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warum denn immer ſolch' unſchöne Lieder. Es gibt der beſſeren doch ſo viel!“
„Das wohl!' fiel ich ernſt ein, ‚denn es kam mir von Herzen, was ich ſagte;„ aber unſer Einer lernt nur die beſſeren nicht. In meiner Jugend wurde derglei⸗ chen nicht in Schulen gelehrt; und was man darüber hinaus noch lernt, iſt nicht eben das Beſte.:
Der alte Herr ſchwieg und ich ſagte weiter:„Man tadelt uns Haudwerksleute immer, daß wir des Sonn⸗ tags zum Wirthshaus gehen. Glauben's mir, beſter V Herr, es ginge Mancher von uns gern in die ſchönen prächtigen Muſeen, oder Ausſtellungen, wenn dieſelben nur Sonntags geöffnet wären, oder nur nicht Geld und ſtets einen guten Anzug koſteten. Letzterer iſt oft fadenſcheinig.— Glauben's mir, wir Arbeiter lernten
(Siehe S.
je toller, deſto hartherziger die Menſchen waren, die
uns von ihren Thüren wieſen! Man thut's, wäre es auch nur, um das laute Mahnen des Magens zu über⸗
täuben.— Nichts für ungut, Herr Pfarrer! Wir
Handwerksleut ſind nicht ſo bös, als wir ſcheinen.
„Nun, nun!’ ſchmunzelte der alte Herr; zich ſehe,
man hat den Mund auf dem richtigen Fleck, und wenn's
mit dem Arbeiten eben ſo beſtellt iſt, ſo kann's nicht fehlen!“
Könnt' ſein,“ lachte ich, ‚wenn's nur nicht eben ſeit Wochen an Arbeit fehlte.“
„Glaub's, glaub's,“ entgegnete der alte Herr. Es ſind ſchlechte Zeiten.: Freundlich ſetzte er hinzu: ‚Bei mir freilich wird man nicht nach Arbeit gekommen ſein! Was iſt man denn?:
Bin ein Tiſchler!’ ſprach ich natürlich; und der Pfarrer ſetzte hinzu:„So, ſo! ſchade, daß man nicht Uhrmacher, hätt' ſonſt eine Kleinigkeit zu thun gehabt.
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gern, wenn man uns nur Gelegenheit dazu geben wollte, viel zu ſehen und viel zu lernen. Säßen oft auch gerne warm, oder am wohl beſetzten Tiſch, müſſen aber hinaus in Wind und Wetter, Schnee und Sturm, ohne zu wiſſen, wo und wann für uns jemals wieder ein Topf an das Feuer geſtellt wird. Der Meiſter hat keine Arbeit, und ſo heißt es: Geſell mußt wandern! Die erſten paar Tage macht ſich's ſchon, beſonders, wenn die Sonne noch warm vom Himmel ſcheint. Aber wenn man ſo Woche um Woche, Tag für Tag vorgebens nach Arbeit fragt, die Stiefel nicht mehr vorhalten wollen, und das Hemd ſich am Ellenbogen des letzten Rockes verſtohlen an das Tageslicht wagt, o Herr! dann iſt's, als ob Blei an den Füßen läge, und man ſingt zuletzt aus Verzweiflung Schelmenlieder,
Aber unbeſchenkt ſoll man nun doch nicht von meiner
Thüre gehen.
Mit dieſen Worten wollte er ſich umdrehen, wohl um mir eine kleine Gabe zu holen. Ich aber hielt ihn zurück, indem ich ſagte: ‚Wollen's gütigſt mir nicht Ihre Uhr zeigen?— Bin als Knab' oft bei unſerem Wirth, einem Uhrmacher geweſen, und hab’ Manches dort geſehen und gelernt, was ich auch ſpäter noch geübt und nicht vergeſſen habe. Darum, wollen's mich nicht Ihren Patienten einmal ſehen laſſen?:
Der Pfarrer ſchaute mir mit ſeinen kleinen grauen
Augen eine Zeit lang prüfend in das Geſicht, und
ſagte endlich:—Es iſt ein altes, koſtbares Werk, meine Wanduhr, mir beſonders lieb, zumal es ein Erbſtück iſt. Darum ſchon möcht' ich es nicht gern aus dem Hauſe geben. Aber es fehlt mir viel, wenn ich die Uhr nicht gehen höre. Möcht's faſt verſuchen. Man ſcheint mir doch ein verſtändiger, junger Menſch, der
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