370 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Philipp der 4t nach deren Verordneter Hochlöbl Regierung in der unteren Pfaltz den 6. Aprilis Anno 1628 als der catholiſche Glauben wiederumb eingeführt worden iſt aufgerichtet Muniſterus in Hiſtoria von Ingelheim des Hr: Raeml. Reichs⸗ theil fol.. MDCLXXXIX.“
Eben ſo iſt noch einiges alte Mauerwerk übrig — ſehr geringe Gedenkzeichen ſo großer Pracht!
Dem berühmten Saale von Ravenna gegen⸗ über befand ſich die Schloßkapelle, jert evangeliſche Kirche. Ein Theil davon ſcheint wirklich aus dem neunten Jahrhunderte herzurühren, während man deutlich ſieht, daß der größere Theil dem zwölften, und manches auch erſt dem vierzehnten Jahrhundert angehört. In dieſer Kirche befindet ſich ein ſehr alter Grabſtein, den man für den der Kaiſerin Hilde⸗ gard, der zweiten Gemalin Karl's des Großen hält, und deren rührende Geſchichte noch im Munde des Volkes lebt. Hier, ſo erzählt man, ſprach Karl das grauſame Urtheil über die von ſeinem Neben⸗ bruder, deſſen verbrecheriſche Liebe ſie zurückwies, ſchmählich verleumdete Hildegarde aus. Es ſollten ihr nämlich die ſchönen verführeriſchen, blauen Augen ausgeſtochen, und ſie dann hinge⸗ richtet werden; doch ein treuer Freund rettete ſie durch Muth und Liſt. Er entriß ſie ihren Henkern, ſtach einem Hunde die Augen aus und ſandte dieſe dem Kaiſer, der den Betrug nicht merkte und ſein Urtheil an ihr vollzogen wähnte. Den falſchen, verleumderiſchen Bruder erfaßte Reue, doch geſtand er ſeine böſe That nicht ein. Von Gewiſſensqualen gefoltert, wurde er krank und die Sehkraft ſeiner Augen erloſch. Er ſchloß ſich einem Zuge des Kaiſers nach Rom an, um dort die geſchickteſten Aerzte zu berathen, aber keiner wußte ihm Hilfe zu ſchaffen; da hörte er von einer wunderthätigen Frau, die ſeit einiger Zeit in Rom Kranke heile durch einfache Mittel und frommes Gebet. Er ließ ſich zu ihr führen, und ſie gab ihm nach kurzer Zeit das Licht ſeiner Augen wieder;— aber wie erbebte er, als ſein erſter heller Blick auf ſie fiel! Es war Hildegard— die durch ihn ſo grauſa⸗ mem Geſchicke verfallene Kaiſerin. Zerknirſcht ſank er zu ihren Füßen; doch ſie reichte ihnt verzeihend die Hand und befahl ihm zu ſchweigen. Kaiſer die Heilung ſeines Bruders erfuhr, theilte er es dem Papſte mit, und Beide beſchloßen, die wunderthätige fromme Frau zu ſehen, und ſchickten zu ihr; ſie ließ ihnen ſagen, am Altare zu St. Peter ſei ſie fürder zu finden. Der Papſt und der Kaiſer begaben ſich dorthin, und Karl erkannte mit ſchreckensvollem Staunen ſeine todtgeglaubte Gattin. Mit ruhiger Würde ſprach ſie von ihrer Unſchuld, und erzählte ihre wunderbare Rettung durch den treuen Freund. Karl ſah ſein Unrecht und ihre Unſchuld ein, flehte ſie um Vergebung
Als der
an, und gelobte, ſie zu rächen an ſeinem heuchleri⸗ ſchen Bruder. Doch ſie zeigte auf den Gekreuzigten,
und ſagte:„Vergebet, ſo wird euch vergeben.“
Karl mußte an heiliger Stätte geloben, als guter Chriſt keine Rache zu üben. Der Papſt, gerührt durch Hildegard's Großmuth und frommen, chriſtlichen Sinn, ſegnete das wieder vereinte Paar; und der Kaiſer führte glückſelig ſeine Gemalin nach Deutſchland in ſein ſchönes Ingelheim zurück. Sie ſtiftete aus Dankbarkeit für ihre Errettung das Kloſter zu Kempten, einem kleinen Orte am Fuße des Rochusberges, ſtarb bald darauf in Karl's Armen und wurde in Ingelheim begraben.
Auch war es hier in Ingelheim, wo ſich die bekannte hübſche Liebesgeſchichte von Eginhard und Emma zutrug, wo die Kaiſertochter den ge⸗ lehrten Geheimſchreiber, ihren zärtlich geliebten Lehrer, durch den friſch gefallenen Schnee über den Hof des Palaſtes trug, und von ihrem Vater be⸗ lauſcht wurde.
Der trotzige, heldenmüthige Sachſenfürſt Witte⸗ kind beugte hier in Ingelheim ſein Knie vor dem mächtigen Karl; und unter ſeinem Sohne, Lud⸗ wig dem Frommen, wurde in der Ingelheimer Schloßkapelle der Dänenkönig Harold mit ſeiner Frau und ſeinen Kindern getauft.
Ingelheim blieb noch lange Zeit ein Königs⸗ ſitz, verfiel dann ſpäter etwas und wurde im Jahre 1462 bei der unſeligen Fehde zwiſchen Adolf von Naſſau und dem Churfürſten von Mainz gänzlich zerſtört, und zeigt jetzt nur noch dieſe wenigen traurigen Ueberreſte alter Herrlichkeit.
Eine Viertelſtunde von Niederingelheim ent⸗ fernt liegt auf einer Anhöhe Oberingelheim, wel⸗ ches noch jetzt alte Mauern umſchließen, die theil⸗ weiſe mit Thürmen verſehen ſind. Sehenswerth iſt dort die uralte Kirche mit ihren vielen Denk⸗ mälern, Grabinſchriften und bunten Fenſtern, auf denen die letzten Thaten Karl's des Großen dar⸗ geſtellt ſind; auch wird auf dem Rathhauſe noch der Turnierſattel dieſes mächtigen Herrſchers gezeigt. Die Lage beider Ingelheim iſt äußerſt anſprechend, beſonders jene von Oberingelheim ſehr romantiſch; auch hat man von dort eine entzückende Ausſicht über die ganze dießſeitige Umgegend ſowohl, wie über den Rhein mit ſeinen jenſeitigen maleriſchen Uferſtrecken.
Viele reiche Privaten haben ſich in Ober⸗ und Niederingelheim angekauft, und man findet dort reizende Landhäuſer von großen ſchönen Gärten umgeben. Niederingelheim iſt ein freundliches, rein⸗ liches Städtchen, und wird von einem ſehr rührigen, muntern, meiſt Weinbau treibenden Völkchen be⸗ wohnt. Der rothe Ingelheimer Wein iſt weit und breit berühmt und gehört unſtreitig mit zu den beſten in- und ausländiſchen Rothweinen. Erquicken wir uns daran und gehen wir dann langſam den breiten grünen Thaleinſchnitt hinunter nach dem Rheine zu, wo unſer Schiffer in dem kleinen Nachen liegt und behaglich ſich von der Sonne beſcheinen läßt.
Auf, guter Freund! Führe uns wieder hin⸗ über über den ſtolzen Strom! Wir wollen dann


