Teil eines Werkes 
Band 1
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Bin eben da in meiner Geſchichte, wo ich hier ein⸗

wandere, und des Pfarrers Brief deinem Vater über⸗ gebe. Denke mir, könnteſt mein Geſpinnſt nun wei⸗

ter entwickeln.

Frau Sabine jedoch rief:Haſt deine Streiche noch immer im Kopfe, Alter? Meineſt, ich ſolle dem jun⸗ gen Volke hier erzählen, wie wir ein Paar wurden, und du Meiſter dazu, in des Vaters Werkſtatt? Wol⸗ len's laſſen, Alter! Denk, deine Geſchichte hat auch ſo einen Schluß. Sind ja Beide der lebendige Punkt

dazu. Der Altgeſell ſagte voll Salbung und Schmeichelei: Frau Meiſterin findet immer das Richtige. Un⸗

ſern Dank dem Herrn!

Eduard lachte. Wie aber, als fürchte er für ſeine unzeitige Freude beſtraft zu werden, ſprang er auf und rief durch das Fenſter ſchauend:Der Labiauer kommt, mit dem Ränzel ſo fein, das wird gewiß voll Duka⸗ ten ſein!

Mit dieſen Worten war er zur Thür hinaus, dem Genannten entgegen, dem er geſchäftig das winzige Ränzel abnahm und luſtig ſingend zur Kammer hin⸗ auf trug.

Andern Tages ſtand der fremde Geſell rüſtig ar beitend in der Werkſtatt. Man ſahe es, es ging ihm Alles leicht und geſcheidt von der Hand. Er arbeitete raſch und ſicher; doch in ſeinen Augen lag ein trüber Ernſt, den ſelbſt ein heiteres Lied der Genoſſen nicht zu verſcheuchen vermochte. Man ſahe es, nur mit Widerſtreben ſtimmte er ein in den frohen, fröhlichen Geſang.

Der Meiſter ſchien ihn ob dieſes Ernſtes beſonders gern zu haben, wogegen die Kameraden in der Werk⸗ ſtatt ihm von vorn herein den Spitznamender Stille gaben. Beſonders der Altgeſell, der Hanauer, einen abſonderlichen Groll ſofort auf den Labiauer ge⸗ worfen zu haben. Bei jeder Gelegenheit ſuchte er ihn zu hänſeln und dem Spott der Mitarbeitenden Preis zu geben.

Es iſt ein friſches, luſtiges Treiben in der Werk ſtatt. Der handhabt die Säge, der den Hobel, jener den Meißel, und dieſer Zollſtock und Winkelmaß; in⸗ deß der Eduard am Herde ſteht und den Leimtigel

wärmt. Jetzt geht die Elſe am Fenſter vorüber dem

Garten zu. Sie hat einen Blick nach der Werkſtatt geworfen, und dieſer Blick hat nicht den Hanauer, wie erwartet wurde, getroffen, ſondern den Stillen. Darob iſt in der Bruſt des Erſteren ein Feuer erglüht, daß er die Säge kreiſchen und in das Holz ſchneiden läßt, als ſolle, weiß Gott, was zerſchnitten werden. Der Eduard ſchaut auf und ruft, er war ja nun einmal der neckende Kobold der Werkſtatt:Hanauer, ſoll ich Waſſer holen? Brennt's Brett?

Die Mitgenoſſen blickten auf und lachten. Der Geneckte aber ergriff den Zollſtock, und ihn nach dem Burſchen ſchleudernd, ruft er:Verdammter Schlingel! Denkſt biſt vornehmer Leute Kind. Aber wart', ich bläue dir den Rücken.

Plötzlich jedoch hielt er inne, und einen ſcheuen Blick zur Seite, auf das vorhin durchſchnittene Brett

werfend, murmelt er dumpfe, unverſtändliche Worte vor ſich hin, und blickt auf's Neue ſcheu, erbleichend nach dem Brett.

