362 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
telung desſelben fanden auch einige kleine Sing⸗ ſpiele von Pergoleſi auf den Theatern Roms und Neapels Eingang und erwarben ſich ehrende Anerkennung. Schon fing der Name des jungen Künſtlers an, in Italiens Städten zu ertönen und nicht gewöhnliche Erwartungen knüpften ſich an eine ſo liebliche Erſcheinung.
Aber wenn Pergoleſi die ſtarren Formen bedachte, in welchen die Muſik ſeiner Zeit und ins⸗ beſondere die dramatiſche befangen war, dann fühlte er, daß der Kreis, in dem er ſich bisher bewegt, zu enge und daß er ſtark genug ſei, die todte Hülle zu zerbrechen und das lautere Gold zu Tage zu fördern. Und getroſt ſah er die Jahre zerrinnen, hoffend, die Zeit werde kommen, wo er ſeine ſich gefetzte Aufgabe werde löſen können. Und ſie kam.
Die Lehrer des neapolitaniſchen Konſervato⸗ riums hatten den Jüngling entlaſſen. Dieſer, von einer geheimen Ahnung getrieben, wählte Rom zu ſeinem Aufenthalte, wo er ſich durch Muſikunter⸗ richt kärglich nährte. Wohl wußte man dort von einem einſamen Muſikus und wie er allerliebſte kleine Opern komponirte, aber von ſeinem gewalti⸗ gen Vorhaben ahnte man nichts. Da wußte Dü⸗ rante, der des Jünglings Genius kannte, es durch ſeinen Einfluß dahin zu bringen, daß die Kompo⸗ ſition einer der beiden großen Opern, mit denen das neue Theater in Rom eröffnet werden ſollte, unſerem Pergoleſi übertragen wurde.
Das war es, was er wollte. Ungeſäumt
machte er ſich an das ſchwierige Werk, auf welches
er den Ruhm ſeines Namens und die Erlöſung
der Kunſt aus ihren bedrückenden Feſſeln pedanti⸗
ſcher Regeln gründen wollte. Die innigſten Melo⸗ diereihen, von keiner Künſtelei getrübt, entſtrömten ſeiner Bruſt und immer nur richtete er ſeinen Sinn
3. Stabat mater.
Zwei Tage ſpäter lag Pergoleſi, von furcht⸗ barer Fieberhitze gequält, auf dem Krankenlager. Der alte, ehrwürdige Arzt, der den Jüngling in ſeiner einſamen Klauſe aufzuſuchen ſich nicht ſcheute, ſchüttelte bedenklich den Kopf, und manchmal, wenn ſich die Anfälle auf's Höchſte ſteigerten, hätte er gern irre werden mögen an Aeskulaps Kunſt. End⸗ lich ſiegte zwar Pergoleſi's junge Natur über die Macht der Krankheit und er konnte nach zwei Monaten, dem Anrathen des Arztes gemäß, Folge leiſten und der geſunden Luft wegen nach Torre del Greco ziehen; aber ſeine Lebensluſt war ver⸗ ſchwunden, ſein Muth gebrochen. Ein ſtarker Blut⸗ huſten verzehrte ſeine innerſte Kraft und er wußte es bald, daß die Grenze ſeines Lebens nicht mehr ferne ſei.
Um dieſe plötzliche Veränderung in Pergo⸗ leſi's Leben begreiflich zu machen, brauche ich nur zu bemerken, daß ſeine„Olympiade“, das Werk, worauf er ſeine ganze Exiſtenz gebaut hatte, gänz⸗ lich durchgefallen war. Der Hauch ſeines Genies, der jedem tiefern Gemüthe göttlich groß und edel daraus entgegenweht, war von ſeinen verbildeten Landsleuten verkannt worden. Herzloſe Kritiken fie⸗ len über das Werk her und nannten dasſelbe eine ohne Sinn und Plan zuſammengeſuchte Maſſe von Tönen, die den Regeln der Kunſt Hohn ſpreche. Das wirkte fürchterlich auf Pergoleſi's zartes Gemüth. Rauſchenden Beifall des großen Haufens hatte er freilich für eine Muſik, die dem Geſchmacke
der Menge beim erſten Anhören keineswegs beha⸗
darauf, wie er den wahrſten Ausdruck treffen möge.
Von Tag zu Tag rückte die Oper vor und als er die letzte Nummer vollendet hatte, da ſagte er zu ſich ſelbſt:„All' mein innerſtes Weſen hab' ich in dieſe Partitur gehaucht; es ſchwebt über jedem Akkorde wie ein elegiſcher Hauch meiner Seele.“
Die Proben ließen den ausgezeichnetſten Er⸗ folg vermuthen und ſelbſt Duni, der die andere Oper geſetzt hatte, verſicherte, daß ſeine Muſik von der Pergoleſi's weit übertroffen werde.
So ſehen wir den Jüngling am Eingange die⸗ ſer Skizze. Die Generalprobe, welche bis ſpät in die Nacht gedauert hatte, war vorbei und Per⸗ goleſi noch ganz voll von den Eindrücken, die die Anhörung ſeines eigenen Werkes auf ihn ge⸗ macht hatten. Wohl mochte es ihn ernſt ſtimmen, wenn er an den morgenden Tag dachte. Duni's „Nerone“ war bereits über die Bretter gegangen. Alles war jetzt auf ſein Werk geſpannt. Darum konnte er nicht ohne einige Aengſtlichkeit auf ſeine Partitur blicken; ſie ſollte ja der Grundſtein ſeines Rufes, der Wendepunkt ſeines Wirkens, der Ein⸗ tritt einer neuen Kunſtepoche werden.
gen konnte, nicht erwartet; aber doch wenigſtens die Anerkennung verſtändiger Künſtler. Einer nur fand ſich unter dieſen, der ihn begriff und tröſtete und das war Duni, ſein Nebenbuhler. Aber das konnte ihn für das Urtheil der öffentlichen Mei⸗ nung, das ihn für einen phantaſtiſchen Sonderling ſtempelte, der eben durch unerhörte Sonderbarkeiten habe auffallen wollen, nicht entſchädigen. In ſeinem Unmuthe that er einen Schwur, nie mehr für die Bühne was zu ſchreiben, ſondern ſeine letzten Tage nur durch Kirchenkompoſitionen zu bezeichnen. Und ſo arbeitete er Tag und Nacht, wuchernd mit der ihm ſo kurz noch zugemeſſenen Friſt; er fühlte den Todespfeil in ſeiner Bruſt, aber aus der Wunde ſtrömten mit ſeinem Herzblute die Schwanenklänge ſeiner Lieder.
In Rom erinnerte man ſich erſt ſeiner wie⸗ der, als er in den Armen des Todes erblaßt war. Still und ohne Gepränge wurde er, der das ſechs⸗ undzwanzigſte Jahr noch nicht erreicht hatte, dem Schoße der Erde anvertraut. Keine liebende Gat⸗ tin blieb in ſeinem Hauſe zurück; er war unter fremden Menſchen geſtorben.
Vieles und Herrliches hat er noch in ſeinen letzten Tagen geſchaffen; aber ſein Schwanengeſang,
————, ,—,—,——.—
—————
———
———————————


