Teil eines Werkes 
Band 1
Seite
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länger nicht, er ging in raſchem Entſchluß zum Mei⸗ ſter hinein und kündigte ihm die Arbeit auf. Näch⸗ ſten Samſtag wolle er wandern.

Der Meiſter ſchaute auf, und das bleiche Geſicht des Geſellen bemerkend, ſagte er:Hätt's nicht erwar⸗ tet. Aber Ihr ſcheint mir mehr geiſtig als körperlich krank und da mag Veränderung gut thun. Steht auch mit dem Hanauer nicht auf dem beſten Fuß, und da der vielleicht. Doch was rede ich. Frauen haben nun einmal gern ihren Willen. Alſo nächſten Samſtag! Gut, Labiauer! Euer Wanderſchein ſoll be⸗ reit liegen.

Dann aber, als würde er nun doch von innerer Rührung und Güte übermannt, trat er einen Schritt näher, reichte dem Goͤſellen die Hand und ſagte, ihn ſanft zur Thüre hinaus drängend:Geht nur. Mor⸗ gen iſt die Preisvertheilung, und wer weiß, was die uns bringt. Ein Menſch wie Ihr findet überall ſein

8 Brod. Sollt's aber je einmal fehlen, dann kehrt heim zu mir. In meiner Werkſeatt ſollt' Ihr ſtets will⸗ kommen ſein!

Der Meiſter trat zurück und der Geſell ſchritt zur Werkſtatt hinüber. Er hörte den Eduard näſelnd ſein früheres Lied parodierend ſingen:

Ein Neidhard in der Werkſtatt ſtand, Er eines Andern Kunſtwerk fand; Da griff er denn mit Fäuſten zu Und ging davon, legt ſich zur Ruh' Ein Teufel lachte ſpöttiſch. 14 Weiter konnte er nicht ſingen, denn der Zollſtock des Hanauers flog ihm an der Naſe vorbei. Vermaledeiter Junge! rief der Altgeſell,weißt nicht, daß ein Burſche in der Werkſtatt nicht ſingen 3 darf? Ich bläue dir den Buckel. Die andern Geſellen ſchauten auf, ſie wußten nicht, was ſie von dem Zorn des Hanauers zu denken hat⸗ ten. Es gingen gar eigene Gedanken durch ihre Bruſt.

Eduard war zur Werkſtatt hinausgeſchlichen. Drau⸗ ßen ſang er weiter:

Weiß nicht, was aus dem Brette ſpricht,

Der Meiſter ſtirbt noch immer nicht,

Das Mädel ſetzt den Schippſtuhl mir,

Mein ſpottend, ſchnippiſch vor die Thür Da iſt es Zeit zu wandern. Die Elſe ging vorbei; ſie hörte das Lied.Pfui, Eduard! ſagte ſie;hab' ich des Herzeleids noch nicht genug? Mußt du mir auch noch Kummer bereiten? Wenn die Mutter dich hört!Wann ſie's nur thät! rief der Junge ernſt.Ich trüge eine Tracht Schläge gern, wenn ich Ihr Auge, Elſe, dadurch wieder lachen machen könnte. Aber Geduld, Geduld ich helfe Und damit lief er davon. Andern Tages fand die Preisvertheilung ſtatt. 1 Meiſter Erasmus war von früh an bereits in dem Ausſtellungsgebäude anweſend. Es hatte ihm nicht Ruhe gelaſßin⸗ er mußte ſehen und hören, wer Preiſe I gewann. ittag war längſt vorüber. Er hatte ſagen laſſen, man ſolle mit dem Eſſen nicht auf ihn warten, er käme noch nicht. Frau Sabine hatte unmuthig eine Stunde gewartet; nun aber war ihre Geduld erſchöpft, ſie hieß die Schüſſel bringen und die Leute zum Eſſen rufen. Man ſetzte ſich; aber es wollte Niemand ſchmecken; Alle waren erwartungsvoll. Nur die Elſe war ſtill, gedrückt, ihr Auge verweint. Leiſe, wie von innerem Drange getrieben, fragte ſie den Labiauer: Alſo morgen geht es fort?

