Heft 
(1859) 12 12
Seite
365
Einzelbild herunterladen

Karl Guſtav Meyer: Die ſchöne Waldfee mit den Gluthaugen.

36⁵

da bin ich lange, lange herumgegangen, ohne die Thiere zu finden, und ſchon kam das Wetter nä⸗ her, ich fürchtete mich und fing an zu weinen, da kam ein kleines Weibchen zu mir und meinte, ich ſollte nur ruhig ſein; dann führte ſie mich hier in die Höhle hinein, wo noch viele ſo kleine Weib⸗ chen und Männchen waren, mit welchen meine Führerin einige Worte ſprach, worauf ſich mehrere entfernteu, und es dauerte gar nicht lange, ſo brachten dieſe die Ziegen. Sie haben mir Eſſen geboten, ſchöne gelbe und rothe Aepfel gegeben und ſüße Beeren; als es aber ſo viel donnerte und blitzte und ganz Nacht ward und der Wind ſo heulte, da fing ich wieder an zu weinen und wollte nach Hauſe. Da kam dort aus der Felſenwand heraus eine ſchöne kleine Frau ganz weiß angezo⸗ gen mit einem Goldkrönchen im aufgelöſten Haar und einer weißen Blume in der Hand, die hell leuchtete und ſchimmerte, auf mich zu, führte mich hieher zu der Moosbank und gab mir dieſes Kränz⸗ chen, mit welchem ſie mich ſpielen hieß. Aber müde wie ich war, mag ich bald eingeſchlafen ſein; wohl hörte ich im Schlafe ſüße Lieder und weiche Cither⸗ töne, wohl ſah ich mit halboffenen Augen die klei⸗ nen Männchen und Weibchen, aber dunkel erinnere ich mich alles deſſen nur und bin herzlich froh, daß Du nun gekommen biſt, mich heimzuholen zur Mutter und Großmutter.

Und als ob die Ziegen von dem Entſchluſſe den Heimweg anzutreten gewußt hätten, ſo erhoben ſich die Thiere und trabten von Phylax begleitet längs des nun ruhig dahinrieſelnden Wildbaches der heimiſchen Hütte zu, ohne daß Martin, wel⸗ cher ſein Töchterchen an der Hand führte, nöthig gehabt hätte, ſie durch Wort oder That. in Ord⸗ nung zu halten oder anzutreiben, und bald ſchim⸗ merte den Heimkehrenden die freundliche Waldhütte entgegen, aus deren Fenſtern das zitternde Licht der Lampe entgegenſtrahlte als Beweis, daß die ſorgſame Mutter noch ängſtlich ihrer harrte.

Und als Phylax vorausſpringend durch lautes Gebelle nun ihre Ankunft meldete, da knarrte die ohnehin nur halbangelehnte Thür und die Mut⸗ ter ſprang mit freudigem Rufe dem ihr entgegen⸗ eilenden Kinde zu, während die Großmutter auf ihre Krücke geſtützt an die Schwelle ſich lehnte.

Wußt' ich's doch, daß ſie ungefährdet heim⸗ kehren würden, ſagte die Alte;ſiehſt Du denn nicht dort in der Lichtung ihre Beſchützer? Zwar iſt mein Auge ſchon ſchwach und blöde vor Müh⸗ ſal und Alter, aber dennoch erkenne ich deutlich die Geſtalten der Erdmännchen und ihrer kleinen Weib⸗ chen, die nun, da ſie ihr Rettungswerk vollbracht haben, wieder heim ziehen in ihre Felſenklüfte. Seit lange her, ich hörte es ſchon von meinen Urahnen erzählen, ſeit lange her ſtehen alle Glie⸗ der unſerer ſeit undenklichen Zeiten hier wohnenden Familie unter dem beſonderen Schutze der Gno⸗ men, vor allen aber die unſchuldigen Kinder.

Und in der That erhoben ſich ringsum auf der ganzen Thalfläche gleich kleinen Wölkchen dun⸗ ſtige Geſtalten, die in ihren äußern Umriſſen menſch⸗ lichen Formen ähnlich, ſchwankend über die Ebene huſchten und ſich im niedern Knieholze verloren. Unverkennbar waren dieß die kleinen Leute, welche bis hieher die Heimgekehrten ſchützend geleitet hat⸗ ten und nun, nachdem ihre Sendung erfüllt, in ihre unterirdiſchen Wohnungen zurückkehrten.

Sieh nur, Großmütterchen, rief des andern Morgens Ammi dieſer entgegenſpringend,ich habe geſtern vergeſſen Dir dieß Kränzchen zu zeigen, welches mir die ſchöne kleine Frau mit dem Gold⸗ krönchen zum Spielen gab, als ich mich fürchtete!

Und das Kind reichte der Alten einen mit Gold⸗ und Silberfäden durchzogenen und umwun⸗ denen Myrtenzweig heiter lächelnd hin, ſich des in der Morgenſonne funkelnden Kranzes erfreuend; aber ernſter wurde der Greiſin Auge, als ſie die⸗ ſen näher betrachtete. Eingeweiht in die von ihren Altvordern überkommenen Geheimniſſe, er⸗ kannte ſie deſſen Bedeutung und Martin und ihre Tochter zur Seite ziehend, ſprach ſie:

Wahret eurem Kinde dieſes Kleinod, das unſchätzbare Geſchenk der hohen Elfenkönigin. Ein Blättchen dieſes Myrtenzweiges abgeriſſen und in die Felſenſchlucht geworfen, ruft augenblicklich Hilfe in jeder Gefahr; aber Wehe, namenloſes Wehe droht dem Mädchen, wenn der Goldſtreifen ſeinen Schim⸗ mer verlieren ſollte; hält ſich aber der Kranz in ungeſchwächter Friſche bis zu jenem Tage, wo dieß Geſchenk als Brautkranz Ammii's Haar einſt ſchmü⸗ cken wird, dann iſt des Mädchens Zukunft geborgen!

Jahre waren ſeit dieſer eben erzählten Bege⸗ benheit verſtrichen, das alte Großmütterchen geſtor⸗ ben, Ammi emporgewachſen zur lieblich erblühten Jungfrau, die mit dunkelflammendem Auge träu⸗ meriſch in das Waldleben blickte, ſtill und unge⸗ kannt wie eine Blume in der Waldestiefe un⸗ wenn in einſamer Waldſchlucht der in den Berged herumſtreifende Jäger dem lieblichen Kinde begegn nete, da gemahnte es dieſen wie eine höhere Er⸗ ſcheinung, die da herabgeſtiegen ſchien von ihren lichten Sonnenhöhen den armen Sterblichen durch ihren Anblick zu beglücken. Ammi, die Tochter Martin's, des Köhlers in der Thalſchlucht bei Dubſchan, ward in der ganzen Gegenddie ſchöne Waldfee mit den Gluthaugen benannt.

Da traf es ſich, daß einſt inmitten des dich⸗ teſten Waldes, der in jener Zeit die nördliche Ab⸗ dachung des Burgberges noch bedeckte, dort wo ungeheure Felſenblöcke die Thalſchlucht beengen, ſich die ſchöne Waldfee mit den Gluthaugen unter der großen Eiche am Wildbache niederließ. Indem ſie ſinnend in den vorüberrauſchenden Bach blickte, warf ſie ſpielend eine der gepflückten Glockenblumen nach der andern hinein und hob nur dann das