318 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Wenn ſich in unſerer Zeit im Orient die Frauen nicht mehr dem ſtrengen Herkommen fügen wollen, welches ihnen in Betreff des Umgangs auferlegt war und vorzüglich die Damen in Konſtantinopel ſich immer mehr Terrain in dieſer Hinſicht erobern, ſo ſcheint man in Syrien dagegen noch große Einwendungen zu ma⸗ chen, wie dies unlängſt zu Damaskus geſchah. Eine Dame bemerkte einen Reiſenden und lüftete vor ihm ihren Schleier. Mit Ingrimm bemerkte dieß ein vor⸗ übergehender Arnaute. Er griff nach ſeinem Piſtol und ſchoß die Dame auf der Stelle nieder. Wie ſich ergab, kannte er die Getödtete nicht einmal, es geſchah alſo nicht aus Eiferſucht, ſondern in polizeilicher Hinſicht.
Außer der Liebe und Treue ſcheinen die Chine⸗ ſen von ihren Gattinen noch etwas Anderes zu ver⸗ langen, was denſelben wohl ſchwer werden wird— Schweigen; wenigſtens gibt ihnen das Geſetz das Recht, ſich von der Frau ſcheiden zu laſſen, wenn ſie beweiſen, daß ſie zuviel ſpricht.
Ein Offizier bewarb ſich um die Hand der hol⸗ den Generalstochter, die Thereſia hieß, und bat denſel⸗ ben um ſeine väterliche Einwilligung. Der General antwortete:„Nimm den Namen meiner Tochter, ver⸗ doppele in demſelben einen Buchſtaben und Du wirſt durch geeignete Beſetzung die Antwort finden.“(The⸗ reſia, i verdoppelt, gibt die Antwort: Heirat' ſie!) — Ein General dagegen bot einem Offizier die Hand ſeiner Tochter an, die Eliſabeth hieß. Der Offizier, der an der Tochter nicht beſonderliches Behagen finden mochte, dieß Bekenntniß aber möglichſt zart ſeinem Ge⸗ neral zu erkennen geben wollte, ſchrieb ihm, daß ſeine Antwort in dem Namen ſeiner Tochter enthalten ſei. (Eliſabeth gibt durch Verſetzung der Buchſtaben die Wörter: Behalt' ſie!)
Anekdoten.
Einem Mann mit grünem Rocke, der ſich ſelbſt vor ſeinen Standesgenoſſen durch anziehende Erzäh⸗ lung von Jagdgeſchichten auszeichnete, ſetzte ſich einmal Jemand zur Linken und ſuchte ihn mit allerlei Ge⸗ ſchichten zu regaliren. Die erſte und zweite hörte dieſer ruhig mit an; auch die dritte nahm er noch Neduldis hin. Als aber die vierte begonnen wurde, unterbrach er ihn:„Bitte, lieber Freund, das erzählen Sie meinem Nachbar zur Rechten, ich lüge ſelbſt!“
Charakteriſtiſch für die Bäuerinnen der Dreuthe iſt die felgene Anekdote, welche ſich beim Beſuche des Prinzen Wilhelm V. zutrug. In Weſterborg wünſchte dieſer Prinz eine Bauerwohnung zu beſuchen und näher in Augenſchein zu nehmen. Nachdem er in der erſten beſten Wohnung alles beſichtigt hatte, näherte er ſich der Hausfrau, die eifrig fortſpann, und wollte ihr zum Abſchied ein Goldſtück in die Hand drücken. Die Bäue⸗ rin wies jedoch die Gabe mit Freundlichkeit zurück in⸗ dem ſie ſagte:„Hol doe't maar, Prins, doe hest et meer neug als ik!(Behalt' es nur, Prinz, du haſt es nöthiger als ich!)
Der Oberbürgermeiſter:„Nach dem trauri⸗ gen Brande, meine Herren Stadtverordneten, der unſere gute Stadt betroffen hat, iſt es nunmehr an der Zeit, daran zu denken, daß wir insbeſondere auch unſer Rath⸗ haus baldigſt wieder aufbauen. Ich habe Sie daher an Ort und Stelle hieher beſchieden, um Ihre Meinung in der Sache zu hören. Was meinen Sie nun Herr Tamohrlich?“
Der Stadtverordnete Tamohrlich:„Ja ſähn Sie mei kuter Herre Oberbergermeiſter, mir von der Bau⸗ depentation denken Sie nune in unſere Gedanken ſo. Sähn Se, der ganze Margt muß nune in andern Ty⸗ phus kriegen und das neue Rathhaus muß'ne ſchöne
„Fraſſade kriegen und, was das Nothwendigſte iſt,'n
ſchönes großes Pordal muß'nein und daß der ganze Platz richtig blamirt werden muß, das verſteht ſich von ſelbſten, da dervor werden Sie ſchont ſorgen, is das nich auch Ihre Meinung, Herr Oberbergermeiſter?“
Gerichtliches.
