3⁵56 Erinnerungen. Illuſtrirte Bätter für Ernſt und Humor.
ſchlagen, den Schwinger der unnahbaren Runen⸗ klinge geſtreckt— mit einem Eibenſtab geſtreckt!“
Während die Gewappneten auf das Zeichen des gehobenen Feldherrnſtabes zum Waffengruß die Par⸗ tiſanen ſchulterten, ging ein verworrenes Murmeln ungläubigen Erſtaunens und Zweifelns ringsum: „Nicht möglich!— Wär's denkbar!— Der ſchlanke, ſchöne Knabe hier, und der bluttriefende Wolf, der Eiſenbrecher!— Der Herr hätte ein Wunder ge⸗ than! Wer unſerer Tapferſten hat je der Runen⸗ klinge ſieghaft in ihr tödtliches Blitzen geſchaut?“
„Den Beweis, den Beweis ſeines Sieges?!“ ließ ſich eine lautfragende Stimme vernehmen.
„Johannes, mein Sohn!“ rief der Haupt⸗ mann mit feierlichem Nachdruck,„nimm Dein Schwert ab und reiche es dieſen Männern, auf daß Jeglicher, ſo Thomas noch, ſeine Finger an die Malzeichen lege!“
„Die Runenklinge!“ jubelte die höchſte— bei dieſem Anblicke wohl zum erſten Mal freu⸗ dige Ueberraſchung aus hundert Kehlen.
Sie war es. Johannes Moos, meuch⸗ lings bei ſeinen Forſchungen im Walde von dem Wüthrich angefallen, hatte durch höhere Kunſt und Sicherheit ſeiner abwehrenden und treffenden Schläge die ungeſtüm rohe Kraft überwältigt und ihr die Waffenbeute genommen. Für todt blieb der Ge⸗ zeichnete auf dem Kampfplatze zurück.
Das furchtbare Stück wanderte nun von Hand zu Hand. Die geheimnißvollen Schriftzeichen, die von des zauberkundigen Meiſters Hand eingeätzt, auf der Klingenfläche dunkelten, wurden nicht ohne Grauen betrachtet und angerührt. Es kam Allen ganz verwunderlich vor, wie der„Rippenbrecher“, der„Schürebrand“, der ſeit faſt einem Jahrhunderte wie der Stachel des böſen Feindes in der Städt⸗ ler Fleiſch geſeſſen, nun ſo friedſam und klanglos in deren Kreis umgehen könne.
Jetzt waren die Schuppen von Aller Augen gefallen und ſie beugten ſich vor der Größe ihres ſtillen Mitbürgers, der ihnen das Pfand zum Siege gebracht. Denn eine alte Kunde war's: ſo lange ſollte der Stamm von Mödlitz ſieghaft und blühend ſein, ſo lange dieß Schwert ſeines Stifters für deſſen Banner ſtreiten würde.—
„Hoch unſerem Führer Johannes Moos! Hoch unſerem Helden!“ jauchzte es über die Heide.
Glutſchlacker aber ſtürzte vor dem Gefeier⸗ ten auf’'s Knie und mit krampfhafter Herzlichkeit ſeine Hände faſſend und an ſein Herz preſſend, rief er überlauten Tones, mit blitzenden Augen: „Moos!.... ich bin ein roher Lump! Im An⸗ geſichte Aller demüthige ich mich vor Deiner Größe und bekenne in öffentlicher Beichte zerknirſcht im Herzen, daß ich Uebles von Dir gedacht, Dir ge⸗ wünſcht und angeſonnen habe. Kannſt Du einem Kerl, deſſen Herz wacker und blank wie polierter Stahl— deſſen Verſtand nur zuviel in den Fäu⸗ ſten ſitzt, verzeihen?“..
Ein mildes Lächeln lichtete den tiefen Ernſt in den ſchönen Zügen des Jünglings.„Steh' auf, mein Freund!“ ſagte er gütig,„ich bin Dir nie gram geweſen. Du konnteſt mich nicht erkennen, doch Deines Weſens trefflicher Kern in rauher Schale liegt mir ſeit je zu Tage. Solcher Arme und Herzen, am rechten Ort, zu rechter Zeit, be⸗ darf unſere Vaterſtadt, ſoll ihr über den Trüm⸗ mern der Zwingburg je der Oelbaum des Frie⸗ dens grünen.“
Jetzt ſprang der heißblütige Glutſchlacker, wie ein Wolfshund an ſeinem Herrn empor und laut jubelnd vor Freudigkeit, während Thränen über ſeine rauhen Backen liefen, ſchloß er ſeinen Retter ſtürmiſch an die Bruſt.„
VI.
„Wer ſtreckt der Erſte die Hand aus für un⸗ ſere Freiheit und holt dieſes Baumes höchſten Preis?!“ ließ ſich, als der allgemeine Beifall ver⸗ hallt, der Aufruf des Gebietenden vernehmen.
„Ich! Ich! Wir!“ antworteten ſich herzudrän⸗ gend wohl zwanzig Geſellen.
Glutſchlacker, auf dieß Rufen die verſchlun⸗ genen Arme von ſeines neuen Freundes Nacken löſend, blickte empor.„Feuer und Schwert!“ rief er,„wenn das Gleißende da droben nicht eitel Blendwerk und Flittertand, ſo iſt Eichkatze aus ſei⸗ ner natürlichen Art geſchlagen oder hat ſich beim Sprung in den Bach die Knieſehnen verſtaucht.— Halt! halt!“ fuhr er die Zudrängenden an, als ſechs oder acht Arme zugleich den Stamm zu um⸗ ſchlingen ſich anſchickten,„wollt ihr Einer auf des Andern Nacken aufhockend eine Staffel bauen, da muß ich den Unterſten erſt eiſerne Rippen und Knochen ſchmieden. Heda, Kluger, dem Beſten gebührt der Vortritt!“
Während dieſes Rufes hatte der Genannte, die Uebrigen zur Seite ſchiebend, bereits die Arme um das Holz gelegt, dann ſchlug er die Füße im Kreuz um und zog, an der glatten Walze ruckweis rut⸗ ſchend, ſeinen Körper empor. Bald hatte der Ge⸗ wandte einen Raum von ſechzig Fuß unter ſich, jetzt ruhte er mit Arm und Fuß ſchier verwachſend mit dem Baume. Mit etwas verminderter Behen⸗ digkeit ging drauf die ſchwindlige Auffahrt fort, bis er endlich nach mehrmaligem Halt und dem Verlauf einer guten Viertelſtunde drei Ellen Rau⸗ mes unter dem Wipfel angelangt war.
Fünf Minuten banger Erwartung vergingen — der Kletterer regte ſich nicht. Alt und Jung erzitterte; denn ſo lähmender Schwindel über ihn gekommen, den kühnſten und gewandteſten der Bür⸗ ger, wer ſollte nach ihm das bedeutungsvolle, fol⸗ genſchwere Wageſtück vollbringen?
„Weiter! weiter! ſchau' auf, nicht hinunter!“ rief Glutſchlacker ermuthigend ihm zu.
„Ich kann nicht!“ tönte vom Wind halb


