Teil eines Werkes 
Band 1
Seite
20
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Die Roſe im Ciſch.

(Schluß von Seite 17.)

Am andern Morgen fand der Labiauer eine Roſe auf ſeiner Bank liegen. Niemand wußte, wie ſie da⸗ hin gekommen.

Nun rückte der Termin zur Einlieferung der Gegen⸗ ſtände zur Gewerbeausſtellung heran.

Der Meiſter hatte jetzt deſſen kein Hehl mehr zu ſagen, daß der Tiſch für die Ausſtellung beſtimmt ſei. War er doch beinahe vollendet und ſo überaus ge⸗ lungen.

Um ſo mehr war er daher eines Morgens entrüſtet, als er vernahm, daß in der Nacht von der Arbeit ein Blatt am Fuß abgebrochen ſei und auf der Platte ſich einige Schrammen befänden. Man ſah es, es war dies Alles mit Abſicht und aus Muthwillen oder Rache geſchehen.

Der Thäter war nicht zu ermitteln. Und ſo ließ der Meiſter die Bank des Labiauer nach ſeiner eigenen Arbeitsſtube hinüberſchaffen, damit der Geſell dort un⸗ geſtört ſein Werk zu Ende führen könne. Das Sprüch⸗ wort ſagt: Wer Andern eine Grube gräbt, fällt ſelbſt hinein; oder: Was man verhindern will, befördert man abſichtslos zumeiſt. Hatte der Thäter im Sinne gehabt, ein Werk zu ſtören, damit es nicht zu rechter Zeit abgeliefert werden könne, oder gedachte er zu ver⸗ hindern, daß die Elſe ſich ſo oft ein Gewerbe mache, zur Werkſtatt zu kommen, um die ſchöne, zierliche Ar⸗ beit zu bewundern und zu loben ſo war Beides fehl gegangen..

Drinnen in des Meiſters Stube ging die Arbeit noch einmal ſo raſch von Statten. Niemand ſtörte dort den Geſellen, und wenn die Elſe kam, Dies oder Jenes zu bringen, oder nach Dieſem und Jenem zu fragen, dann ſchien es, als ob Meißel und Hobel Flügel bekommen hätten, als ob Heinzelmännchen un⸗ ſichtbar mitſchafften und arbeiteten.

Die Platte des Tiſches war eine köſtliche Moſaik⸗ arbeit, aus lauter verſchiedenartig polirten Blättchen Holz zuſammengeſetzt. Und wenn man genauer die Zeichnung betrachtete, fand man, daß das Ganze ein liebliches Roſenbouquet war, das Einem entgegen zu duften ſchien, während die ganze Tiſchplatte ſelbſt nur ein ſchön gebogenes und geformtes Blatt einer Calla⸗ pflanze darſtellte. Der Stiel des Blattes bildete den Fuß des Tiſches, der drunten wieder in drei, erſt leicht verſchlungene, und ſich dann zu eben ſo viel Füßen ausbreitende Epheublätter formte. Zierliche Schilfblät⸗ ter ſchienen außerdem den Stiel noch zu umranken und gaben dem Ganzen ein ungemein leichtes, zierlich ge⸗ fälliges Ausſehen. Meiſter und Geſellen konnten nicht umhin, das vollendete Werk zu loben und zu be⸗ wundern.

Die Elſe aber ſtand dabei und glühte auf. Sie vermochte Nichts zu ſagen, ſo übervoll war ihr die Bruſt; ſie blickte nur verſtohlen auf und ihr Blick traf das Auge des Verfertigers, ſo daß ſie, über und über roth werdend, zu zittern begann. Er aber, er ſah ſie an, als wollte er ſie fragen: Haſt du allein kein Wort der Freude, der Anerkennung für mich?

Doch ſie konnte Nichts ſagen, es war ihr nicht möglich; ſie konnte ihn nur ſcheu, verſtohlen anſehen. Ihre Bruſt wogte; es ging ein ganzer Himmel von Glückſeligkeit durch ihr)e Seele aber reden konnte ſie nicht; ſie mußte nur immer wieder denken: Wie ſchön und wie prächtig iſt die Roſe abgebildet, die ich ſelber ſtill, heimlich, verſchwiegen ihm hingelegt!

Der Geſell aber, der ſo gern ein Wort aus ihrem Munde vernommen hätte, der nach einem kleinen Lobe

von ihrer Seite ſo innig lechzte, er wußte nicht, was

er zu denken habe. Still, gedrückt, ſo recht tief ge⸗ täuſcht, wickelte er ſein Werk ein und trug es mit dem Eduard hinüber nach dem Ausſtellungsgebäude. War doch heute der letzte Termin der Ablieferung.

Wie viel, wie unendlich viel Schönes war bereits ausgeſtellt aus allen Fächern der Induſtrie und des Handwerks, aus allen Gegenden von nah und fern.

Der Geſell und der Eduard wurden nicht müde, Alles zu betrachten; doch die rechte, ächte, herzinnige Freude an dem Vorhandenen ſchien Erſterem vergangen; wie in einem Traume ging er dahin; eine tiefe Er⸗ ſchlaffung, nach übergroßer Anſtrengung, eine gedrückte Muthloſigkeit hatte ſich ſeiner bemächtigt. Er mußte immer an die Elſe denken und an ihr Stilleſein.

Trüb ſagte er zu dem Jungen, als er heim ging: Eduard! Nächſten Samſtag ſchnür' ich mein Ränzel und wandere.

Was! ſchrie der Burſch erſchreckt, war er doch dem Geſellen von Herzen zugethan,dann nehmt mich nur mit, denn ohne Euch halt' ich's nicht aus. Doch was treibt Euch fort? Ihr müßt bleiben, bis die Preis⸗ richter Euch die erſte Medaille für Eure Arbeit zuer⸗ kannt haben. Und dann werden Euch andere Hände halten!

Der Geſell ſchüttelte den Kopf. Ernſt ſagte er: Mich verlangt nach ſolchem Preiſe nicht! Und haſt du nicht die anderen köſtlichen Arbeiten geſehen? Die ſind alle ſchöner, beſſer als die meinige!

Das iſt Geſchmacksſache, lachte Eduard.Mir gefällt nun einmal Euer Tiſch am beſten. Wie! oder wollt Ihr weichen, weil man Euch den Poſſen in der Werkſtatt geſpielt? Seid ruhig, ich bring' das Schelmenſtück zu Tage. Verlaßt Euch darauf. Wozu alſo wandern? 1

Der Angeredete ſchwieg, aber man ſah es, nicht aus Ueberzeugung, ſondern nur, um nicht noch weiter in der Sache reden zu müſſen.

Daheim in der Werkſtatt aber war er noch ſtiller, noch trüber, als ehedem geworden. Hatte er Grund dazu? Wie zutraulich, wie lieb war die Elſe bisher geweſen und wie ſcheu, wie ängſtlich war ſie nun! Er wußte es ja nicht, daß die Mutter ſie täglich drängte, dem Hanauer Gehör zu geben. Er wußte nicht, daß ſelbſt der Vater nur noch ſchwachen Wider⸗ ſtand dem Drängen der Frau entgegen ſetzte. Er ſah

die Thränen nicht, die das Mädchen heimlich, ſtill in ſeinem Stübchen weinte. Er ſah nur ihr ernſtes, trü⸗ bes Geſicht, ihr gedrücktes Weſen, und ſo trug er es