,“ fragte er mich eines Tags, als wir wieder hart neben einander gingen, während meine Reiſebegleiter dem langen Tom auf dem Fuße folgten, „werden Sie längere Zeit in Oregon verweilen, und wenn nicht, kehren Sie von da wieder in die atlanti⸗ ſchen Staaten zurück, oder wenden Sie ſich vielleicht ſüdlich nach Mexiko?“
„Ich reiſe von Oregon nach St. Francisko,“ er⸗ wiederte ich,„und fahre nach einigem Aufenthalte da⸗ ſelbſt über die Meerenge von Panama nach Newyork, wo ich für längere Zeit Aufenthalt nehme. Doch wa⸗ rum fragen Sie mich das, Fritz?“
„Aus ſehr eigennützigen Gründen,“ entgegnete er, „nämlich weil ich mir von Ihnen einen großen Ge⸗ fallen erbitten wollte; doch um dieſe Bitte anbringen zu können, muß ich nothwendigerweiſe etwas weiter ausholen. Meine Jugendgeſchichte kennen Sie, und
ebenſo ſind Ihnen meine ſonſtigen Verhältniſſe durch
das, was ich Ihnen bereits erzählt habe, bekannt. Nur Eines habe ich Ihnen bis jetzt verſchwiegen, näm⸗
lich das Verhältniß zu einer Familie in unſerem Ort,
welches beſtimmt war, den größten Einfluß auf mein Leben auszuüben. Unweit von unſerem Hauſe wohnte ein junger, mir an Alter kaum um zwölf Jahre über⸗ legener Bauer, den ich ungemein wohl leiden mochte, oder vielmehr der mir Achtung und Liebe zugleich ein— flößte. Derſelbe war Soldat geweſen, und hätte es, weil er eine gute Schule genoſſen und mit einem hel⸗ len, reſoluten Kopfe begabt war, leicht zum Offizier bringen können; allein er zog es vor, in unſer Dorf zurückzukehren, und ſich da mit dem Mädchen ſeiner Neigung zu verheirathen, obwohl dieſes einer armen Wittwe angehörte, und alſo nach bäuriſchen Begriffen weit unter ihm ſtand. Bis ſo weit wäre nun Alles recht geweſen; doch die Frau des Nachbars beſaß eine Schweſter, die etwa zwei Jahre jünger war, als ich, und unbeſtritten als das ſchönſte Mädchen im ganzen Dorfe galt. Ja nicht blos die Schönſte war ſie, ſon— dern auch die Tugendſamſte und— und— oh, Sie ſollten ſie nur geſehen haben, Herr, ſo würden Sie mit mir übereinſtimmen, daß es nie ein weibliches Weſen gegeben hat, welches mehr verdient hätte, ge⸗ liebt zu werden, als meine gute Marie.“
„Hier ſchwieg er wie beſchämt ſtill und eine flam⸗ mende Röthe überzog ſein Geſicht; aber ich wußte ihn bald wieder zutraulich zu machen, indem ich ihn ver⸗ ſicherte, daß ich mir ſeinen Gemüthszuſtand recht gut denken könne, da ich mich ſchon in ähnlicher Lage be— funden habe.
„Gut, Herr,“ fuhr er alſo nach einer kleinen Pauſe fort;„Sie wiſſen nun, wie es mit mir und Marie ſtand. Allein Sie wiſſen nicht, wie meine Mutter über dieſen Punkt dachte, obwohl Sie es ſich
vielleicht vorſtellen können, da dieſelbe ja ihrer Geburt
und Erziehung nach dem Honoratiorenſtande, wie man bei uns ſagt, angehörte. Ihr Augenmerk ſtand darauf, daß ich nach Höherem ſtreben ſolle, und da ich mich zum Forſtmann, wie mein Vater und Großvater, aus⸗ gebildet hatte, ſo meinte ſie, ich müßte nothwendig in den Staatsdienſt treten, gerade wie mein älterer ver⸗ heiratheter Bruder. Wie paßt aber eine Bauerndirne für einen kunſtigen Staatsdiener? Kurz, es gab viel
Streit und Zank wegen der kleinen Marie, und ſo
gutmüthig ſonſt meine Mutter war, ſo erwies ſie ſich
doch in dieſem Punkte unerbittlich. Um dieſe Zeit, jetzt vor etwa dritthalb Jahren, kam ein Brief von
meinem Oheim hier, dem langen Tom, wie man ihn
gewöhnlich nennt, den einzigen Bruder meiner Mutter, bei uns an, und da derſelbe ſeit langer Zeit faſt ver⸗ ſchollen geweſen war, ſo können Sie ſich wohl denken,
welch' große Freude das Schreiben bei uns erregte.
