360 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humdr.
tende Stille allgemeiner Erſchöpfung ſtürmiſch unter⸗ brechend, von allen Seiten und mehr als zwanzig Klingen fuhren wie Strahlen nach einer Richtung zu; doch das mächtige„Halt!“ einer volltönenden Stimme machte die fallenden im Flug erſtarren und langſam glitten ſie darauf, ohne das vervehmte Haupt des eben herbeigeſchleppten Räubers nur an einem Haar zu verletzen, zur Erde nieder.
„Dem Wehrloſen Schonungl“ gebot wei⸗ ter die klangvoll erhobene Stimme des jungen Fahnenführers;„auch am Böſewicht laßt uns Chri⸗ ſten- und Menſchenpflicht nicht vergeſſen. Fügt eine Tragbahre zuſammen und legt den Wunden auf! Geneſen, mag er in unfrer Frohnveſte wohlver⸗ wahrt und unfähig der Menſchheit zu ſchaden, Zeit und Gelegenheit finden, betrachtend in ſich einzukehren und durch Reue ſeine Seele zu retten!“—
Da ſtand er denn, der furchtbare Mann, der „Eiſenbrecher“, der„blutige Wolf“, wie ihn der Schreck der Verfolgten nannte, zum erſtenmale im Angeſicht der Städtler, ohne daß dieſe erzitterten vor ihm— er ſtand vor ſeinen Richtern! der Wink eines Jünglings nur und des Freolers Herz, ſo lange zum Fluch der Menſchheit die Werkſtätte ſchlimmer, glühender Leidenſchaften und Triebe, iſt kalt und ſtarr— der unnahbare Arm, welcher Brandfackel und Mörderſtrahl geſchwungen, für ini⸗ mer gebrochen.
Noch leuchtet in ſeinem Aug' die alte Wild⸗ heit, doch Wundfieber und Blutverluſt haben die Rieſenkraft dieſes herkuliſchen Körpers angenagt und untergraben. Man ſieht, wie es ihm ſchwer wird, an der Schulter eines Eiſenmannes, ſeines Wächters, ſich in aufrechter Stellung zu erhalten. Sein Ge⸗ ſicht iſt fahl, wie das eines Graberſtandenen— das Denkzeichen des Taxusſtabes: eine handbreite, mit Blutgallerte verquollne Schramme verläuft von der furchigen Stirn über die Schläfe tief in ſein wir⸗ res Haar.
Jetzt— beim Anblick ſeines Fürſprechers fährt der Strahl eines wilden Lächelns über ſein ver⸗ wüſtetes Antlitz— er hat ſeinen Ueberwinder erkannt!—
Seine Fauſt, bisher in der Bruſtöffnung des Wamſes vergraben, zuckt einen Dolch und mit dem Ausruf:„Handwerksbube!“ enteilt die todbrin⸗ gende Waffe, eine funkelnde Linie gedankenſchnell durch die Luft zeichnend, nach des argloſen Jüng⸗ lings Bruſt. Ein allgemeiner Schrei der Wuth und des Entſetzens folgt ihrem Flug.
Johannes war verloren bei der furchtbaren Sicherheit des Wurfes, wenn Glutſchlacker mit Habichtsaugen jede Bewegung des Räubers über⸗ wachend, ja ſogar die Richtung ſeiner Blicke ver⸗ folgend, nicht die Klinge im Flug mit ſeiner Waffe gefangen und rückgeſchleudert hätte. Der fallenden folgte im Bogenſchwung die zermalmende Wucht des Hammers und der Frevler ſank wie eine ge⸗ fällte Fichte zu den Seinen in's Blut.
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„Fluch!“ erſtarb es auf der Lippe des Ge⸗ richteten; eine breite, vorbrechende Blutwelle folgte dem letzten Laute, darauf ein hohles, röchelndes Gurgeln, eine krampfhaft, ſchlagähnliche Zuckung des ganzen Leibes noch und er blieb regungslos — eine gräßlich verſtümmelte Leiche.
In dieſem Augenblick ſank von einem Pfeil, den die Hand eines unſichtbaren Schützen entſendet, tief in die Bruſt getroffen, Johannnes Moos zu Tode verwundet nieder.——
„Heiland der Erde!“ ſchrie Glutſchlacker mit herzzerreißender Stimme und fing mit beiden Armen den Fallenden auf.
„Eichkatze! Eichkatze! dort ſteigt er auf der Zinne herauf und ſchwingt hohnlachend den Bogen. Schießt ihn herunter! herunter den Verruchten!“ Ein Dutzend Pfeile ſchwirrten nach der bezeichneten Stelle; der Meuchler, hinter einem großen, eher⸗ nen Schild, der den ganzen Leib deckte, niederge⸗ kauert, erwartete unbeweglich ihren Anflug und ſchüttelte die machtlos anprallenden Stifte zurück über der Schützen Häupter.
„Umſtellt jeden Ausgang!“ donnerte jetzt die Stimme des Heermeiſters,„werft die Bodenthüre in’s Schloß! Wachs und Werg an die Bolzen. Den rothen Hahn auf's Dach! raſch! raſch! laßt den Höllenſohn in ſeinem Elemente ſterben.“
Während unter furchtbarem Getümmel die er⸗ bitterten Mannen ſich anſchickten, die brennenden Geſchoſſe nach dem Dache zu ſchleudern, trug Glut⸗ ſchlacker, gefolgt vom Hauptmann Kornelius den edlen Verwundeten aus dem Hofraum und legte ihn am freien Abhang des Berges in's Moos. An ſeine beiden Seiten auf's Knie ſich laſſend, öffneten die rauhen Kriegsmänner mit bebender Hand ihm das Wams der Bruſt und ſuchten den zwiſchen den Rippen, zunächſt dem Herzen einge⸗ bohrten Pfeil aus ſeiner Verhaftung zu löſen. Es war vergebens! zu tief hing er an ſcharfem Wi⸗ derhaken feſt.
Im fernen Oſt deutete ein lichter, röthlicher Streif das Anbrechen des Tages an; die Morgen⸗ dämmerung auf der Höhe verbreitete hinreichende Helle, um die leiſeſte Veränderung in den Zügen des Todtwunden wahrzunehmen. Wie eine Lilie ge⸗ knickt, in rührender Schöne des Leidens lag er da, ſeine Lippen öffneten ſich zum Sprechen— er ver⸗ mochte es nicht mehr! das erlöſchende Auge ſuchte
den Strahl der Morgenröthe, ſeine kaltwerdende,
bleiche Hand war zu ſchwach, um den Druck ſeiner weinenden Freunde erwiedern zu können.
Jetzt leuchtete ein blutrother Wiederſchein weit⸗ hin über den Himmel, flammende Wolkenballen, ſich hoch in den Lüften fortwälzend, eine gräßliche Lei⸗ chenfackel über dreihundert Erſchlagnen, verkündeten der fernen, angſtdoll harrenden Stadt, daß das Werk der Befreiung vollbracht ſei, die Zwingburg in Blut und Graus verſinke..S
Die Zerſtörer, dem entfeſſelten, gefräßigine
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