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Der Geſell ſagte nichts, er nickte nur ſtumm mit dem Haupte. Da ſtand ſie auf, trat an das Fenſter und that, als ob ſie nach dem Vater ausſchaue, in Wahrheit aber, um ungeſtört vor ſich hin zu weinen. Sie hatte die Thränen nicht länger zu bergen vermocht.

Die Mutter ſahe es, und hatte bereits ein hartes Wort auf der Zunge, als zum Glück der Meiſter ein⸗ trat. Sein Auge glänzte freudig, ſein Schritt war raſch. Mit jugendlichem Eifer trat er zu dem Labiauer, reichte ihm mit zitternder Hand die große, goldene Preismedaille hin und ſagte:Hier, nehmt ſie iſt

CEuer. Ihr habt ſie verdient. Der Preis iſt gewon⸗ nen. Den Tiſch hat der Fürſt ſelbſt gekauft!

Die Elſe ſchrie freudig auf, dann aber wurde ſie bleich, als ſchäme ſie ſich ihrer Freude.

Der Geſell war aufgeſtanden; er zitterte vor Ueber⸗ raſchung, er mußte an dem Stuhl ſich halten. End⸗

lich ſagte er:O, wenn dies mein Vater, die Mut⸗

ter erlebt hätten. Sie drangen ſo ernſt darauf, daß

ich in der Schule und ſpäter in der Werkſtatt was

Tüchtiges lernen mußte. Wie würde dies ſie nun er⸗ freuen!

Der Meiſter ließ ihn nicht weiter ſinnen; ſtürmiſch rief er, während die andern Geſellen ſich herzudräng⸗ ten und dem Labiauer die Hand ſchüttelten:Wie die Eltern ſich gefreut hätten, ſo freue ich mich. Jetzt aber frage ich Euch: Wollt Ihr noch wandern? Bleibt ich ich bitt Euch darum!

Der Gefragte konnte nicht antworten, denn der Eduard drängte ſich durch den Kreis er hatte einen

Augenblick vorher die Stube verlaſſen gehabt, trat

zum Hanauer und ſagte:Altgeſell! Draußen ſteht ein fremder Geſell, der will Euch ſprechen. Sollt' heim kommen. Man hat Eurem Vater die Werkſtatt ver⸗ ſiegelt, weil die Schulden ihm über den Kopf gewach⸗ ſen ſind. Wußt' es längſt, daß Ihr nicht ſo reich ſeid, als Ihr vorgabt. Und, Altgeſell, wenn Ihr wandert, nehmt hier dies ausgeſchweifte Blatt zum An⸗ denken mit. Es iſt das Blatt, das Ihr von dem Tiſch des Labiauers damals in der Nacht losgebrochen. Fand es Tags darauf in Eurem Kaſten. Nehmt's mit und gedenkt meiner. Wenn Ihr ſpäter ja ein⸗ mal einen Burſchen bekommt, haltet ihn beſſer, als Ihr mich gehalten habt. Adieu Hanauer! Alle ſtanden und ſchauten erſtaunt auf den bleich⸗ gewordenen Sünder, der keines Wortes mächtig war. Der Labiauer war zum Fenſter gegangen, wo die Elſe noch immer ſtand, hatte ihre Hand ergriffen, ihr in das glühende Auge geſchaut und gefragt:Soll ich mein Ränzel ſchnüren? Und ſie, ſie ſchaute auf, blickte ihn an, ſo lieb, ſo traut, wie nur die Liebe ſchauen kann, ſchmiegte ſich leiſe, innig an ſeine Bruſt, und ihre roſigen Lippen ihm ſchämig zum erſten Kuſſe bietend, ſagte ſie:Ernſt! lieber Ernſt! Ein ganzer Himmel voll Glück lag in dieſem Worte. Und er, der zum erſtenmal ſich ſo gerufen fand, zog ſie an ſich, umſchlang ſie innig und rief:Nun erſt fühle ich es, nun hab ich den Preis errungen! Den ich von ganzem Herzen dir gönne! ſprach der Meiſter, der leiſe herangetreten war.Du ſollſt mir als Sohn willkommen ſein! Der Hanauer hörte es; leiſe, unbeachtet ſchlich er zur Thür hinaus. Sein Spiel war ausgeſpielt; die Elſe war für ihn verloren; deren Herz hatte ſeine Hei⸗ math gefunden. Er kehrte niemals zur Werkſtatt zurück.