Von ſich ſelbſt meldete übrigens der Oheim nur wenig,
ausgenommen, daß er alle Tage ſeiner Lieblingsneigung
fröhne und ein Jagdrevier habe, wie kein König oder Kaiſer im alten Europa; dagegen begehrte er Auskunft, wie es der Familie draußen ergehe, und meinte, wenk irgend Einen von uns der Schuh drücke, ſo ſolle er nur über's Waſſer hinüberkommen, wo Platz genug ſei für noch viele Hunderttauſende. Schließlich gab er eine genaue Adreſſe an, wohin man Briefe an ihn zu
richten habe, und legte einen Wechſel auf hundert Dol—
lars bei, damit ſich die Mutter ein Andenken dafür kaufe oder nach Belieben ſonſt darüber verfüge.“
Hier hielt der junge Fritz abermalen ſtill, wie um Athem zu ſchöpfen, und ich ließ ihm natürlich Zeit, ſich wieder zu ſammeln. Nach einer Weile jedoch nahm er den Faden ſeiner Rede wieder auf, ohne daß ich ihn daran mahnte, denn es drängte ihn offenbar, ſein ganzes Herz auszuſchütten.„Ich will mich etwas kürzer faſſen,“ ſagte er,„damit ich Sie nicht lang⸗ weile. Alſo der Brief meines Oheims kam an, und ſeit jenem Tage ging mir das Amerika nicht mehr aus dem Kopfe. Wenn der Oheim ſich als Jägersmann fortbringen kann, dachte ich, ſo kann ich's auch, denn ich bin ja als einer der beſten Schützen bekannt. Na⸗ türlich theilte ich mich der Marie mit, und dieſe ſtimmte mir nicht nur vollkommen bei, ſondern erklärte ſich
auch ſogleich bereit, mir bis an's Ende der Welt zu folgen. Eigenthümlicher Weiſe ergriff aber nicht blos
uns zwei das Amerikafieber, ſondern mein künftiger Schwager, der Bauer, welcher die Schweſter meiner Auserwählten geheirathet hatte, wurde ebenfalls ange⸗ ſteckt, nicht ſeinetwegen, wie er behauptete, ſondern um ſeiner Kinder willen, deren er bereits dreie beſaß. Ich ſelbſt,“ ſetzte er mir auseinander,„habe ſo viel, daß ich gut davon leben kann; allein wenn ich heute ſterbe, ſo theilt ſich mein Beſitz in drei Theile, und dann iſt Meiſter Schmalhans Küchenmeiſter. Wie aber vollends, wenn mir Gott noch einen größeren Kinder⸗ ſegen beſcheert? Verkaufe ich dagegen mein Hab und Gut hier, ſo kann ich überem Waſſer drüben mit dem Erlös ein Stück Feld erwerben, das nicht blos für meine jetzige Familie, ſondern auch für deren Kinder
und Kindskinder ausreicht. Es bleibt alſo dabei, wir
ziehen Alle zuſammen fort, und wenn du Luſt haſt, Bauer zu werden, ſo ſiedelſt du dich bei mir an.
So ſprach er, und da ſein Wort in der Familie Alles galt, ſo ſtimmte ihm ſofort ſein Weib vollkommen
bei. Ja ſogar die alte Großmutter, d. h. die Mutter ſeiner Frau und meiner Marie, ließ es ſich nicht neh⸗ men, mitzuziehen, denn, ſagte ſie, ihre Heimath ſei da, wo ihre Kinder leben, und wenn ſie allein zurück⸗ bliebe, ſo würde ſie vor Heimweh vergehen. Nachdem
alſo Alles zwiſchen uns abgemacht war, ging mein Schwager ſogleich an den Verkauf ſeines Anweſens; ich aber eröffnete meiner Mutter, daß ich feſt entſchloſ⸗ ſen ſei, zum Oheim nach Amerika zu gehen. Sie


