Heft 
(1859) 10 10
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Feuilleton. 319

4. Jänner d. J. ausgeführt, und zwar durch eine vergiftete Wurſt. Louiſens Bruder verzehrte einen Theil der Wurſt und ſtarb in Folge des Genuſſes vier Tage nachher. Die Schweſter hatte nur gekoſtet. Das Publikum des überfüllten Gerichts ſaales gerieth in eine hörbare Bewegung des entrüſteten Mit⸗ gefühls, als die erſte Zeugin, Louiſe Esbra, an beiden Beinen jämmerlich gelähmt, vor den Richter getragen wurde. Der Grund zu der ſchauderhaften That des Generals wurde von dem Richter in dem Umſtand erkannt, daß der General Gun⸗ kel, finanziell derangirt, ein der Louiſe Esbra zugehöriges, aus einem Lotterie⸗Gewinnſte herrührendes Kapital in Staats⸗Obli⸗ gationen zum Betrage von 3000 fl. entwendet hatte. Die Rückerſtattung des Kapitals und die fernere Verheimlichung der That bot dem General gleiche Schwierigkeiten dar. Außerdem überſtieg die Zahlung eines der Esbra ausgeſetzten Wochengel⸗ des die pekuniären Mittel des Generals:Louiſe Esbra ſtand ihm im Wege. Der Angeklagte proteſtirte hiergegen und hielt ſeine erſte Ausſage ſeſt.Der Weg, auf dem ich ging, ſagte er,war eiſeskalt. Mein einziger Sohn verſtarb mir. Louiſe war ſo dankbar für das, was ich an ihr that; bei ihr allein fand ich Theilnahme und Troſt in einem Leben, das mir längſt zur Laſt war. Selten hat Einer mehr gelitten als ich. Ich trug mich ſchon lange mit Selbſtmordsgedanken. Der Präſi⸗ dent erinnerte den Angeklagten mit einiger Bitterkeit an den Beſitz der noch lebenden Ehefrau, deren Edelmuth gegen den Angeklagten während der Unterſuchung an's helle Tageslicht ge treten ſei. Die Staatsanwaltſchaft beantragte die Strafe des Todes, weil das Verbrechen eines vorbedachten Mordes vorliege.

Die Vertheidigung wies auf des Angeklagten langen, ſtets unbeſcholtenen, ſo verdienſtlichen und ſo ruhmvollen Lebenslauf hin. Sie verſuchte den Beweis vom Wahnſinn und von einer Monomanie des Angeklagten, welche letztere ſich erſt in einem Selbſtmord einen Ausweg habe ſuchen wollen, zu führen. Der Vertheidiger beſtritt überdieß, daß das Verbrechen eine gewinn ſüchtige Abſicht zum Hebel gehabt habe und ſchloß mit der Darlegung, daß überhaupt nur ein homicidium casuale voll⸗ bracht ſei, indem die Vergiftung gegen Louiſe Esbra gerichtet geweſen. Die Staatsanwaltſchaft vermochte ſich den Gründen der Vertheidigung nicht anzuſchließen und hielt den Beſchluß des erwähnten Strafmaßes aufrecht. Der Präſident erklärte dem⸗ nächſt die Verhandlungen der Unterſuchung für geſchloſſen und bezeichnete den 16. April als die Zeit des richterlichen Aus ſpruches. Der Angeklagte, der trotz ſeines hohen Alters und ſeiner Hinfälligkeit im Allgemeinen keine Sympathie erregte, zeigte während der Verhandlungen nur hin und wieder eine lebhaftere Theilnahme für das, was um ihn vorging. Beim Sprechen geſtikulirte er heftig. Der Vertheidigungsrede ſchien er mit Geſpanntheit zu folgen. Er machte ſonſt den Eindruck einer lebendigen Leiche.

Der Prozeß endete am 16. April mit der Verurtheilung des 84jährigen Greiſes zum Tode durch den Strang. Der Gerichtshof hat die Behauptung des Vertheidigers, es habe der Angeklagte an Geiſtesverwirrung oder Schwäche des Denkvermögens gelitten, nicht anerkannt, vielmehr angenommen, daß die Thatſachen das vollſte Bewußtſein, ſeine Geliebte Louiſe Esbra mit Vorbedacht vergiften zu wollen, begründen. Der General blieb bei Verkündigung des Urtheils äußerlich ziemlich ruhig.

Biografieen von Zeitgenoſſen. Giacomo Meyerbeer,

mit ſeinem eigentlichen Namen Jakob Meyer Beer, ſeit 1830 der ruhmreiche Repräſentant der großen franzöſiſchen Oper, iſt im Jahre 1791 zu Berlin geboren, wo ſein Vater ein ſehr bedeutendes, angeſehenes Banquiergeſchäft führte. Schon im frühen Knabenalter zeigte Meyerbeer auffallende muſikaliſche Fähigkeiten, in Folge deſſen er Klavierunterricht bei dem ſeiner Zeit wohlbekannten, aber im Laufe der Jahrzehnte verſchollenen Klavierſpieler und Komponiſten Franz Lauska erhielt. Dieſem Unterrichte geſellte ſich weiterhin theoretiſcher bei Zelter hinzu, und ſo ſcheint es, daß Meyerbeer, in Erkenntniß ſeines muſi⸗