Der geiſtig ſehr beſchränkte Taglöhner T. K. in Wolin heiratete im Jahre 1849 eine um 19 Jahre ältere Frauensperſon, lebte mit derſelben ruhig und fried⸗ lich, war aber ſtets ein ſchlechter Arbeiter und ſtellte ſich immerwährend krank. Deßhalb wollte ihn auch Nie⸗ mand in Arbeit nehmen. Um nur ſein Leben friſten zu können, erwarb er ſich die Bewilligung der Behörde, mit einem Leierkaſten im Kreiſe herumziehen zu dürfen. Bei dieſer Erwerbsweiſe trug gewöhnlich ſeine Frau den Leierkaſten, und nicht ein, ſondern mehre Mal ereignete es ſich, daß er gefragt wurde, ob die Trägerin des Leierkaſtens ſeine Mutter ſei. Er fand dieß in der Ord⸗ nung. Als er jedoch vor Kurzem auch verhöhnt und verſpottet wurde, daß er ſich ein ſo altes Weib auf den Hals gebunden, ging ihm dieß ſehr zu Herzen. Kurz darauf ging er allein mit dem Leierkaſten in die Fremde, gab ſich für einen Witwer aus und fand auch bald eine liederliche Perſon, die ſich ihm anſchloß und mit der er über acht Tage in vertrautem Umgange lebte. Bei der Trennung verſprach er ſeiner neuen Bekannt⸗ ſchaft, nach Oſtern wiederkommen zu wollen. Als er nach Hauſe kam, hielt ihm ſeine Schweſter, die inzwi⸗ ſchen Alles erfahren hatte, ſein liederliches Leben ſtreng vor und erklärte ihm, daß eheliche Untreue eine noch größere Sünde wäre, als ſelbſt der Todtſchlag. Von dieſer Zeit an war, nach ſeiner eigenen Ausſage, ſein Sinnen und Trachten nur dahin gerichtet, wie er ſich der größern Sünde entziehen könne, und ſo reifte in ihm der Entſchluß, ſeine Frau aus dem Wege zu räu⸗ men. Sonntags den 20. März vermochte er dieſelbe, zur Beichte zu gehen, behandelte ſie den ganzen Tag hindurch ſehr liebevoll, kaufte ihr Abends ein Seidel Roſoglio und ging um acht Uhr zu Bette. Als er wahr⸗ nahm, daß ſeine Ehehälfte feſt ſchlief, ſtand er auf, kniete ihr ſchnell auf die Bruſt und würgte ſie am Kehlkopfe ſo lange, bis ſie eine Leiche war. Um ſich von ihrem wirklichen Tode noch beſſere Ueberzeugung zu verſchaffen, zündete er ein Licht an und beobachtete ſie ſorgfältig; ſodann betete er eine ganze Stunde bei der Ermordeten. Der plötzliche Tod der rüſtigen Frau erregte Aufſehen, die gerichtliche Unterſuchung wurde eingeleitet, und es fanden ſich bei der Leichenobduktion die von einem ſtarken Druck herrührenden Merkmale am Halſe, auch waren drei Rippen gebrochen und die Leber geborſten. Der Leierkaſtenmann wurde alſogleich eingezogen und war der That ſchon beim erſten Verhöre geſtändig.
Aus dem Haag. Die öffentlichen Gerichtsver⸗ handlungen der Unterſuchung des der Giftmiſcherei an⸗ geklagten General⸗Lieutenants Gunkel begannen am 7. und wurden am 9. April geſchloſſen.
Der Angeklagte, ein magerer, langer, breitſchultriger S4jäh⸗ riger Greis, deſſen bleiches, bläuliches, von einem ſchneeweißen kurzen Barte umgebenes Geſicht ſich kaum von der weißen Kalk⸗ wand abzeichnet, wurde auf die Anklagebank mehr getragen als geführt. Der Inkulpat iſt ſeiner That geſtändig und bezeichnet als das Motiv zum Verbrechen die zärtliche Sorge um Louiſe Esbra, deren Elend er nach ſeinem Ableben befürchtet habe. Die Zeugenvernehmung ſtellte einen dreimaligen Verſuch der Vergiftung durch Arſenikſäure feſt. Der erſte Verſuch im Juli v. J. geſchah durch ein mit Arſenik gemiſchtes Glas Genever. Louiſe Esbra erkrankte heftig und trug eine Lähmung der Beine und Fingerſpitzen davon. Der zweite Verſuch erfolgte einige Wochen ſpäter durch Miſchung von Arſenik und— wie es ſcheint— von nux vomica in die Suppe. Der bittere Ge⸗ ſchmack der Speiſe veranlaßte Louiſe Esbra, die Suppe weg⸗ zuſchütten. Der dritte Verſuch ward vom General Gunkel am


