320 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
wie ihn„Robert der Teufel“ hatte, läßt ſich nicht ein⸗ für allemal künſtlich präpariren, ſondern nur gewiſſermaßen zum Theil erhöhen. Wenn dieß letztere hier der Fall geweſen ſein dürfte, ſo iſt der größere Theil des erzielten Erfolges unbe⸗ denklich auf Rechnung der Wirkung zu ſtellen, die das Werk durch ſich ſelbſt ausübt.„Robert der Teufel“ iſt eine Oper, die unter allen Umſtänden jedes größere Publikum hätte für ſich gewinnen müſſen. Auch das Sujjet erweiſt ſich, trotz man⸗ cher Ungereimtheiten und Abſurditäten, in ſßeniſcher Hinſicht wirkſam; es iſt in genauer Kenntniß des Bühnenweſens mit außerordentlichem Geſchick zuſammengefügt. Die Muſik ſteigert den Eindruck der Handlung: ſie iſt ungewöhnlich prägnant, melodiös in's Gehör fallend, ſinnlich anſprechend und energiſch erregend, oft charakteriſtiſch und bezeichnend für die Situation, und effektreich durch grelle, kontraſtirende Inſtrumentalfarben. Dieſe Eigenſchaften, ebenſo ſehr das Produkt einer talentvollen Begabung als eines geiſtig ſpekulativen Raffinements und einer ſcharfſinnig reflektirten Kombinationsgabe, ſichern vollkommen den äußeren Erfolg. Mit Hilfe derſelben verdeckt Meyerbeer manche Blöße ſeines Künſtlerthums und namentlich den Mangel an Gefühlstiefe und warmer Empfindung. Denn obſchon ihm einerſeits ein gewiſſer Fanatismus der Leidenſchaft zu Gebote ſteht, vermöge deſſen er große und nachhaltige Eindrücke her⸗ vorbringt, ſo ſteht ihm für das Sublime meiſtens nur ein künſt⸗ lich reflektirtes Vermögen zu, welches ihm indeſſen bei geiſtrei⸗ cher Auffaſſung und ebenſo glänzender als gewandter Technik unter allen Umſtänden die Möglichkeit gewährt, dramatiſch⸗ theatraliſche Wirkungen zu erreichen.
Beſſer noch als in„Robert der Teufel“ iſt dieß Alles in den„Hugenotten“ wahrzunehmen. Dieſe Oper, welche 1836 zuerſt über die Pariſer Bühne ging, ſteht in muſikaliſcher Hin⸗ ſicht wohl ziemlich in gleicher Linie mit„Robert“. Wenn dem letztgenannten Kunſtwerk der Vorzug größerer Friſche und ju⸗ gendlich ſchöpferiſcher Kraft zuzuerkennen iſt, ſo entſchädigen die „Hugenotten“ dagegen durch höheren dramatiſchen Schwung, namentlich im dritten und vierten Akte. Die Erfolge beider Opern haben ſich übrigens das Gleichgewicht gehalten.
Entſchieden ſchwächer iſt die dritte große Oper Meyer⸗ beers:„Der Profet“. Der ebenſo einſichtsvolle als vorſichtige Komponiſt ſcheint dieß ſelbſt empfunden zu haben, denn obwohl der„Profet“ lange fertig war und die öffentlichen Blätter fort⸗ während mit unermüdlicher Ausdauer— freilich oft vergeblich — ſein Erſcheinen auf der Bühne profezeiten, ſo zögerte den⸗ noch Meyerbeer von Jahr zu Jahr mit einer Aufführung, welche faktiſch erſt 1849 erfolgte und zwar wiederum zu Paris. Im „„Profeten“ iſt gegen die beiden vorhergehenden Opern ein Sin⸗ ken der muſikaliſch ſchöpferiſchen Kraft unverkennbar, während das Aufgebot an ſzeniſchen Mitteln ungewöhnlichſter Art über⸗ wiegend in den Vordergrund tritt. Sonnenaufgang, Schlitt⸗ ſchuhlauf, Brillantfeuerwerk,— kurz ein Bühnenwunder über das andere. Trotzdem finden ſich in dieſer Oper immer noch manche Muſikſtücke von hervorragender Bedeutung, ſowohl in den Einzelpartien, als auch in den Enſembles. Ueberreich, wie der„Profet“ äußerlich ausgeſtattet iſt, hat er gleichfalls große Erfolge bei der Menge gehabt. Doch ſcheint es, daß die ihm gewordene Theilnahme nicht ſo lange ausdauern werde, als die den beiden andern Opern gezollte. Schon jetzt macht ſich dieß einigermaßen fühlbar.
