Teil eines Werkes 
Band 1
Seite
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nicht anders zuging, und daß wir verſchiedene Tage lang das tolle Thun theils mit anſahen, theils ſogar, obwohl nicht in übertriebenem Maße, ſelbſt mitmach ten. Nun aber nach Verfluß dieſer Zeit trat unſere Bootsmannſchaft mit dem Boote die Rückfahrt nach St. Louis an, und auch wir mußten alſo daran den⸗ unſere Weiterreiſe zu beginnen. Demgemäß ſahen wir uns unter den anweſenden Jägern um, welcher von ihnen am beſten für unſeren Zweck tauge, und merkwürdigerweiſe fiel das Augenmerk von uns allen Dreien zumal auf einen und denſelben Mann. Es war dies ein gewiegter Burſche von fünf⸗ oder acht⸗ undvierzig Jahren, den man nur den langen Tom

nannte, wahrſcheinlich weil er etwas über gewöhnliche

Mannesgröße maß, welchen aber alle Andere mit einem gewiſſen Reſpekt behandelten, wie wenn er ihnen an Kraft, Erfahrung und Klugheit überlegen wäre. Sol⸗ chen Reſpekt verdiente er übrigens auch, denn als Jä⸗ ger und Fallenſteller ſuchte er ſeines Gleichen, und bei Gefahren oder in der Noth zeigte er einen Muth, eine Ausdauer und eine Aufopferungsfähigkeit, welche man nur bei wenigen Menſchen findet. Ueberdies kannte er den ganzen Weſten, wie ein Anderer ſeine Heimath kennt, und hatte namentlich die Reiſe nach Oregon über das Felſengebirge ſchon mehrere Male zurückgelegt, ſo daß wir gar keine paſſendere Perſönlichkeit hätten finden können. Ohne uns alſo lange zu beſinnen, wandten wir uns an ihn, und fragten ihn, ob er wohl geneigt wäre, die Führerſtelle bei uns zu über⸗ nehmen, und welche Bedingungen er ſtelle. Eine Zeit lang erwiederte er nichts, ſondern betrachtete uns nur ſorgfältig Einen nach dem Andern, vom Kopf bis zum Fuße; endlich jedoch ſchien er zufrieden geſtellt, denn er nickte unmerklich mit den Augen und ein eigenthüm⸗ liches Lächeln flog über ſeine Lippen.

Hm! ſagte er,ich glaub' man kann's mit euch riskiren, denn ihr ſeht mir nicht aus wie Leute, die nach einem Tagmarſch von zwölf Stunden ſchon er⸗ liegen, oder Furcht haben, durch einen Bach zu waten, deſſen Waſſer Einem bis unter das Kinn geht. Allein ehe wir weiter von der Sache ſprechen, muß ich euch ſagen, daß ich einen Kameraden habe, oder vielmehr keinen Kameraden, ſondern einen Neffen, den ich als Sohn betrachte, und daß ich keine Reiſe thue ohne ihn.

Mit dieſen Worten deutete er auf einen jungen Menſchen von etlichen und zwanzig Jahren, der nebenan vor ſeinem Zelte ſaß und eifrig, aber ohne aufzuſchauen, an einer Doppelflinte putzte. Wir hat⸗ ten denſelben bis jetzt nicht zu ſehen bekommen, ohne Zweifel, weil er ſich den Gelagen der alten Jäger und Trapper ferne hielt, und eben deßwegen betrachteten wir ihn um ſo aufmerkſamer; allein je länger wir auf ihn blickten, um ſo mehr gefiel er uns, denn er war ſehr wohlgeſtaltet von Gliedern und hatte ein überaus einnehmendes, obwohl etwas trübes Geſicht. Auch mußte er offenbar das Gewerbe ſeines Oheims noch nicht allzu lange treiben, da die Haut ſeines Ge⸗ ſichtes und ſeiner Hände noch nicht die ſchwarzbraune Farbe angenommen hatte, welche den älteren Trappern eigen war, und ſomit durften wir annehmen, daß er nicht in der Wildniß geboren ſei, ſondern vielmehr in der civiliſirten Welt, d. h. mit anderen Worten, wir durften hoffen, daß wir einen angenehmen und gebil⸗

Natürlich gingen wir alſo mit Vergnügen darauf ein, nicht blos den langen Tom, ſondern auch ſeinen blond⸗ haarigen Neffen als Führer zu miethen, und nun war unſer Kontrakt in weniger als fünf Minuten abge⸗ ſchloſſen. Waren doch die Bedingungen, welche Tom ſtellte, ſo 3durch und durch annehmbar, daß es eine Schmach für uns geweſen wäre, auch nur in Etwas zu markten! Wir ſchlugen alſo ein, ohne ein Wort zu verlieren, und Tom betrachtete uns nun ſichtlich mit noch größerer Achtung, als zuvor.

