da der Menſch, wenn er einer ſolchen Majeſtät gegen⸗ überſteht! Doch, wie geſagt, ich habe nicht die Abſicht, als Reiſebeſchreiber aufzutreten, und darum genüge es zu ſagen, daß wir durch den Anblick ſowohl der„Fälle“, als der„Schlucht“ mehr als hinlänglich befriedigt wa⸗ ren, dieweil es, den Niagarafall ausgenommen, gar nichts Großartigeres in der Welt gibt. Doch hatte uns die Beſichtigung all' dieſer Wunder mehr als acht Tage Zeit gekoſtet, und wir mußten uns nun beeilen, die Weiterreiſe anzutreten.
Der Weg, den wir jetzt einſchlugen, führte ganz ſüdlich in der Richtung nach den„ſchwarzen Bergen“ zu. Dieſe mußten wir zuerſt erreichen, ehe wir einen guten Paß über das Felſengebirge fanden; aber die Entfernung betrug mehrere hundert Stunden, und es vergingen viele Tage und nur zu Geſicht bekamen. Natürlich mußten wir auf dieſem weiten Marſche mit Hinderniſſen aller Art kämpfen, denn wenn auch meiſtentheils auf der ganzen Tour Prairieland mit Wald abwechſelte, ſo hatten wir doch auch nicht ſelten tiefe Bäche, oft ſogar breite Ströme zu überſchreiten, und die Moräſte, die wir umgehen, ſo wie die Felſenberge, über die wir klettern mußten, nahmen uns ſehr viel Zeit weg. Zum Glück begegneten wir nur wenigen Indianern, und ſelbſt dieſe Wenigen benahmen ſich nicht feindſelig gegen uns. Et⸗ was mehr machten uns die vielen Schlangen zu ſchaf— fen, auf die wir an gewiſſen Stellen ſtießen, während das eigentliche Wild erſt dann zahlreich zu werden be⸗ gann, als die Landſchaft anfing gebirgiger zu werden.
Der allerſchwierigſte Feind jedoch, den wir zu über⸗
winden hatten, war die furchtbare Einförmigkeit einer
Wanderung durch die Wüſte, in der wir auf Hunderte
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ſogar Wochen, ehe wir ſie
Eifer unwillkürlich gerührt;
von Stunden die einzigen weißen Menſchen zu ſein uns
bewußt waren. Daß wir uns nun unter ſo bewandten
Umſtänden immer näher an einander anſchloſſen, ver⸗
ſteht ſich ſo zu ſagen von ſelbſt, und es verging kein Abend, an dem nicht der Eine oder der Andere von uns irgend eine Epiſode aus ſeinem Leben zum Beſten gab. Nur allein der junge Fred— ſo hieß der Neffe des langen Tom— blieb dabei gewöhnlich ſtumm, ohne Zweifel, weil er ſeiner Jugend wegen nicht viel zu ſagen wußte, oder vielleicht weil er zu beſcheiden war, um gegenüber von älteren erfahreneren Leuten das Wort zu ergreifen. Doch wollte es mich oft be⸗ dünken, daß ſeine Zurückhaltung noch einen anderen Grund haben müſſe, denn ſo gefällig und zuvorkom⸗ mend er ſich auch gegen uns Alle erwies, ſo konnte man ihn doch nie ſo recht eigentlich munter nach Art der Jugend ſehen, und in manchen Augenblicken er⸗ ſchien er mir ſogar geradezu trübſelig und melancho⸗ liſch zu ſein, allein da er ſich, obwohl ich ihn ein paar Male zum Sprechen zu bewegen ſuchte, durchaus nicht mittheilſam machen ließ, ſo dachte ich am Ende, es ſei dies ſeine Art ſo, und ließ ihn von nun an in Ruhe.
Eines Abends hatten wir wieder, wie gewöhnlich, an einer waſſerreichen Stelle Halt gemacht, und lagen nun in behaglicher Ruhe nach eingenommener Mahl⸗
zeit um die Quelle herum, Jeder ſeine kurze Pfeife
rauchend, als Einer von uns, ich glaube der Nankee, plötzlich an den langen Tom die Frage ſtellte, was er denn eigentlich für ein Landsmann ſei.
