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garten gefolgt war.
noch einmal umſah, bemerkte er, daß ſie ein kleines Bouquet Roſen an der Bruſt trug.
Jetzt vernahm er von der Werkſtatt her einen raſchen, freudigen Tritt. Der Hanauer war's. Er hörte noch, wie er zu Jemand ſprach: Augarten! Nun, ſo es der Frau Meiſterin genehm, machen wir denſelben Gang. Das Wetter iſt ſchön!“ Der Hörende vernahm nicht, was die Meiſterin darauf entgegnete. Er ſah nur den Hanauer daher kommen, ſtolz, aufgeblaſen, ihn kaum beachtend, im Knopfloch an der Bruſt eine Roſenknoſpe tragend.
Warum ergriff den jungen Geſellen der Anblick der Roſe ſo mächtig? Warum mußte er zugleich jenes Straußes gedenken, den die Elſe an ihrem Buſen trug? Hatte er doch bislang des Mädchens kaum Acht gehabt; war er doch mit ſeinen Gedanken immer bei ſeiner Arbeit geweſen, mehr der Zukunft als der Gegenwart lebend.— Und nun ſtand das junge Mädchen mit einem Mal im Geiſte vor ihm, in ihrer jugendlichen Friſche, ihrer Natürlichkeit und Anmuth; eine Maien⸗ roſe, im Aufblühen begriffen, ſo daß es ihm gar eigen um's Herz wurde, und er nicht wußte, ob er ſich freuen oder traurig ſein ſollte. Des Letzteren aber war des Grundes wohl mehr vorhanden. Was war er denn? Ein armer Geſell, der nicht Vater, nicht Mut⸗
„Alſo zum
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rakters kehrten ſich heraus. Er hatte es ja nicht ge⸗ ſehen, nicht ſehen wollen, daß die Elſe ihre Roſen mit Abſicht von ſich geworfen; er fühlte es nicht, daß das Mädchen ihm ſichtbar aus dem Wege ing. Er hatte die kluge, berechnende Mutter für ſich— und ſo ließ er ſeine Pläne, ſeine Gedanken zur That werden, und hielt bei dem Meiſter, bei der Meiſterin um die Hand der Tochter an. Er wollte, wie er ſagte, die Werkſtatt des Vaters übernehmen und ein eigenes Haus⸗ weſen gründen.
Der Frau war der Antrag nicht unlieb, und ſie war nicht abgeneigt, ihr Jawort ſofort zu geben. Doch der Meiſter konnte in ſeiner Bedächtigkeit die Frage nicht unterdrücken,„ob denn die Elſe von ſeinem Var⸗ haben wiſſe?“
Die Frau ſchaute bei dieſen Worten unwillig auf; nicht ohne Erregtheit ſagte ſie:„Ich dächte, die Elſe iſt meine Tochter, und alt genug, um zu wiſſen und einzuſehen, was zu ihrem Beſten iſt. Kinder müſſen nicht gar zu viel gefragt werden!“
Doch der Meiſter ließ ſich durch die Heftigkeit der Frau nicht von ſeiner Anſicht abbringen. Gutmüthig ſchmunzelnd ſagte er:„Schon gut, Mutter! Aber der
Hanauer will kein Kind, ſondern eine Frau, was eben
ter mehr hatte; dem die Eltern Nichts hinterlaſſen, der
allein darauf angewieſen war, ſich ſein Brod durch ſ
ſeiner Hände Arbeit zu verdienen; ja der keine Ausſicht
hatte, jemals Meiſter werden zu können. Wie ſollte er bei ſeinem kärglichen Lohn daran denken können,
ſich ſo viel zu erſparen, um etwas Eigenes beginnen
zu können! Wie ſo anders ſtand es mit dem Hanauer.
Er war eines Handwerkers Sohn; ſein Vater war alt
und ging, wie es hieß, bereits damit um, dem Sohne die Werkſtatt zu übergeben. Mußte er alſo nicht ſchon deßhalb der Meiſterin als Sohn willkommen ſein?
