Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
eigenen Vorzüge zu verbergen, wenn ſie diejenigen, welche ſie nicht beſitzen, demüthigen; die Gefälligkeit, welche auch Ideen, die man nicht ſelbſt gehabt hat, mit Beifall annimmt; und dann endlich jene Höflichkeit, welche vielleicht eben nicht die Tugend ſelbſt, aber dafür nicht ſelten die glückliche Unwahrheit iſt, welche macht, daß der Stolz neben dem Stolze vorbeigeht, ohne ihn zu beleidigen.
Bei den Weibern iſt die Höflichkeit eine Folge ihres Charakters; ſie iſt verbunden mit ihrem Geiſt, mit ihrer Feinheit, ja, ſelbſt mit ihrem Intereſſe. Wenige Männer haben es ſich zum Syſtem gemacht, jedermann zufrieden mit ihnen von ſich zu laſſen; aber viele Weiber haben dieſen Vorſatz und verſchiedene unter ihnen haben ihn erreicht. Aber eben dieß muß ſie nicht ſelten zur Falſchheit verleiten. Man ſtellt da den Ausdruck einer Geſinnung an die Stelle der Geſinnung ſelbſt. Daher der Tadel, welchen man ſchon ſo oft gegen die Weiber wiederholt hat. Und man muß zugeben, daß ſie ſchon von Natur mehr zu allen Arten von Verſtellung geneigt ſein müſſen. Nur die Stärke iſt es, welche alle ihre Gemüthsbewegungen frei äußert, die Schwäche und die Kunſt zu gefallen hingegen müſſen ſich mit den ihrigen in Acht nehmen und ſie genau abmeſſen. So lernen denn die weit furchtſamern Weiber erſt diejenigen Geſin⸗ nungen, welche ſie wirklich haben, geheim halten, und am Ende kommen ſie ſo weit, daß ſie diejenigen äußern, welche ſie nicht haben. Der Mann kann freimüthig ſein, ohne tugendhaft zu ſein; denn bei ihm iſt es viel⸗ leicht das Bedürfniß einer ungeſtümen und freien Seele. Hingegen die Offenherzigkeit der Weiber, iſt ſie einmal wahre Offenherzigkeit, kann nichts anderes, denn Ver⸗ dienſt ſein. Ihre Aufrichtigkeit iſt ein Opfer, welches ſie der Freundſchaft bringen. Der Mann iſt aufrichtig aus Stolz, das Weib aufrichtig aus Liebe. Die Falſchheit des Mannes zielt faſt beſtändig auf ſein Inter⸗ eſſe; die des Weibes faſt beſtändig darauf ab andern zu gefallen. Die eine Falſchheit betrügt, die andere verführt uns.— Es gibt ſelten Weiber, welche nach jenem Geſetze leben, welches gebietet, weder zu lieben, noch zu haſſen. Ihre Gerechtigkeit lüftet allezeit die Binde, um zu ſehen, wen ſie zu verdammen oder zu abſolviren habe. Man wird ſehen, daß ſie ſich allezeit entweder der Uebertreibung des Mitleidens oder der Uebertreibung der Rache nähern. Es gebricht ihnen an jener ruhigen Stärke der Seele, welche an ſich zu halten weiß. Alles was gemäßigt in ſeinem Gang iſt, macht ihnen Qual.
Ein Weib von vielem Geiſte ſagt, die Franzoſen ſchienen den Händen der Natur in eben dem Augenblick entgangen zu ſein, als in ihre Kompoſition erſt Luft und Feuer gedrungen ſei. Sie hätte dasſelbe auch von ihrem Geſchlechte ſagen können; aber ohne Zweifel wollte ſie ihr Geheimniß nicht verrathen.
Die Weiber beſitzen unter allen Arten von Muth einen, welcher ihnen am meiſten eigen iſt, und das iſt der Muth des Duldens; ſo viel iſt gewiß, daß ſie hundert⸗ mal lieber dulden als mißfallen, hundertmal eher den Schmerzen, als der öffentlichen Meinung Trotz bieten.
Miszelleu.
Mannigfaltiges.
