Heft 
(1859) 12 12
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368 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

ihrer Zeit, ähnlich an Ritterlichkeit dem Vater und an Schönheit und Herzensgüte der Mutter, der ſchönen Waldfee mit den Gluthaugen aus der Thal⸗ ſchlucht bei Dubſchan, ſtets noch grünt der Myr⸗ tenkranz und glänzen deſſen Gold⸗ und Silberfä⸗ den, das ehrwürdig bewahrte Geſchenk ihrer Urahne, und noch ruht ſichtlich die ſchützende Hand auf dem Geſchlechte der Eggerberge.

Skizzen aus dem Rheingau. Von Paul Ftein.

(Fortſetzung.)

anz nahe am Ufer des Rheines erhebt ſich auf einer Gartenterraſſe das Biebricher

8 Se von Naſſau. Dieſes Gebäude erſcheint mehr 2 durch ſeine wundervoll ſchöne Lage impoſant, o als durch ſeinen Bauſtyl, der weder ge⸗ ſchmackvoll noch großartig iſt. Die Mitte des Schloſſes bildet ein Rundbau mit einer halbmond⸗ förmigen Doppeltreppe, den zu beiden Seiten ſchmale Galerien mit den Seiten⸗Pavillons verbinden, von wo aus wieder Seitenflügel weiter laufen. Dieſe und noch mehr die Pavillons enthalten koſtbar ein⸗ gerichtete fürſtliche Wohnungen im feinſten, reichſten und eleganteſten Geſchmacke, der beinahe um den Preis mit der Schönheit der umgebenden Natur wetteifern zu wollen ſcheint, und dieſen Aufenthalt zu einem unendlich reizenden, ja wahrhaft feen⸗ artigen macht.

Hinter dem Schloſſe breitet ſich der große Park aus, den wir für einen der anmuthigſten von ganz Deutſchland erklären. Die großen Glashäuſer des Wintergartens mit ihren koſtbaren ſeltenen Pflanzen, ihrer farbigen Blumenwelt, den verſteckten Vogel⸗ bauern, und an die tropiſche Zone erinnernden Plätzchen, ſind weit und breit berühmt; doch uns ſeſſelt weit mehr der grüne Park mit ſeinem blauen Himmelsdache und ſeiner reinen erquickenden Luft. Er iſt ſo friſch, dieſer Garten, ſo einfach geſchmack⸗ voll, und doch ſo mannigfaltig, ſo blumen⸗ und waſ⸗ ſerreich, hat ſo liebliche trauliche Plätzchen, ſo luftige Pavillons, ſo prachtvolle Baumgruppen, ſo zierliche Gebüſche und ſo großartige Alleen, daß man ihn immer wieder mit neuer Freude und neuer Ueber⸗ raſchung durchwandelt. Tritt man aus der alten, majeſtätiſchen Kaſtanienallee, ſo überraſcht uns ein kleiner See, von ſaftigen Raſen umfaßt, und drüben an ſeinem Ufer die epheuumrankte Ruine einer alten Burg. Sie iſt keine nachgeahmte Spielerei, wie man ſie zuweilen in großen Anlagen findet und belächelt; es iſt eine uralte Burg, Mosburg genannt, in der ſich ſchon im Jahre 874 Ludwig

der Deutſche einige Zeit aufhielt. Die Ruine ſieht ſehr wohlerhalten aus, ja man bemerkt ſogleich hinter ihren umrankten, alterthümlichen Fenſtern ein leben⸗ diges Treiben, das unſere Aufmerkſamkeit erregt; wir gehen raſch um den See, über die kleine Brücke, und finden uns vor einem eiſernen Gitter⸗ thore, das den Eingang verwahrt. Ein Diener in reicher Livree öffnet mit höflicher Bereitwilligkeit und zeigt uns zwei altersgraue Steinbilder und zwei merkwürdige Steine aus dem 13. und 14. Jahr⸗ hundert. Wir ſehen dieſe Alterthümer mit jenem Intereſſe an, das ſolche Ueberreſte längſt vergangener Zeiten auch bei denjenigen hervorrufen, die ſich ſonſt nicht allzu ſehr mit der Alterthumskunde befaſſen.

Doch wie wird unſere Bewunderung lebhaft rege, wenn die Thüre ſich öffnet und wir in ein Bildhauer⸗Atelier eintreten, das der kunſtſinnige Herzog Adolf, der jetzt regierende Fürſt, gründen ließ. Aus ihr ging das ſchöne Grabmal der jungen Herzogin, ſeiner erſten Gemalin, hervor, welches ſich ſeit ſeiner Vollendung in der griechiſchen Kapelle auf dem Neroberge bei Wiesbaden befindet. Auch noch andere plaſtiſche Kunſtwerke, die jenen pracht⸗ vollen Tempel zieren, ſchuf hier der rege, ſinnige Geiſt und die fleißige Hand des leider für die Kunſt und das Vaterland zu früh dahingeſchiedenen Meiſters Hopfengarten, eines der talentvollſten

Schüler des berühmken Rauch. Noch mehrere große Kunſtwerke hatte er theils vollendet, theils be⸗ gonnen, als der Tod ſeinen ſchöpferiſchen Genius der Welt entführte, und dieſen Ort ſeines Schaffens, dieſen romantiſchen Aufenthalt, dieſes einſame, ver⸗ ſteckte Kunſt-Atelier gleichſam zu ſeinem Grabmale machte. Nach der Anordnung des hochſinnigen Herzogs, welcher durch Hopfengarten hier eine Bildhauerſchule errichten ließ, wird jetzt unter anderer Leitung fortgearbeitet, doch kann man einer theil⸗ nehmenden, ſchmerzlichen Thräne ſich nicht erwehren, wenn man des jungen Künſtlers gedenkt, der ſo Großes hier ſchon vollendet, ſo Herrliches begonnen, und mitten aus ſeinem beſten Wirken in der vollſten Manneskraft abberufen wurde.

Das Dorf Mosbach grenzt umweit von die⸗ ſer alten Burg an den Schloßgarten; neben dieſem läuft eine lange Straße hin, welche beide Orte durch

eine Hänuſerreihe verbindet.

Nur eine Stunde weiter, und wir haben Wies⸗ baden erreicht, dieſen berühmteſten Badeort Deutſch⸗ lands, mit ſeinen alten heilſamen Quellen und den gefährlichen grünen Tiſchen der Neuzeit. Aber wir

wollen in dem Rheingaue bleiben, zu dem dieſe Stadt auch in den älteren Zeiten nie gezählt wurde. Zwar dürfen wir es mit der politiſch⸗topografiſchen Lage des Rheingaues nicht allzu ſtreng nehmen, denn der einſt ſo große Gau, welcher ſich ſelbſt weit an den Ufern des Mains ausdehnte, über den hohen Taunus reichte und auf das linke Rheinufer hin⸗ überſprang, iſt jetzt in ſehr viel engere Grenzen zuſammengezogen, und wir wollen, wenn uns die

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