Heft 
(1859) 12 12
Seite
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Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

geſenkte Köpfchen, wenn ſcheu im nahen Gebüſche irgend ein Waldvogel aufflatterte, geſchreckt durch das Knattern der Aeſte, die ein durchbrechendes Edelwild im eiligen Laufe niedergebogen. Und wie Ammi ſo hinüberblickte über die engbegrenzte Fläche, dort in der Richtung, wo ein breiter Durch⸗ hau bergaufwärts führt, da kam von oben ein Jä⸗ gersmann herabgeſchritten, deſſen läſſig umgehängte Wehr und Waffe im Abendgolde ſchimmerte. Mit luſtigen Sprüngen umkreiſte ihn ſein Hund, deſſen lautes Gebell die weidenden Ziegen aus der ge⸗ wohnten Ruhe auſfſchreckte, ſo daß dieſe furchtſam ſich zu ihrer Herrin flüchteten. Das Gekniſter des Laubes, das unter den ſcheuen Sprüngen der er⸗ ſchrockenen Thiere aufrauſchte, mochte die Aufmerk⸗ ſamkeit des Herabkommenden erregt haben, denn

unverkennbar lenkte der Weidmann ſeine Schritte

auf Ammi zu, die ſich erhoben hatte und ihre Lieblinge liebkoſend zu beruhigen ſuchte.

Kannſt Du mir wohl den Weg nach Egger⸗ berg zeigen, Mädchen? rief die klangvolle Stimme des Nähergekommenen;ich bin fremd in der Ge⸗ gend und möchte heute noch in die Burg!

Nein, lieber Herr, erwiederte Ammi etwas befangen,ich ſelbſt bin noch nicht ſo weit gekom⸗ men; doch mein Vater wird Euch ſicherlich Be⸗ ſcheid geben.

Und wer und wo iſt Dein Vater? entgeg⸗

nete der Fremde, indem er den ſchmalen Wildbach überſprang und nun ganz in ihrer Nähe war.

Martin, der Köhler dort unten in der

Waldhütte; ich bin eben im Begriffe meine Ziegen

heimzutreiben, und wenn Ihr Euren Hund, vor welchem ſich die Thiere ſcheuen, ankoppeln und mit

mir gehen wollt, ſo wird mein Vater Euch gerne

ein Stück Weges geleiten.

Mit Freuden willigte der Fremde in der Jung⸗ frau Begehren, die bei jeder weiteren Frage des⸗ ſelben erröthete, ſo daß dem Fremden ſelbſt dieſe ängſtliche Befangenheit auffiel.

Und wie nennt man Dich, ſchönes Kind? frug endlich der Weidmann wieder, nachdem er lange mit innigem Wohlgefallen ſie angeblickt hatte.

Ammi heiße ich; ſeht dort an des Waldes Ecke ſchimmert uns ſchon die Hütte entgegen und dort iſt auch mein Vater, der eben Wurzeln und Geflechte zu einem neuen Meiler zuſammenſchlichtet, und auch die Mutter, die unweit davon Gras mäht.

Mit dieſen Worten ſprang Ammi vorwärts den eben aufblickenden Eltern entgegen, die ſich

nicht genug wundern konnten, wie ein ſo ſtattlicher Fremder ſich in ihre Waldesabgeſchiedenheit ver⸗

irrte, aber freundlich dieſem entgegenkamen und dienſtwillig nach deſſen Begehren frugen.

Lutko von Neudörfl bin ich, ein naher Verwandter des Eggerberger's da drüben, und will dieſen heimſuchen in ſeiner Burg ohne alles Geleite; da habe ich mich, weil gänzlich fremd und

zum erſten Male in dieſer Gegend, dort oben im

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Haue verirrt. Wollt Ihr mir wohl den Weg zei⸗ gen nach Eggerberg?

Recht gerne, edler Herr! erwiederte Mar⸗ tin und ſprang in die Hütte, um ſich der Beglei⸗ tung des hohen Herrn gemäß anzuziehen, reinigte das berußte Geſicht, brachte den zerrauften Bart etwas in Ordnung und war bald im reinlichen Wamms angethan, der Führung gewärtig. Lutko aber beeilte ſich eben nicht und der Köhler mußte ihn ſchließlich aufmerkſam machen, daß die Sonne bereits tiefer geſunken ſei.

Lutko war der Erbe von Eggerberg und wurde als ſolcher, als der alte Freiherr ſich bald darauf zu ſeinen Vätern verſammelte, auch unbe⸗ ſtritten anerkannt.

Täglich ſprach er nunmehr in der Köhleuhütte ein und immer inniger wurde ſeine Neigung zu dem ſchönen Kinde, das bald mit Herz und Seele

an ihm hing. Doch blieb Ammi immer das un⸗

verdorbene liebe Naturkind, deſſen Seele ausgegoſ⸗ ſen lag in den dunklen Gluthaugen, die wie zwei funkelnde Sterne der Nacht unter dem dichten Ra⸗ bengelocke hervorſprühten, während das Madonnen⸗ geſichtchen im Gegenſatze zu dem blitzenden Auge ganz die Ruhe und Ergebenheit ausſprach, die der ſich ſelbſt unbewußten Unſchuld eigen iſt.

Es war ein äußerſt heiterer Sommertag ge⸗ weſen. Die Sonne, ſchon ziemlich tief zur Rüſte gegangen, ſpann manchen rothen Faden zwiſchen dem dunklen Tannengezweig herein, daneben zog der Hänfling ſein Lied wie ein zweites dünnes Goldfädchen von Zweig zu Zweig. Die eben von Lutko und Ammi betretene Lichtung ſchwamm in mildem Dufte und verlor ſich gegen den Hori⸗ zont zu in den ſanftblauen Waldhauch, der drau⸗ ßen am Himmel lag, glänzend und ſchimmernd wie ſeine Schweſter: die Wolke! Es liegt eine Unſchuld, ich möchte ſagen ein Ausdruck von Tu⸗ gend in dem von Menſchenhänden ſelten berührten Antlitze der Natur, welches die Seele ergreift als etwas Keuſches und Göttliches; und doch iſt wie⸗ der es die Menſchenſeele allein, die all' ihre innere Größe hinaus in das Symbol der Natur legt.

Inmitten der Lichtung an einem Weiher ſtand gleichſam verloren eine Eſpe, deren glatte, wie Her⸗ zen geformte Blätter an den dünnen langen Stie⸗ len unaufhörlich erzitterten, obwohl kein Lüftchen rege war, ſo daß man nur das eintönige Sum⸗ men der Waldfliegen um die ſonnenheißen Baum⸗ ſtämme hörte.

Woher kömmt es nur, meinte Lutkd,daß die Blätter der Eſpe nie ruhig ſind wie die der andern Bäume, ſondern immer erzittern und ſchwan⸗ ken? Du kennſt doch, Ammi, die Sprache der Wälder und Blumen, haſt Du nie die zitternden belauſcht, was ihr Säuſeln bedeute?

Zwar bin ich im Walde aufgewachſen und