Heft 
(1859) 12 12
Seite
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Feuilleton.

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Mäßigkeitstagen in Vergleich mit den oft wirkſamen Angriffen anderer Reizmittel, erfolgreich gegen ſie ge⸗ kämpft. Das ſchöne Geſchlecht erhebt zwar laut ſeine Stimme gegen Tabak und andere Reizmittel für das männliche Geſchlecht, klammert ſich aber hartnäckig an den Gebrauch des Thees und Kaffees.

Es wird alſo von wichtiger Bedeutung zu entſchei⸗ den, ob die Wahl der ziviliſirten Welt durch Erfahrung und Wiſſenſchaft gerechtfertigt wird.

Die auf organiſcher Chemie beruhende Phyſiologie wenigſtens hat die Wahl der ziviliſirten Welt gebilligt. Bis dahin waren Kaffee und Thee von Phyſiologen und Phyſikern nur für Reizungen des Nervenſyſtems und in geringerm Maße für Beförderungsmittel der Blut⸗ Cirkulation angeſehen worden. Um dieſen Zweck zu er⸗ reichen und dem unaufhörlichen Verlangen nach beſtän⸗ diger Erregung der Gehirnfunktion zu genügen, haben die Aerzte dieſelben mit Widerſtreben in die Diät ihrer Patienten mehr als nothwendige Uebel, wie als poſitive Heilmittel, aufgenommen. Es blieb dem alles durch⸗ forſchenden deutſchen Geiſte vorbehalten, ihre beſſern Eigenſchaften zu entdecken; erſt in den letzten Jahren haben die mit Selbſtaufopferung unternommenen Experi⸗ mente des Dr. Böcker in Bonn und des Dr. Julius Lehmann in Jena ihnen den gebührenden Platz un⸗ ter den Speiſen als ergänzende Nahrungsmittel an⸗ gewieſen.

Wir haben hiernach zwei natürliche Abtheilungen, die erwärmenden und die plaſtiſchen Nahrungsmittel; die einen erhalten die Wärme des Körpers und be⸗ fähigen uns, eine von dem Medium, indem wir uns befinden, unabhängige Temperatur zu ertragen, die an⸗ deren bauen, beſſern und erhalten die verſchiedenen Ge⸗ vpebe, die faſerigen, muskelhaften, knochigen oder ner⸗ digen Theile, die unſere Geſtalt bilden. Dieſe beiden Nahrungsarten müſſen wir in gehörigem Maß und Ver⸗ hältniß zum Leben haben und entlehnen ſie ſowohl dem Thier⸗ als dem Pflanzenreich. Wir nehmen ſogar gewiſſe zufällige Elemente in uns auf, die ihren Platz finden und der Geſundheit zuträglich ſind. Eiſen durchſtrömt unſer Blut, Schwefel rüht verborgen in Haar und Nägeln, Phospohr funkelt ungeſehen im Gehirn, Leim verbindet unſere Knochen und Fluorin emaillirt unſere Zähne. Wenigſtens ein Dritttheil der bekannten chemi⸗ ſchen Elemente exiſtirt in irgend einem Theil des menſch⸗ lichen Körpers und wird uns durch die verſchiedenen Nahrungsmittel zugeführt. Dieß würde nun eigentlich für die Bedürfniſſe der Natur hinreichen und genügt auch der ganzen thieriſchen Schöpfung; doch der Menſch und Denker verlangt etwas mehr.

Ein übermäßig angeſtrengtes Gehirn, ein über⸗ füllter Magen bei wenig geübten Muskeln und Gliedern, heben bald das richtige Verhältniß zwiſchen Gewährung und Verlangen auf. Wir verlieren mehr als uns die geſchwächte Verdauung wiedergeben kann, und ſuchen das daraus entſtehende, unangenehme drückende Gefühl zeitweiſe durch Reizmittel, entweder durch Tabak oder Alkohol, oder durch Kaffee und Thee aufzuheben. Dieſen beiden letzten Hilfsmitteln iſt daher der Name: ergän⸗ zende Mittel gegeben worden.

Ergänzende Mittel ſind ſolche, deren Genuß die Belebung und Erneuerung des organiſchen Baues(d. h. die Metamorphoſe) den erfordernden Umſtänden nach modifizirt. Man kann ſie in ſolche eintheilen, welche die Metamorphoſe hemmen, und in ſolche, die ſie be⸗ ſchleunigen. Unter die erſten gehören Alkohol, Zucker, Kaffee und Thee.

Ihr Nutzen iſt ein zweifacher. Während ſie mehr als hinreichend die Auflöſung der Gewebe zurückhalten, helfen ſie einem fühlbaren Mangel des Nervenſyſtems ab. Sie erfreuen, erfriſchen und tröſten, wie es andere Nahrungsſtoffe nicht im Stande ſind, da ſie ſowohl das Verlangen des Körpers als das des Geiſtes be⸗ friedigen.

