Karl Guſtav Meyer: Die ſchöne Waldfee mit den Gluthaugen.
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es ſpricht ſein Klingen und Singen mich ſo trau⸗ lich, das Rauſchen und Knarren der Bäume ſo vertraut an, aber die Sprache der Wälder und Blumen, wie Du ſagſt, Lutko, die verſtehe ich nicht,“ erwiederte lächelnd Ammi;„aber meine Großmutter erzählte mir, daß, als der Herr noch auf Erden wandelte, ſich alle Bäume vor ihm neig⸗ ten, nur die Eſpe nicht, darum wurde ſie geſtraft mit ewiger Unruhe, daß ſie immer erſchrickt und zittert wie der ewige Jude, der nie raſten kann.“
„Immer berufſt Du Dich auf Deine Groß⸗ mutter,“ fiel ihr Begleiter ein,„woher erfuhr es denn dieſe, da doch auch ſie ſo wenig wie Du aus dem Walde hinauskam?“
„Ja, zu der Zeit, als die Großmutter ihre Jugend durchlebte, war hier in unſern Wäldern eine andere, gaͤnz andere Zeit, da verſchmähten noch die Erdmännchen und Erdweibchen nicht in der Nähe der Menſchen zu wohnen, und die win⸗ zigen Dinger ſchafften und halfen im Hauſe und Felde und die Wirthſchaft gedieh und Alles war in Hülle und Fülle, bis die überklug ſein wollen⸗ den Menſchen ihre Kiſten und Kaſten verſperrten, den kleinen Leuten ihr tägliches Gericht entzogen, ihrer Macht ſpotteten und ſie verlachten: da ſind ſie fortgezogen aus ihren Wohnungen in Felſen und Klüften, und mit ihnen wanderte der Segen und das Gedeihen fort. Nur einmal im Jahre noch kommen die Erdmännchen wieder, werden den Reinen ſichtbar und feiern dort in der Höhle durch Spiele und Tänze ihre Feſte. Als Kind war ich einmal dort in der Höhle eingeſchlafen, da ſah auch ich mancherlei wie im Traume von ihrem Thun und Treiben, und ich trage ſeit der Zeit in dieſer kleinen Kapſel ein Geſchenk der Gnomenkönigin, von welchem mein Wohl und Wehe abhängen ſoll.“
„Dieſe Kapſel da an Deinem Halſe,“ meinte lächelnd Lutko,„die ſoll ſolche Wunderkräfte beſi⸗ tzen? Bin ich doch neugierig ſie kennen zu lernen!“
Aber Ammi wehrte den Neugierigen, der ſchon frevelnd die Schnur ergreifen wollte, mit vor⸗ geſtreckter Hand ab, das Band zerriß und das Ge⸗ fäß fiel mit hellem Klingen zu Boden.
In dieſem Augenblicke begann von Seite der Höhle her ein Brauſen durch den Föhrenwald, Nebelgebilde in wunderlicher Form huſchten über und zwiſchen dem Felſengetrümmer am Waldesſaum, laut auf ſprudelte das Gewäſſer des ſonſt ſo ruhi⸗ gen Weihers und wunderbare Stimmen tönten dro⸗ hend durch das Rauſchen des Waldes, dunkler
wurde der noch vor einer Minute ſonnenhelle Him⸗ mel, nur ein Plätzchen erglänzte und ſchimmerte wie Sternenlicht zwiſchen den Felſen und dort—
lag die entfallene Kapſel.
„Siehſt Du nun der Unſichtbaren Macht!“
rief Ammi, ihr Kleinod raſch wieder aufhebend.
„Du ſchwörſt mich zu lieben und willſt mich ver⸗
derben?“ Und ſchnell das geriſſene Band wieder um die Kapſel ſchlingend, ſtand das Mädchen hoch
aufgerichtet vor dem Erſchrockenen, den es da be⸗ dünkte, als hielte eine weißgekleidete bleiche Frau mit einem Goldkrönchen im aufgelöſten Haare ihre ſchützende Hand über das wiedergefundene Kleinod.
Lutko erkannte nun, unter welchem mächti⸗ gen Schutze die ſchöne Ammi ſtand. Es befeſtigte das heutige ſo wunderbare Ereigniß in ihm den Entſchluß, das einfache Köhlermädchen als ſeine Gattin heimzuführen. Nur wollte er vorerſt ſeine Burg Eggerberg, die, von ihrem vorigen Beſitzer vernachläſſigt, bedeutend verfallen war, würdig zum Empfange ſeiner Braut vorrichten laſſen, und darum traf er hiezu alle Vorbereitungen.
Aber eben ſo wie die Mächtige in der Fel⸗ ſenſchlucht bei Dubſchan, an deren Kraft er einmal gezweifelt, ſchnell und wunderbar ihn von ihrer Gewalt über die Naturkräfte überzengt hatte, ſo ſchien auch dieſe itzt ſeine geheimſten Gedanken er⸗ rathen zu haben, denn ehe noch von Menſchenhand der Umbau der Burg begonnen wurdo, ſtand dieſe eines Morgens fertig und glänzend in den Strah⸗ len der aufgehenden Sonne zum Staunen ihrer Bewohner auf der Bergesanhöhe! Niemand hatte die unbekannten Bauleute geſehen, Niemand deren geheimnißvolles Wirken und Schaffen gehört, und doch ſtanden felſenfeſt deren gewaltige Mauern und ihre Thürme ragten ſo kühn in die Wolken hinein, daß es dem Auge ſchwindelte bei ihrem Anblick. Niemand konnte ſich das Wunder dieſes Rieſen⸗ baues erklären, nur Lutko der Burgherr wußte es und die ſchöne Ammi, die er nun heimgeführt als ſeine traute Hausfrau in die glänzenden Ge⸗ mächer.
Und als der erſte Sproſſe dieſer glücklichen Ehe geboren war und Lutko um Mitternacht in einem Zuſtande zwiſchen Schlaf und Wachen in ſeinem Gemache lag, da hörte er anfangs ein fer⸗ nes Summen und Klingen, und wie er ſich auf⸗ richtete und aufmerkſam ward, da erfüllte ein mat⸗ ter Lichtglanz das Gemach, das Getäfel der einen Seitenwand öffnete ſich geräuſchlos und ein langer Zug winzig kleiner Männlein und Weiblein, voran eine weißgekleidete, mit einer Goldkrone geſchmückte Geſtalt, glitt unhörbar über das Zimmer und be⸗ wegte ſich dem Bette zu, leiſe Klänge eines Liedes durchbebten den Raum und die Goldgekrönte ſtellte ein kleines Gefäß auf das neben dem Bette ſte⸗ hende Tiſchchen, gefüllt mit glitzernden Cdelſtei⸗ nen und hell ſchimmernden Perlen, wobei die weich gehaltenen Töne des Liedes an Lutko's lauſchen⸗ des Ohr erklangen:
„Ich ſehe Dein Geſchlecht ſich mehren, An Tugend wie an Ehren reich; Doch nimmer werd' ich wiederkehren, Drum lebet wohl, ich ſegne Euch!“
Und bewahrheitet hat ſich der Segen der ſchei⸗ denden Gnomenkönigin, die Sproſſen Lutko's und Ammi's wuchſen kräftig auf zu tapfern Männern