Zwiſchen die Veröffentlichung der„Hugenotten“ und des „Profeten“ fällt ein äußeres Lebensereigniß Meyerbeer's. Es betrifft ſeine Berufung und Ernennung zum königl. preußiſchen Generalmuſikdirektor, welche im Jahre 1842 erfolgte. Seitdem lebt Meyerbeer hauptſächlich abwechſelnd in Paris und Berlin. Während dieſer Zeit ſchrieb er die Muſik zum„Feldlager in Schleſien“, zu„Struenſee“(einer Tragödie ſeines Bruders Michael Beer) und endlich zum„Nordſtern“ mit Wiederbenu⸗ tzung der Hauptnummern des„Feldlagers in Schleſien“. Dieſe Kompoſitionen ſtehen jedoch gegen die drei großen Opern Meyer⸗ beer's zurück.
Meyerbeer's neueſte Oper:„Die Wallfahrt nach Ploörmel“, wurde mit beiſpielloſem Erfolge zum erſten Male in Paris am 4. April d. J. aufgeführt. Wie Meyerbeer ſeinen Studien nach ein Kosmopolit, der beim deutſchen Vogler beginnend, dem Beiſpiele Mozart's folgend, ſich ſpäter den Italienern anſchließt, um die Errungenſchaften ſeines mühſamen Strebens zuletzt als vorwiegend franzöſiſche Produkte zur Erſcheinung zu bringen, ſo finden wir auch in dieſer Oper eine Fraterniſirung verſchie⸗ dener Style, wie verſchiedene Anſchauungsweiſen. Seine In⸗ ſtrumentirung, die ſich bisher im Dienſte von gewaltigen, hyper⸗ dramatiſchen Effekten gefiel, offenbart ſich im„Pardon de Ploörmel“ auch im Anmuthigen des Ivpylliſchen, in der lie⸗ benswürdigen, leichten Tändelei des Heiteren und verläßt nur ſelten das Maßvolle, das ſich im wirklichen Kunſtwerke auch bei der höchſten Spannung des Effektes zu behaupten weiß. Dabei durchweht die ganze Partitur eine Friſche und Freudig⸗ keit des ſchaffenden Triebes, welcher der neuen Oper den Stem⸗ pel der Jugendlichkeit aufdrückt, die Freund wie Gegner gleich überraſchen mußte. Der Erfolg iſt der Muſik ganz allein zuzu⸗ ſchreiben und das Libretto beſchränkt ſich auf die Poeſie des legendenhaften Bodens und auf die Ereigniſſe, die außerhalb der eigentlichen Handlung unſer Intereſſe in Anſpruch nehmen.
Der Kaiſer hat Meyerbeer nach dem zweiten Akte in ſeine Loge rufen laſſen und ihn, wie der„Meſſager de Paris“ er⸗ zählt, über die Schönheit ſeines Werkes beglückwünſcht und hin⸗ zugefügt:„Ich für meinen Theil, mein Herr, danke Ihnen, daß Sie Frankreich wählen, um zuerſt Ihre Meiſterwerke auf⸗ führen zu laſſen.“—„Sire“, habe der Maeſtro erwiedert, „ich verdiene dieſen Dank nicht; ich, im Gegentheil, muß dan⸗ ken für die Aufnahme, welche ich in Frankreich, dem Lande der beſten Künſtler und der beſten Richter, finde. Uebrigens bringt mir die Regierung Eurer Majeſtät Glück, denn es iſt dieß das dritte Werk, welches ich aufführen laſſe, ſeit Sie in Frankreich regieren.“—„Herr Meyerbeer,“ ſagte nun die Kaiſerin,„ich hoffe, daß Sie jetzt keinen Grund mehr haben, uns die ‚Afri⸗ kanerine vorzuenthalten.“—„Um Vergebung, Majeſtät, es fehlt mir noch etwas,“ erwiederte Meyerbeer.—„Und was denn?“—„Ach, Madame— die Afrikanerin.“
Rebus von Heinrich Möchel.
Rebus von Yermann Schirſchante.
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Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Pras.
Ausgegeben am 1. Mai 1859.


