Heft 
(1859) 12 12
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r, röthlicer die Morgen⸗ binreichende

er be⸗ Auge ſuchte laltwerdende Druck ſeiner

Pergoleſi's Stabat mater. 361

ſich greifenden Elemente weichend, drängten ſich in's reie heraus und weſſen Auge die blendende Helle ertrug, konnte gewahren, wie die behende Geſtalt eines von Sinms zu Sims kletternden Menſchen vor den nachleckenden Feuerzungen flüchtete, bis ſie zuletzt an äußerſter Zacke des Erkerthürmchens hangend, von dem glühenden Wirbel des nieder⸗ praſſelnden Daches verſchlungen ward.

Wie der ſauſende Funkenregen um das zu⸗ ſammengeſtürzte Trümmerchaos der Zwingburg ver⸗ ſtoben iſt, fließt des Morgenrothes erſte Feuerwelle über die Wipfel des dunklen Berghangs herüber und verklärt mit ihrer Roſenglorie die ſtillen, milden, geiſtig ſchönen Züge des Sterbenden. Und ſiehe! wunderſam leuchtend von innen, zuckt es über ſein Antlitz jetzt und mit dem Laute:frei! iſt das milde Lächeln ſeines Mundes in ſchneeigem Marmor ſtarr geworden. Ein Athemzug der vom erſten Strahl des Himmelslichtes durchflammten Morgenluft hat den letzten Hauch von bleicher Lippe geküßt und die reine Seele auf linden Fit⸗ tigen zu des Lichtes Urquell emporgetragen.

Glutſchlacker aber zu Häupten des Todten auf den Knien, bedeckt ſchluchzend ſein Antlitz; in feierlicher Stille betend ſchließen die rauhen, ern⸗ ſten Männer des Kampfes den Kreis um den Heim⸗ gegangenen und ſenken das Banner der freien Stadt auf die irdiſchen Ueberreſte ihres edelſten

Sohnes.

Pergoleſi's Stabat mater. Von AM. R.

1. Ein Geiger.

((der am letzten Tage des Weinmonats 1735 noch ſpät durch die via felice in Rom ging, der ſah in einem alten kleinen Hauſe

od noocch ein mattes Licht durch die trüben Fenſterſcheiben eines oberen Stübchens ſchimmern, während ringsum alle Nach⸗

barn längſt im tiefſten Schlummer lagen. Ein

Gewitter ruhte ſchwül über der ewigen Stadt; nur

ſelten lugte der Vollmond, roth wie eine Fackel,

durch die zerriſſenen, dunklen Wolkenmaſſen und beleuchtete für Augenblicke die wunderlichen Stein⸗ bilder, die den Giebel des Hauſes umſtanden und unheimlich wie geſpenſtige Geſtalten anzuſehen wa⸗ ren. Die nächtliche Stille unterbrach in der entle⸗ genen Straße nur das eintönige Geplätſcher eines

Springbrunnens, deſſen Strahl aus dem Munde

eines Dachſes hervorſprudelte. In Allem lag etwas

Oedes und Drückendes und ein Jeder hatte ſich

zuerſt eines innerlichen Grauens nicht erwehren

können, wenn er den Mann geſehen, der dort oben

Erinnerungen. 1859.

zu ſo ungewöhnlicher Stunde beim Scheine eines düſter glimmenden Nachtlichtes ſein Weſen trieb.

Dieſer war, wie ſein Aeußeres zeigte, noch nicht weit über das zwanziaſte Jahr hinaus. Eine Fülle glänzend ſchwarzer Locken und die in ſeinen Augen lodernde Gluth verrieth die ſüdliche Abkunft. In ſeinem faſt weiblich ſchönen Antlitze war ein Zug tiefer Schwermuth zu bemerken, der demſelben einen eigenthümlichen Ausdruck verlieh. Man hätte glauben ſollen, dieſer Jüngling ſei bereits auf das Empfindlichſte von den Schlägen eines widrigen Geſchickes getroffen worden. Unverwandt ruhten ſeine Augen auf einem vor ihm liegenden Noten⸗ hefte. Seine linke Hand, Geige und Bogen hal⸗ ten, war auf den Schoß herabgeſunken, während die rechte das lockige Haupt ſtützte. Keine Regung war an der ganzen Geſtalt wahrzunehmen. Man hätte faſt in Verſuchung gerathen können, zu wäh⸗ nen, der Mann ſei in dieſer Stellung erſtarrt und kein belebender Athem mehr in ihm.

Da plötzlich fuhr ein gellender Schrei durch den engen Raum und weckte den Jüngling aus ſeinen Träumen, daß er erſchreckt von ſeinem Sitze auffuhr. Sein Blick fiel auf die Geige, die mit zerſprungenen Saiten am Boden lag; ſie war den Fingern, ohne daß er ſich deſſen bewußt war, ent⸗ glitten und ihre im Falle zerreißenden Saiten hat⸗ ten den bangen Laut erregt.

Ein tiefer Seufzer hob des Mannes Bruſt und ein Wort des Schmerzes kam über ſeine Lip⸗ pen. Dann löſchte er ſchnell die weitherabgebrannte Kerze aus und ein hartes Lager empfing ſeine Glieder über die wenigen Stunden, die bis zur erſten Morgenröthe noch verrannen.

2. Der Wettſtreit.

Das Konſervatorium der Muſik in Neapel hatte nie einen dankbareren Schüler als Gio⸗ vanni Battiſta Pergoleſi. Mit einem poe⸗ tiſchen Sinn und einer feurigen Phantaſie begabt, war er empfänglich für die Kunſt und ihre tiefſten Schachte ſtanden ihm, ihrem Lieblinge, offen. Schon als Knabe wußte er magiſche Klänge den Saiten zu entlocken und hatte er gleich keine Ahnung von den Gaukelkünſten der Virtuoſen unſerer Zeit, die das Ohr in Erſtaunen ſetzen, das Herz aber kalt laſſen, ſo war er doch ganz Meiſter über ſein ſee⸗ lenvolles Inſtrument, und wo es galt, durch ur⸗ eigne tiefe Weiſen Thränen in die Augen gefühl⸗ voller Menſchen zu locken, that es ihm Keiner gleich. Aber auch zu eigenen Schaffungen trieb ihn ſein raſtloſer Geiſt. In ſchmerzlich⸗ſchönen, ſeinem tief⸗ ſten Herzen entquillenden Liedern verſuchte ſein Ge⸗ nius zuerſt die goldenen Schwingen. Und ſchon damals verhieß der alternde Dürante, ſein Leh⸗ rer, daß er einſt unter den Erſten ſeines Vater⸗ landes werde genannt werden. Durch die Vermit⸗

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