364 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
noch ſeinem Weibe ein, nach dem Mädchen zu fra⸗ gen, und zwar um ſo weniger, als ſie nicht wuß⸗ ten, daß die Großmutter es nach den Ziegen hin⸗ aus geſandt habe. Wie erſchraken ſie aber, als ſie deſſen ſchon ſo lange dauernde Abweſenheit erfuh⸗ ren! Nur durch den Umſtand, daß Phylax, deſſen Anhänglichkeit an das Kind ſie kannten, mit dieſem gelaufen, wurden ſie einigermaßen beruhigt. Wohl warteten ſie noch einige Zeit als das Gewitter nachließ, denn ſie meinten, Ammi werde wohl zurückkommen, ſobald die Gewäſſer ſich verlaufen, ſie ſei ja in dem Walde und den Bergen heimiſch und überall der Wege kundig; als aber faſt eine Stunde vergangen und das Mädchen noch nicht heimgekehrt war, da begann ſich die Beſorgniß des Vaters zur Angſt zu ſteigern. Raſch ergriff er ſei⸗ nen Knotenſtock und machte ſich auf den Weg, ſeine Tochter zu ſuchen.
Lange ſchritt er, vertraut mit den Lieblings⸗ weideplätzen der Ziegen, thalauf⸗ und waldein⸗ wärts, durchſuchte alle Schluchten und Geklüfte, rief unzählige Male mit lauter Stimme ſein Kind und den Hund; aber weder Ammi noch Phylax wollte ſich zeigen. Schon erklang das Ave⸗Glöckchen aus dem Dorfe herauf und mahnte zum Abendgebete, als plötzlich ein ungemein feuriger Lichtglanz Mar⸗ tin's Augen blendete.
Martin war nänlich im Eifer des Suchens bis in die Nähe der verrufenen Gnomenhöhle ge⸗ kommen, wo die kleinen Erdmännchen und Erd⸗ weibchen ihre Wohnungen hatten, die heute noch unter dem Namen„die Zwerglöcher“ allgemein bekannt ſind. Hier feierte das Gnomenvölklein in jenen Zeiten, wo ſie noch in der Nähe der Men⸗ ſchen wohnten, ihre Feſte; doch nicht jedem der Sterblichen war es gegönnt, dieß Treiben zu ſchauen und nur der ganz Reine und Makelloſe durfte ſich ungeſtraft bis in ihre nächſte Nähe wagen.
Der Köhler, von einem unwillkürlichen Grauen befangen, wollte ſchon auf unbemerkten Rückzug denken, als der wunderſame Schall der Töne, die aus der Höhle bis über den Wildbach herüber zu ſeinem Verſtecke drangen, ſeine Aufmerkſamkeit auf's neue feſſelte und der Anblick, welcher ihm ward, alle Furcht zerſtreute; denn im Hintergrunde der erleuchteten Höhle lag ſeine Tochter ruhig auf einem ſchwellenden Moosbette und ſchlief den ſorgloſen Schlaf der Unſchuld. Neben ſie hatte ſich ruhig, unbekümmert der fremden geiſterartigen Umgebung, Phylax hingeſtreckt und hob manchmal, gleichſam als wolle er ſich von dem Daſein ſeines Schütz⸗ lings überzeugen, zu dieſem die klugen Augen em⸗ por; ſämmtliche Ziegen waren längs der hinterſten Felſenwand hingelagert, wo ſie wahrſcheinlich wäh⸗ rend des gräßlichen Unwetters Schutz geſucht hat⸗ ten, und ließen ſich ebenſowenig wie das Kind und der Hund in ihrer behaglichen Ruhe ſtören.
Jetzt erſt, nachdem Martin die Gewißheit gewonnen hatte, daß Ammi nicht ein Opfer des
Sturmes geworden, oder vom ausgetretenen Wild⸗ bache fortgeriſſen worden ſei, wagte er unbefangen die Höhle zu überblicken und das Thun und Trei⸗ ben der übrigen Bewohner derſelben zu betrachten.
Nicht Holz war es oder Stein, noch ſonſt ein dem Auge Martiuss erkennbares Material, wor⸗ aus der Tiſch und die Bänke, die ſich längs der Höhlenwände hinzogen, beſtanden; die Kleidungs⸗ ſtücke der Gnomen ſchienen aus ätheriſchem Stoffe geformt und umwehten im luftigen Faltenwurfe die kleinen Weſen, welche geräuſchlos hin und her huſchten, ſich bald in anmuthigen Schwingungen nach den Tönen der unſichtbaren Muſiker wiegten, bald unter Scherz und Sang das im Hintergrunde ſchlummernde Mädchen umkreiſten, indem ſie ſangen:
Wir reichen Dir, Ammi, die Blume des Lebens, Sie ſchütze Dich immer, ſie bringe Dir Glück, Und droht Dir Gefahr— nie rufſt Du vergebens, Wir ſcheuchen ſie ſchirmend und rettend zurück.
Indeſſen war es völlig Nacht geworden. Seit länger als einer Stunde war Martin in ſeinem Verſtecke hinter einer großen Eiche geſtanden. Der Sturm, der Nachmittags ſo furchtbar gewüthet, hatte ſich längſt zur Gänze gelagert und eine hei⸗ lige Ruhe lag ausgegoſſen über den ſchweigenden Wäldern. Da krähte der Hahn in dem unfernen Gehöfte die neunte Stunde und wie mit einem Zauberſchlage war all' der Glanz, der die Höhle erfüllt, all' die kleinen Männlein und Weibchen, die darin ihr Weſen getrieben, verſchwunden und die Töne des Liedes verklungen, welches ſoeben trö⸗ ſtend zu Martin herübergerauſcht; nur des Mon⸗ des bleiche Strahlen fielen durch die Bäume und erhellten die Höhle, aus welcher itzt ein leiſes Knurren und endlich das helle Gekläffe eines Hun⸗ des erſchallte, der, eben vom Schlafe erwacht, ſei⸗ nen Herrn gewittert haben mochte und itzt in freu⸗ digen Sätzen herausſprang.
Da Martin das Treiben der kleinen Leute kannte, ſo fiel ihm wohl deren Anweſenheit in der Höhle auf keine Weiſe auf, denn man wußte ja allgemein, daß dieſe ihr Sammelplatz von jeher geweſen, doch konnte er ſich ungeachtet deſſen einer gewiſſen Scheu nicht erwehren, als er dem Hunde folgend ſich dem Eingange näherte.
Sei es, daß die magiſche Erſtarrung mit dem Verſchwinden der Erdmännchen gelöſt war, oder war das Mädchen durch das Freudengebelle des Hundes aus ſeinem Schlafe erweckt worden, genug, Ammi ſaß, als Martin mehr in dem Hinter⸗ grunde vorſchritt, ſtill vor ſich hinlächelnd auf ihrem Mooslager und ſpielte mit einem wie gediegenes Gold glänzenden Myrtenzweige, der mit Silber⸗ fäden umwunden zu einem Kranze geſchlungen war.
Martin hob ſein Töchterchen zu ſich empor, es bewegt herzend und küſſend und frug endlich, wie es hereingekommen und was mit ihm geſchehen ſei.
„Ja,“ ſagte die Kleine,„wie die Mutter mir auftrug, die Ziegen zu ſuchen und heinzutreiben,
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