Die Kameraden, die bei den Worten des Eduard

uhr alle auf ihn geſchaut, ſehen ſeine Blicke, und der ihm

ſchien

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Zzunächſt ſtehende ruft:

Aber der

als drücke es ihn,

Nun was gibt's? Iſt's wieder nicht richtig?

Der Hanauer hat die Frage vernommen und, wie das Geheimniß länger bei ſich zu behalten, ruft er in Haſt, ſcheue Blicke zur Seite wer⸗ fend:Nicht unrichtig, ſondern richtig iſt's! Das Brett ſollte zur Wiege werden; aber es wird ein Sarg daraus. Verlaßt Euch darauf! Ich hört' es deutlich im Holze klaſen Das war der Ruf der Todten!

Und wie, als ſolle ſeinen Worten die Beſtätigung auf dem Fuße wigen, trat jetzt der Meiſter zur Werk⸗ ſtatt, der ſich ſofort zu dem Hanauer wendend ſagte: Laſſen's die Wiege nur die hat Zeit. Ein Sarg iſt beſtellt.

Die Anweſenden erſchraken unwillkürlich. Alle waren ſtill geworden. Jeder von ihnen kannte die Sage, die ja faſt keinem Tiſchler unbekannt iſt; aber dennoch wurden ſie diesmal ganz beſonders von dem Klopfen des Todten erſchreckt; wohl, weil das Ganze ſo unmittelbar auf einander gefolgt war.

Der Eduard freilich, der konnt's nicht laſſen, der mußte dem Gefühl, der Stimmung den richtigen Aus⸗ druck geben und hub, als der Meiſter die Werk⸗ ſtatt kaum verlaſſen hatte, zu deklamiren an:

Ein Tiſchler in der Werkſtatt ſtand,

Bei Hobel und Säge unverwandt.

Bis Abend ſpät, vom Morgen früh,

Stand er in der Werkſtatt und feierte nie Bis zu dem Ruf der Todten.

Es klopfet vernehmlich und leiſe an,

Es raſtet und horcht der alte Mann;

In einem der Bretter, zur Seite dicht,

Da klopft es gemeſſen, es täuſcht ihn nicht. Das iſt der Ruf der Todten.

Wohl wußte der Meiſter zu deuten den Klang, Der aus dem Brette vernehmlich drang: Wo eben erſchallt das Klopfen dort, Das wird zum Sarg geſchnitten ſofort. Das ſagt der Ruf der Todten.

ſchwieg er, er mochte nitht weiter ſprechen. Hanauer, der durch ſein Wiſſen und durch ſein Prophezeihen im Anſehen bei ſeinen Mitgenoſſen beſonders geſtiegen zu ſein glaubte, rief:Nun, ſag dein Lied nur weiter. Biſt ja ein Geſtudirter, und ſo ſchlägt das in dein Fach. Oder graut dir vor deiner eigenen Kunſt?

Nein! ſagte der Junge ernſt, wie ſonſt nie. Mir graut nicht. Aber ich zögerte mit dem Schluß, weil ich nicht wollte, daß Eure Gedanken ſo an das Tageslicht kämen. Nun Ihr es wollt, will ich das Ende des Liedes ſagen; doch möcht' Ihr in Eurem Herzen keine Folgerung darauf bauen: die Elſe bekommt Ihr nicht, ſelbſt wenn der Meiſter ſtürbe, was hoffent⸗ lich nicht geſchehen wird. Ihr ſeht, ich bin auch ſo ein Stück von einer prophetiſchen Hausmucke. Und, als bemerke er das Bleichwerden des Geſchmähten nicht, noch ſehe er die verlegenen, erſtaunten Blicke der an⸗ dern Geſellen, die alle wie fragend auf den Hanauer blickten, der vor innerer Erregung nicht zu ſprechen vermochte, da er ſein Geheimniß, was er ſo tief ver⸗ borgen glaubte, ſo plötzlich an das Licht gezogen ſah ſprach der Junge mit düſteren Blicken, den Wor⸗ ten angemeſſenem Tone weiter:

Jetzt

Schon iſt der Tiſchler ein müder Greis, 3 Die Hände ſind dürr, das Haar iſt weiß;

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