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kaliſchen Talentes, mit voller Abſicht ſchon ſeit ſeiner Kindheit dem Künſtlerberufe entgegengeführt wurde. Im Klavierſpiel überraſchte er bald durch außerordentliche Leiſtungen, welche ein öffentliches Auftreten zur Folge hatten. Auch außerhalb Berlin, und namentlich in Wien, ließ er ſich öffentlich unter rückhalt⸗ loſer Anerkennung der gewichtigſten Kenner und bewährteſten Fachmänner hören. Trotz dieſer Erfolge wendete Meyerbeer ſich von der Virtuoſenlaufbahn ab und traf alle Anſtalten, ſich aus⸗ ſchließlich der Kompoſition zu widmen. Demzufolge ging er zu dem damals in hohem Anſehen ſtehenden Abt Vogler nach Darmſtadt, bei welchem er als Mitſchüler K. M. v. Weber's, des genialen Schöpfers der nationaldeutſchen Oper, Kompoſt tionsſtudien trieb. Meyerbeer blieb vom Jahre 1810 1811 in der perſönlichen Umgebung Vogler's. Während dieſer Zeit ſchrieb er ſein erſtes umfangreiches Werk:Gott und die Na tur, eine Kantate. Hierauf ging er zur dramatiſchen Kompo⸗ ſition über, welcher er fortan ſeine Kräfte ausſchließlich wid mete. Die erſte Oper, welche eine öffentliche Aufführung, und zwar in München erlebte, warJephtha. Ihr ſolgte eine ko miſche Oper:Die beiden Kalifen, gegeben in Wien und Stuttgart. Die verhältnißmäßig geringen Erfolge dieſer beiden Opern beſtimmten Meyerbeer, der, wie ſein ſpäteres Leben ge zeigt hat, den Beifall der Menge liebt, ſeine bisherige, von ernſterem künſtleriſchen Streben zeugende Richtung gegen eine gefällig einſchmeichelnde und ſinnlich effektvolle Kompoſitions weiſe zu vertauſchen. Namentlich mochte hierbei Roſſinis Bei⸗ ſpiel, deſſen glänzendes Geſtirn eben im Aufgehen begriffen war, weſentlich mitgewirkt haben. Denn Meyerbeer wandte ſich nach Italien und ſchrieb in nächſter Folge, in dem durch Roſſini be gründeten neuitalieniſchen Opernſtyl, für die italieniſche Bühne eine Reihe von Opern, als:Romilda e Coſtanza,Semira mide riconnosciuta,Emma di Resburgo,Margherita d'Anjou,Eſule di Granada undil Crociato in Egitto. Die Entſtehung derſelben fällt in die Periode von 1817 1825. Für das Heimatland des Komponiſten blieben ſie zum größten Theil gänzlich unbekannt, mit Ausnahme der OpernEmma di Resburgo,Margherita d⸗Anjou undil Crociato in Egitto, welche eine vorübergehende Darſtellung in Berlin fan⸗ den, ohne jedoch durchgreifenden Erfolg zu erlangen. Die da malige Kritik ſprach ſich ſogar einmüthig mit aller Offenheit gegen dieſe Erzeugniſſe aus, indem ſie namentlich die von Meyer beer eingeſchlagene, überwiegend äußerliche Richtung tadelte. Dieß Reſultat entmuthigte indeß den jungen Maeſtro nicht. Er ſchritt vielmehr auf der einmal betretenen Bahn vorwärts und bediente ſich blos anderer Mittel, um zu ſeinem Zweck zu gelangen. Hierbei war ihm Scribe, der effektreiche Intriguendramatiker, behilflich. Der Verbindung Meyerbeer's mit Dieſem verdanken wir die Entſtehung der modernen großen franzöſiſchen Oper. Dieſes Kunſtprodukt, welches eine eigene Gattung repräſentirt, darf im Grunde eine muſikaliſch⸗ weltbürgerliche Monſtroſität genannt werden. Denn mit geſchicktem und raſſinirtem Caleül auf die große Maſſe berechnet, iſt es ein unerquickliches Con glomerat aller möglichen entgegengeſetzten Eigenſchaften, denen Vorzüge wie Mängel in gleichem Maße eigen ſind. Die mo derne große franzöſiſche Oper läßt eine Vermiſchung verſchiede ner Style, Wahrheit und Unwahrheit, Geſchmack und Geſchmack loſigkeit, Nobleſſe und Trivialität, Schönheit und Unſchönheit erkennen. Außerdem zeigt ſich ein Aufgebot an äußerlichen Mit⸗ teln aller Art, wodurch für eine blendende theatraliſche Wirkung überreich geſorgt iſt.

Das erſte in dieſe Gattung gehörende Gebilde warRo bert der Teufel, zugleich die erſte Oper Meyerbeer's, welche ihm ſehr ſchnell Ruhm nach allen Weltgegenden hin eintrug. Der Komponiſt trat mit ihr 1830 vor das Forum der Oeffent lichkeit und errang einen Erfolg, der nicht nur nichts zu wün⸗ ſchen übrig ließ, ſondern auch für den Augenblick die beiden gefeierten Meiſter jener Tage, Roſſini und Auber, verdunkelte.

Vielfach hat man behauptet, daß dieſer Erfolg hauptſäch lich durch materielle, eines echten Künſtlers unwürdige Opfer vorbereitet und herbeigeführt worden ſei. Hierin iſt man jedoch offenbar zu weit gegangen. Mag auch viel von Seiten des Komponiſten geſchehen ſein, um ſich damals der öffentlichen Meinung in Paris und namentlich der Kritik zu verſichern, ein ſo brillanter und noch heutigen Tages fortwirkender Erfolg,