Heft 
(1859) 12 12
Seite
358
Einzelbild herunterladen

Erinnerungen.

Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.

VII. V

Eine Mitternacht, nur ſelten und flüchtig durch matte, zwiſchen wandelndem Schleiergewölk vorbre⸗ chende Mondſtrahlen erleuchtet, ruhte mit Grabes⸗ ſchweigen über der Natur. Da ſtieg lautlos wie ein Zug von Geſpenſtern eine Heerſchar von dreihundert wohlgerüſteten Männern bergunter zum Morathal.

Gedeckt in der Tiefe durch den Schirm breit⸗ ſchattender, verſtreuter Erlen und Eichen überſchrit⸗ ten ſie den Wieſengrund.

Jetzt tauchten die zackigen Umriſſe der Zwing⸗ burg Mödlitz, mit tiefem Schwarz ihrer Maſſen im düſteren Grau des Nachthimmels geſpenſtig ſich ab⸗ zeichnend, wie ein ſchlafender Steinrieſe vor ihnen auf ein gedämpftes, von Rotte zu Rotte lau⸗ fendesHalt! feſſelte die Bewegung des Zuges.

Kluger vor! befahl eine unterdrückte Stimme.

Der Gerufene trat aus den Reihen heraus.

Erſteige den Wipfel jener Erle dort, die zu⸗ nächſt der Umwallung in gleicher Höhe der Mauer ragt, und ſpähe, ob Thorwart und Wächter auf ihrem Poſten ſind.

Kein Mäuslein regt ſich! kam nach weni⸗ gen Minuten die Antwort von oben,nur in der Erkerſtube des Kranken glitzert ein mattes Licht. Wir überſchleichen die Berauſchten wie Höhlenbären im Winterſchlaf.

An's Werk denn in Gottes Namen! klang die Stimme des Heermeiſters jetzt.Glutſchla⸗ cker, Du folgſt mir mit hundert Keulen, Schwer⸗ tern und Streitäxten und Deinen Strangleitern zum Sturm! Sechs werden gehakt zwiſchen Erker und Hauptthurm, zwei an die Brüſtung. Fahnen⸗ führer Moos mit hundert Lanzen legt den Mauer⸗ brecher an's Thor. Das verſteckte Ausfallspförtlein gegen Morgen kommt unter des Rottenmeiſters ſcharfe Eiſenwacht, und Du Kluger mit zehn Armbruſtſchützen hältſt mir das Mauereck an der Mitternachtsſeite im Auge der Lederkappe noch eine Feder einzunageln, wenn ſie ſich zeigt! Ihr alt Vergnügen, am gähen Abfall über die Stein⸗ vorſprünge ſich ſatzweis wie eine Katze herabzu⸗ ſchwingen, könnte uns heute verderblich ſein, denn die Hirſchläufe des Lotterbuben, die einmal im Schwung einem Roſſe den Vorſprung abge⸗ winnen, durchmeſſen den Weg von Mödlitz nach Wildſtein in einer halben Stunde.

In wenigen Minuten hatten die Rotten den Abhang erklommen und allerſeits die bezeichneten Stellen eingenommen. Glutſchlacker und der Hauptmann an der Vorderſeite der Burg ſchickten ſich vor allen Uebrigen an, die Sturmleiter, die zuerſt mit ihrer Eiſenklaue am oberen Rande des Gemäuers verfangen blieb, zu beſteigen.

Da wurde hoch über ihnen plötzlich ein fei⸗

nes, klirrendes Singen, wie das eines abſpringen⸗

des Federſtahles vernehmbar, dann war wieder

Alles ſtill.

Wir ſind entdeckt! flüſterte Glutſchlacke r dem Heermeiſter zu,Eichkatze, das verwetterte, ſchlafloſe Einauge hat am Glockenzuge geriſſen. Jetzt drauf und dran!

Wie eine Schar rieſiger Katzen ſchwangen ſich die Stürmer empor, begrüßt und begleitet von den weithin brüllenden Tönen des Lärmhornes auf der Zinne, das die Ueberfallenen zu den Waffen rief.

Ein vielſtimmiges, verworrenes Schwirren, Raſſeln und Dröhnen innerhalb der Mauern ward darauf lebendig, die Steinmaſſen erzitterten ſchier vor dem Rollen eines unterirdiſchen Gewitters, das losbrechend im Augenblicke ſich jetzt mit zuckendem und ſprühendem Wetterleuchten von hundert Fackeln und bald in einem Hagel von Pfeilen, Schwert⸗ hieben und geſchleuderten Steinblöcken entladet.

Glutſchlacker aber, allen Uebrigen voraus, iſt vor dem Losbruch mit beerzter Ferſe bereits auf der breiten Mauer feſtgewurzelt und hat den Schaft des hochflatternden Stadtbanners in die Fugen des Geſteins gepflanzt. Mit ſeinem breiten Rücken nun die Nachdringenden deckend, ſchmettert er mit einem krachenden Schlag ſeines Streitham⸗ mers, Stahlhaube und Schädel des erſten Angrei⸗ fers in Scherben.

Bald haben fünfzig Kämpen feſten Grund neben ihm gewonnen und nun raſt der Mauer in ganzer Streckung entlang das wildeſte Gefecht. Von beiden Seiten wälzen ſich Getroffene hinunter. Die ſtählerne Ferſe der Streitenden ſtampft über die Geſtürzten hinweg, ihr Todesröcheln verhallt in dem Klirren der Schwerter, dem Dröhnen des an⸗ prallenden Lanzenſtoßes, dem Praſſeln brechender Panzer und dem Gebrülle der Streithörner und Menſchenkehlen. Zwiſchen durch in dieſem Chaos der Töne ſchlagen die dumpfen, erſchütternden Püffe des Sturmbockes am Thor, einen verlorenen Grundtakt an.

Glutſchlacker's Hünengeſtalt, gleich dem Felſen im Sturm, ragt mitten in dem Getümmel auf, und wo ſein Arm ausfliegt im ſauſenden Kreisſchwung, zerſchlägt ſich die eiſerne Brandung und ſtäubt nach allen Richtungen zu Boden.

Ein furchtbares Krachen der Bohlen des Haupt⸗ thores verkündet jetzt zu Jubel und Entſetzen der Streitenden, daß vor der ehernen Stirn des uner⸗ bittlichen Sturmbockes des Steineichenholzes Wider⸗ ſtand gebrochen und der untere Eingang den Stür⸗ mern offen ſei. Mit Gepolter ſtürzt das Gefüge, ſie fluthen herein ein Blutregen tränkt den Raſen des Hofraumes und ein unwiderſtehlich nach⸗ drängender Eiſenkeil zermalmt in fürchterlichem Ge⸗ würge die Streitmaſſen des Schloſſes an deſſen Mauern.

Nur an einem Punkte: der Hauptpforte der Burg, wo ein raſendes Handgemenge in hundert durch einander zuckenden und einſchlagenden Klin⸗

=SeH=ͤ