Der Aberglaube ſitzt auch heute noch ſo berg⸗ hoch feſt, wie nur irgend in einem frühern Jahrhundert. Die angeblich gebildeten Franzoſen ſtehen in Bezug auf den Glauben an Amulete völlig auf gleichem Fuße mit Beduinen, Türken und Ruſſen. In der Krim trug faſt jeder franzöſiſche Soldat ein Amulet am Leibe. Nicht blos gemeine Soldaten, ſondern auch Stabsoffiziere tra⸗ gen ſolche Schnurrpfeifereien; Marſchall Canrobert iſt
mit einem Amulet behängt und glaubt, daß es ihm während der Schlacht an der Alma das Leben gerettet habe. Seitdem gilt er für feſt, und der Glaube an die Kraft der Talismane hat ſich dadurch ſo ſehr befeſtigt, daß todtkranke Soldaten bis zum letzten Augenblicke nicht an ihrer Herſtellung verzweifeln: und wenn auch ein Amuletträger ſtirbt, ſo bleiben ſeine Kameraden doch ſteif und feſt bei ihrem Wahne und nehmen an, der Talisman des Geſtorbenen ſei nicht echt geweſen. Von Marſchall Bosquet und General Forey wird berichtet, daß ſie Splitter von dem heiligen Kreuz bei ſich tragen; Prinz Napoleon ſoll im Beſitz eines Amuletes ſein, wel⸗ ches vor Hieb und Stich ſchütze. An manchen Todten fanden die Aerzte nicht blos chriſtliche, ſondern auch jüdiſche und türkiſche Amulete; viel ſollte viel helfen; die Kugeln hatten trotzdem getroffen. Die afrikaniſch⸗ franzöſiſchen und die tuneſiſchen Truppen trugen eine Nachbildung des Talismanes El Herep auf der Bruſt; die Türken und Egypter haben Koranverſe an ihren Hemden. Bei den Ruſſen trugen ſowohl jüdiſche wie chriſtliche Soldaten ihre Amulete. Die chriſtlichen haben außer einem geweihten Kreuze meiſt eine runde Medaille von Pappe oder Pergament, auf welcher die Worte ſtehen:„Heiliger N. N., bewahre den Sohn des A. A. vor jedem Uebel und böſen Geiſt“; die jüdiſchen Sol⸗ daten haben bleierne oder zinnerne Medaillen mit ver⸗ ſchiedenen hebräiſchen Inſchriften. An den Leichen ruſ⸗ ſiſcher Offiziere fand man zuweilen ſehr reich verzierte Amulete, und oft auch jüdiſche neben den chriſtlichen. Der ruſſiſche General Liprandi gilt bei den Soldaten für feſt, und nach dem Glauben derſelben mußten auch die ſchwerſten Bomben vor der Kraft jener Amulete weichen, welche der Fürſt Mentſchikoff und der Oberſt Golowiu am Leibe haben. Das Alles darf uns nicht Wunder nehmen; trug doch in früheren Jahrhunderten faſt Jedermann ein Amulet, gleichviel ob Katholik oder Proteſtant. Der Theolog Andreas Oſiander hatté als ſolches eine goldene Kette, die er nie abgelegte, weil ſie ihn gegen Krankheiten, Ausſatz und Hoffahrt ſchütze; trotzdem war er ein ſehr ſtreitſüchtiger Kampfhahn. Der Oberſtburggraf von Dohna führte 1587 den franzöſi⸗ ſchen Hugenotten fünfzehntauſend Mann Hilfstruppen zu, wurde aber von den Katholiken auf's Haupt ge⸗ ſchlagen. Faſt bei allen Gefangenen oder Todten fand man magiſche Zettel, welche jedoch ihre Beſtimmung, den Träger vor Schuß, Hieb und Stich zu ſichern, nicht erfüllt hatten. Alles ſchon dageweſen, und kommt doch immer wieder, denn die Natur des Menſchengeiſtes bleibt in allen Zeiten weſentlich dieſelbe.
Der amerikaniſche Geſandte am berliner Hofe, Herr Wright, hielt in der Geſellſchaft für Erdkunde nach der erfolgten Anzeige vom Tode Alexander’s von Hum⸗ boldt in engliſcher Sprache eine Anrede, welche in der Ueberſetzung alſo lautet:„Gern vereine ich mein Mit⸗ efühl mit meinen deutſchen Brüdern; wir miſchen unſere hränen mit den ihren bei dem Hintritte dieſes größten Erdenſohnes. Gern feiern wir des großen, guten und eliebten Humboldt Andenken, und die Nachricht ſeines
odes wird in allen Theilen Nordamerika's und von allen Klaſſen unſers Volkes mit dem tiefſten Beileid aufgenommen werden. Humboldt gehörte keinem Lande an, und ſein Alter wird nicht nach Jahren gezählt. Wahrlich: er hat viele Jahrhunderte, lange Jahrhunderte in Einſicht und Kenntniß gelebt. An ſeiner, allen Amerikanern gleichmäßig bewährten Güte, ſeiner Ver⸗ einigung mit unſeren Inſtitutionen, da dieſe noch in der Kindheit waren, dem tiefen Intereſſe, das er ſtets für unſere Erfolge bekundete, erkennen wir, daß er einer der Unſrigen geweſen. Als er noch vor zwei Monaten mit 70 unſerer Landsleute den Geburtstag des Vaters unſers gemeinſamen Vaterlandes feierte, ſagte er ſelbſt: „Ich bin ein halber Amerikaner! Vor über fünfzig Jah⸗ ren war er Jefferſon's Gefährte und Genoſſe, ein
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