Und die Elſe? Was wußte er von ihr? Sie trug duf⸗
tende Roſen an der Bruſt, wie deren der Hanauer eine gleiche trug. War es zu verwundern, daß ihm die Roſen nicht dufteten, ſondern er nur den Stich der Dornen zu empfinden meinte! Er ſah es ja nicht, wie die Elſe ſo unmuthig den Kopf zur Seite warf, als ſie des Hanauers anſichtig wurde, der ihr zum Au— Er ſah es nicht, wie ſie die Ro— ſen von der eigenen Bruſt nahm und raſch zur Erde fallen ließ, um ſie mit dem Fuße, wie abſichtslos, zu
zertreten, als ſie die Roſe in ſeinem Knopfloch bemerkte. Er ſah dies Alles nicht, und ſo ſtand er traurig in der Thür, um gleich darauf nur noch trauriger zur
Werkſtatt zu gehen.
Dort aber, dort ermannte er ſich
raſch; er gedachte ſeiner Zeichnung, ſeiner vorhabenden
kunſtreichen Arbeit, und ſo griff er in Haſt nach dem Stift und begann auf's Neue zu zeichnen.
Der Gedanke an die Elſe ſchien ihm neue Kraft, neue Geiſtesſchwingen verliehen zu haben, ſo raſch flog nun der Stift über das Papier. Und als er die Zeich⸗ nung beſah, war es, als ob der ganze Tiſch, den er
zu fertigen gedachte, nur eine zierlich in Holz geſchnitzte Blume ſein ſollte, ſo leicht, ſo lieblich geſtaltete ſich
das Ganze.
Im Arbeiten hatte er Ruhe gefunden; und der
hobelt und geſchnitzt.
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die Elſe werden ſoll. Und bei der Sache pflegen die Mädels doch auch gern ein Wort mitreden zu wollen, wie du dies auch zur Zeit gethan. Bei der Gelegen⸗ heit ziehen ſie oft die Kinderſchuhe aus. Drum,“ und hiemit wendete er ſich zu dem Geſellen,„ein Mann, ein Wort, Hanauer! Die Elſe iſt mein einziges Kind. Ich mag ſie nicht drängen und zwingen— ſo ſie Euch will— ſollt auch Ihr mir als Sohn willkommen ſein! Verſucht bei dem Mädel Euer Glück! Adieu für jetzt! Wir ſind und bleiben die alten Freunde.“ Mit dieſem Beſcheide mußte der Geſell ſich begnügen. Die Elſe aber ungeſtört ſprechen zu können, wollte ihm nicht gelingen; ſie wich ihm ſichtbar aus. Das ganze Leben im Hauſe war überhaupt ein mehr gedrücktes geworden. Die Mutter hatte es nicht unterlaſſen kön⸗ nen, der Tochter von dem Antrag zu ſagen— und die, die hatte entſchieden ihre Abneigung gegen den
Hanauer erklärt, was eben auch nicht zum Frieden des
Hauſes beigetragen hatte.
Nur der Meiſter ſchien von dieſem Allem nichts ſehen und merken zu wollen. gewohnten Gang. Nur bei dem Labiauer ſtand er jetzt öfter als ſonſt in der Werkſtatt. Derſelbe hatte ſein koſtbares Tiſchchen bereits in Arbeit genommen, zum Aerger der übrigen Geſellen, beſonders des Hanauers, und da hatte der Meiſter natürlich öfter nachzuſehen und zu fragen oder anzuordnen. Und gewiß, es war ein koſtbares, reizendes Stück Arbeit, das dort auf der Hobelbank lag. Wie leicht, wie zierlich rundete ſich Brett auf Brett; wie künſtlich waren die Bogen ge⸗ Freilich, der Geſell verwendete auch ſeine ganze Kunſt, all' ſeine Liebe und Ausdauer darauf. Es war, als ob er in das kalte, unſchein⸗ bare Holz alle ſeine Gedanken und Gefühle hineinlegen wollte. Er hatte von dem Antrage gehört, den der Hanauer gemacht, und er zweifelte nicht, daß es dem⸗ ſelben doch endlich, mit Hülfe der Meiſterin, gelingen
trübe Ernſt der Seele hatte einer milden Hoffnung b werde, ſeinen Zweck zu erreichen. Eine tiefe Wehmuth, ein tiefer Schmerz hatte ſich ſeiner bemächtigt. Er
Raum gemacht. Der Hanauer aber war von der Stunde ab ein Anderer geworden. Alle häßlichen Seiten ſeines Cha⸗
glaubte die Elſe für ſich verloren und fühlte nun erſt
in dieſem Gefühl des Verlorenen, daß er das Mädchen
Er ging ſeinen ruhigen,
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