Bei erſchöpfenden Arbeiten, als Wachſamkeit er⸗ haltendes Mittel, ſind Kaffee und Thee ſchon längſt von allen Klaſſen praktiſch anerkannt. Der Seemann, der Fußreiſende, der Gelehrte ſtellen ſie ſogar über Alkohol.

Es gibt natürlich, wie bei jedem Dinge im menſch⸗ lichen Leben, eine Schattenſeite auch bei dieſem Bild. Mißbrauch entſteht leicht aus Gebrauch und die Folgen des übermäßigen Genuſſes nervöſer Reizmittel, heftige Nervenerſchütterung und Verdauungsſchwächung, ſind zu bekannt, um noch einer Erwähnung zu bedürfen.

Es iſt ziemlich ſeltſam, daß der wirkſame Stoff im Thee und im Kaffee wahrſcheinlich derſelbe iſt. Dieſer Stoff wird Cafein und Thein genannt und enthält eine große Menge Stickſtoff. Chemiſch beſteht er aus 19 Proz. Kohlenſtoff, 10 Proz. Waſſerſtoff, 4 Proz. Stickſtoff, 4 Proz. Sauerſtoff. Man kann ihn alſo mit einigem Rechte zu den plaſtiſchen Nahrungsmitteln zählen.

Der hohe Preis und die weite Verbreitung des Kaffee's und Thee's haben zahlreiche Verfälſchungsver⸗ ſuche herbeigeführt. Der unſchuldigſte iſt noch der Ver⸗ kauf von Kaffeegrund und alten Theeblättern für friſche Waaren. Es iſt ein unſicheres Ding, gemahlenen Kaffee zu kaufen und mit unwillkürlichem Schauder ſehen wir ſtets die niedlichen kleinen Tüten an den Fenſtern des Krämers, aus deren Inhalt ſicherlich Bohnen und Erb⸗ ſen herausſchmecken. Die gebräuchlichſte, ſelbſt offenkundig als ökonomiſch und lukrativ gerühmte Verfälſchung be⸗ ſteht in der Miſchung des Kaffee's mit den Wurzeln der wilden Endivie oder Cichorie. Geröſtet und gemahlen gleichen dieſelben wirklich dem Kaffee, enthalten jedoch keine ſeiner guten Eigenſchaften und ſind nur der Billig⸗ keit wegen zu empfehlen. Die Blätter der Eſche und der Schlehe werden zur Verfälſchung des Thees ange⸗ wandt, verringern aber deſſen gute Eigenſchaften, ohne dieſelben genügend durch andere erſetzen zu können.

Zur Charakteriſtik der Weiber.

Montagne entſcheidet die Frage, welches von beiden Geſchlechtern mehr zur Freundſchaft geſchaffen ſei, zum Nachtheile der Weiber. Er läßt den Weibern überhaupt wenig Gerechtigkeit widerfahren. Vielleicht ging es ihm, wie jenem Richter, welcher ſo ſehr fürchtete, par⸗ teiiſch zu ſein, daß er es ſich zum Geſetze machte, ſeine Freunde allezeit den Prozeß verlieren zu laſſen. Bei den Männern zeigen ſich mehr die Handlungen als die Annehmlichkeiten der Freundſchaft; auch ihre zärtlichſten Geſinnungen ſind noch zu wenig über jene Kleinigkeiten aufgeklärt, welche bei der Freundſchaft einen ſo großen Werth haben. Die Weiber hingegen beſitzen eine Em⸗ pfindſamkeit, welche ſich auch auf den geringſten einzelnen Umſtand erſtreckt. Beſonders aber wiſſen ſie unzähligen Dingen einen Werth zu geben, welche außerdem keinen hätten. Demnach ſollte man ſich vielleicht einen Mann nur bei wichtigen Vorfällen zum Freunde, aber für das Glück eines jedweden Tages die Freundſchaft eines Weibes wünſchen.

Die Weiber ſind, wenn ihre Liebe Leidenſchaft iſt, gewiß am beſtändigſten; iſt ihre Liebe hingegen weiter nichts als Laune, ſo ſind ſie dafür auch wieder die aller⸗ leichtſinnigſten; denn dann haben ſie nicht mehr jene ſanfte Scham, welche das Gefühl der Liebe ſo tief in ihre Seele eingräbt. Es bleibt ihnen nichts, als Sinne und Imagination Sinne, welche von ſeltſamen Launen beherrſcht werden und eine Imagination, welche in einem und eben demſelben Augenblicke ſich entzündet und wieder verliſcht.

Die geſelligen Tugenden ſind in dem alltäglichen Leben eben das, was gangbare Münze im Handel und Wandel iſt. Zu ihnen gehört die Kunſt, Schwachheiten, welche ſich äußern, nicht zu bemerken, die Kunſt, ſeine

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