„Ich ſeh's ſonſt den Leuten an der Naſe an,“ ſagte er,„aber bei Euch iſt's mir unmöglich, der
Sache auf den Grund zu kommen. Ein Neuengländer ſeid ihr einmal nicht, ſo viel iſt richtig. Aber ſollte ich mich vielleicht täuſchen, wenn ich Euch für einen Sucker oder doch für einen Buckoy erkläre?“
„Nein, nein,“ lachte der lange Tom,„bin weder aus Illinois noch Wisconſin(der Leſer muß nämlich wiſſen, daß die Namen Sucker und Buckoy Spitz⸗ namen für die Bewohner von den Staaten Illinois und Wisconſin ſind); aber ich bitte einmal die beiden andern Gentlemen, ebenfalls auf mein Heimathland
zu rathen.“ „Nur der Hautfarbe nach ſeid ihr entſchieden ein
Zigeuner,“ meinte ich, ebenfalls lachend.
„Und der Unermüdlichkeit nach ein Schottländer,“ ergänzte der Franzoſe.
„Dem Herzen nach aber ein Deutſcher,“ rief der lange Tom.„Ja, ja, ſeht mich nur an, ich der vielbekannte alte Tom bin ein eingewanderter Deut⸗ ſcher, ein Dutshman, wie die Nankee's verächtlich ſagen; aber freilich bin ich auch eines Jägers Sohn und ſchon in meinem achtzehnten Jahre herübergekommen.“
„Und aus welcher Gegend Deutſchlands ſeid ihr?“ fragte ich jetzt in deutſcher Sprache, denn ſeit unſerer ganzen Reiſe hatten wir nie ein anderes Wort als ein engliſches geſprochen.
„Was?“ ſchrie der lange Tom aufſpringend.„Sie ſind auch ein Deutſcher? Hätte ich doch nach Ihrer Ausſprache geſchworen, daß Sie hier im Lande gebo⸗ ren ſeien!“
„Das bin ich auch,“ erwiederte ich über ſeinen „aber meine Eltern ſind aus Deutſchland eingewandert, und meine Mutter, die eine Freiburgerin war, hat mir es tief an's Herz ge⸗
legt, meine Abſtammung nie zu verleugnen und meine
Mutterſprache nie zu vergeſſen.“
„Beim Himmel,“ ſchrie jetzt der lange Tom noch freudiger als zuvor, indem er mir zugleich ſeine beiden großen ſchwieligen Hände hinſtreckte,„dann ſind wir Landsleute, denn mein Vater war Forſtdiener auf der Windeck bei Bühl im Schwarzwald, und hier mein Neffe da, der Sohn meiner verſtorbenen Schweſter und beinahe mein einziger Verwandter auf der Welt, iſt aus Kappel gebürtig, was kaum zwanzig Stunden von Freiburg entfernt liegt. Komm Fritz“— er nannte. ihn jetzt auf einmal nicht mehr Fred, ſondern Fritz— „gib dem Herrn deine Hand und freue dich, daß du nun Jemanden haſt, mit dem du in deiner Mutter⸗ ſprache reden kannſt, da mir ſelbſt durch die lange Zeit, in der ich mit keinem Deutſchen verkehrte, das Eng⸗ liſche geläufiger geworden iſt.“
Er brauchte übrigens ſeinen Neffen nicht erſt zu erinnern, ſich mir zu nähern, denn derſelbe war bei dem erſten deutſchen Worte, das er von mir gehört, wie elektriſirt auf mich zugeſprungen, und in ſeinen
beiden großen Augen erglänzten die hellen Thränen, als er mir ſchüchtern ſeine Hand bot. Die Liebe zur Heimath, zur guten treuen Heimath, oh wie iſt ſie doch ſo mächtig in allen Söhnen Germanias, beſon⸗ ders in denen, welche aus dem gebirgigeren Theile un⸗ ſeres Vaterlandes ſtammen!
Welch' trauten Abend wir dießmal verlebten, brauche ich wohl kaum zu ſagen, das aber muß ich anführen, V daß der junge Fritz oder Fred, wie wir ihn von nun
an abwechslungsweiſe nannten, ſeit der Entdeckung
meiner deutſchen Abſtammung ein beſonderes Zutrauen
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