Wie ſich von ſelbſt verſteht, machten wir uns ſo⸗ fort an die nöthigen Vorbereitungen zu der weiten Reiſe, denn ein Marſch durch die Wildniß und über die Fel⸗ ſengebirge iſt etwas Anderes, als eine Reiſe⸗Tour in Europa, und man darf ſich da in Beziehung auf ſeine Ausrüſtung wohl ein wenig vorſehen. Eine gute Büchſe mit dem nöthigen Pulver und Blei führte allerdings Jeder von uns ohnehin ſchon bei ſich, und überdies hatten wir für tüchtiges Fußwerk, ſo wie fürhalt⸗ bare, nicht an jedem Dorn hängen bleibende Kleider geſorgt; allein deßwegen fehlte uns doch noch viel zu unſeremSpaziergang, der vorausſichtlich ſeine drei bis vier Monate dauern konnte, und die anweſen⸗ den Händler fanden daher in uns gute Kunden. Nach wenigen Tagen jedoch waren wir fix und fertig, und nach kurzem Abſchied von den an dieſem Haltplatze gewonnenen Bekannten ſchritten wir, Tom als Führer voran, am Ufer des Stromes aufwärts den großen Fällen zu, wegen deren wir den großen Umweg gemacht hatten.

Es war eine großartige Parthie, der wir da ent⸗ gegen gingen, denn man zählt der Kaskaden, die der Miſſouri hier auf einer kurzen Strecke macht, nicht weniger als ſiebenundzwanzig, und im Ganzen beträgt ihr Fall um etwas mehr als dreihundert dreiunddreißig Fuß. Freilich mehrere der Fälle ſind nur gering und eher Stromſchnellen als Kaskaden zu nennen; zweimal aber macht der ungeheure Strom einen Satz, daß die Seele wirklich von tiefſter Ehrfurcht vor der Größe Gottes erfüllt wird. Das eine Mal nämlich beträgt die Höhe des Falles ſiebenundvierzig Fuß bei dreizehn⸗ hundertundvierzig Fuß Waſſerbreite, und das andere Mal engt ſich der gewaltige Fluß auf ſiebenhundert⸗ undneunzig Fuß Breite ein, um volle ſechsundachtzig Fuß ſenkrecht hinabzuſtürzen. Welch' ein Anblick, be⸗ ſonders wenn die Sonnenſtrahlen ſich in den Fluthen brechen! Und dazuhin den Donner und den Giſcht, welche beide ſich faſt auf eine Meile weit verbreiten! Wahrhaftig der Rheinfall bei Schaffhauſen bietet viel, aber mit den Miſſourifällen hält er den Vergleich nicht aus. Doch meine Abſicht iſt nicht, dem Leſer eine Naturbeſchreibung zu liefern, und daher will ich es bei dem bis jetzt Geſagten bewenden laſſen. Ebenſowenig will ich mich bei denGates oder demGebirgsthore

aufhalten, durch welches der Miſſouri etwa zweiund⸗

zwanzig Meilen oberhalb der Fälle hindurchſchießt, ſon⸗ dern nur kurz berichten, daß dieſes Gebirgsthor eine Art Via mala oder noch beſſer eine Taminaſchlucht im Großen iſt, denn der hier auf vierhundertundfünf⸗ zig Fuß eingeängte Strom, deſſen Waſſermaſſe aber der des Rheins bei Cöln mehr als gleichkommt, braust mehr als zwei Stunden lang zwiſchen Felswänden hin, welche an die zwölfhundert Fuß hoch ſenkrecht vom Waſſerſpiegel aufſteigen. Allmächtiger Gott, wie wird Einem da zu Muthe! Wie elend und nichtig fühlt ſich