Heft 
(1859) 10 10
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Feuilleton. 317

den Pfropfen heraus.Der Branntwein darf nicht hier im Hauſe getrunken werden, entgegnete der Li⸗ queurhändler.Ich will ihn auch gar nicht hier trin⸗ ken, verſetzte der Andere; und der Kaufmann, in der Meinung, daß er ein Gefäß bei ſich habe, um den Branntwein hineinzufüllen, zog den Stöpfel aus der Flaſche, worauf der Kunde ruhig einen großen Schwamm aus der Taſche zog und den Branntwein langſam hin⸗ eingoß. Als dieß geſchehen war, nahm er ſich einen Stuhl, ſog langſam an dem Schwamm, nickte dem Kauf⸗ mann bedeutſam zu und ſagte:Sie ſehen, daß ich nicht gegen die Vorſchrift verfehle, denn das Geſetz verbietet nur, den Branntwein im Verkaufslokal ſelbſt zu trinken, und ein Schwamm iſt ja kein Trinkgefäß!

Der bekannte Gelehrte Agaſſiz in Boſton erhielt kürzlich eine Aufforderung, für eine bedeutende Summe eine wiſſenſchaftliche Vorleſung zu halten. Er ſchlug es ab. Man erhöhte die Summe. Neue Weigerung.Aber warum wollen Sie denn nicht ſelbſt die Summe be⸗ ſtimmen? fragte man endlich.Ich habe nicht Zeit, Geld zu verdienen! antwortete der Gelehrte.

Der Direktor einer kleinen reiſenden Geſellſchaft in Hannover annoncirte vor wenigen Monaten auf einem Zettel:Der Sohn der Wildniß, oderEine Liebe vor Chriſti Geburt!

Welche Seltſamkeiten noch immer in der deutſchen Nomenclatur ſich finden, erſieht man aus einer in den preußiſchen Blättern gebrachten Ernennung, bei welcher im Ober⸗Bergamts⸗Diſtrikt Dortmund der Name eines Berg⸗Referendarius Max Kreuzwendedich von dem Borne figurirt.

Ein aufrichtiger Oberrichter eines der ameri⸗ kaniſchen Gerichtshöfe war genöthigt, ſich folgendermaßen an die Jury zu wenden:Meine Herren Geſchworenen, in dieſem Falle ſind die Erwägungen auf beiden Seiten unverſtändlich; die Zeugen auf beiden Seiten verdienen keinen Glauben, und ſowohl der Kläger als der Be⸗ klagte hat einen ſo ſchlechten Charakter, daß es mir gleichgiltig iſt, welchen Ausſpruch Sie thun.

Mannigfaltiges.

Anſichts des drohenden Krieges hat ſich Jemand die Mühe genommen, die Schlachtopfer der Kriegs⸗ periode von 1791 bis 1814 zu ermitteln, und gefun⸗ den, daß nicht weniger als 4,356,000 Menſchen in dieſem Zeitraume als Kanonenfutter ausgehoben wor⸗ den ſind.

Wie New⸗Yorker Zeitungen erzählen, wettete ein junger Mann um 1000 Doll., auf Stelzen durch den Niagara an den Fällen da zu gehen, wo er am reißendſten iſt. Er bediente ſich zwölf Fuß langer, flacher, ſcharfkantiger Stelzen, die er an die Füße) anſchnallte und begann ſeine gefährliche Wanderung u Beiſein mehrerer Zuſchauer. Selbſt die Abgehärketſten unter dieſen konnten vor Angſt kaum athmen. Der Stelzen⸗ läufer ſchritt indeß ſcharf aus. Ein Paar Mal freilich ſchien er das Gleichgewicht verlieren zu müſſen. Am höchſten ſteigerte ſich die Erwartung als der Kühne in die Mitte des reißenden Fluſſes gelangte und er mit bloßen Augen kaum noch zu erkennen war. Der Mann gewann die Wette, fiel aber als er am andern Ufer ausſtieg, vor Ermattung in Ohnmacht. Uebrigens iſt zu bemerken, daß er zu einer Seiltänzergeſellſchaft ge⸗ hörte und namentlich von Kindheit auf ein Stelzen⸗ geher⸗Virtuos geweſen.

Ein Meiſterſtück der Tiſchlerarbeit, und zwar der ruſſiſchen, erregt in Berlin die Bewunderung

des Publikums. Es iſt dieſes ein Schrauk von 5 Fuß Höhe, 4 Fuß Breite und 2 ½ Fuß Tiefe, in welchem nicht weniger als 50 Stück Hausrath von normaler Größe eingepackt ſind. Der Tiſch, welcher aus dem⸗ ſelben gezogen wird, eines dieſer Geräthe, bietet Platz zu 26 Gedecken. Wenn man alle dieſe Stücke dem Schranke entnehmen ſieht, glaubt man von den Kunſt⸗ griffen eines Taſchenſpielers hinter das Licht geführt zu werden, kann aber dieſen Gedanken nicht aufrecht erhalten, weil es Jedem geſtattet iſt, an dem Einpacken zu helfen, und Jeder ſich von der geiſtreichen Benutzung des Raumes in dieſem Zauberkaſten durch den Augen⸗ ſchein überzeugen kann.

Heil Dir im Siegerkranz. Hoffmann von Fallersleben hat nachgewieſen, daß dieſe preußiſche Volks⸗ hymne von dem holſteiniſchen Prediger Heinrich Harries, dem Herausgeber des flensburger Wochenblattes, her⸗ rührt und zuerſt in der 29. Nummer dieſes Wochenblat⸗ tes(vom 27. Jänner 1790) alsLied für den däniſchen Unterthan, an ſeines Königs Geburtstag zu ſingen, abgedruckt wurde. B. G. Schuhmacher, dem die Hymne in der Regel zugeſchrieben wird, iſt nur der Urheber einer Zeile und der Umwandlung eines holſteiniſchen Liedes in ein preußiſches. Das Harries'ſche Geburts⸗ tagslied beginnt:

Heil Dir, dem kiebenden Herrſcher des Vaterlands, Heil, Chriſtian, Dir! Fühl' in des Thrones Glanz Die hohe Wonne ganz Vater des Volks zu ſein u. ſ. w. Als hiſtoriſches Kurioſum ſei hierbei erwähnt, daß, als Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1826 von einem Bein⸗ bruche, den ey erlitten hatte, geneſen war, die berliner Straßeniugend ſich unter ſeinen Fenſtern verſammelte und ſang: Heil Dir im Siegerkranz, Unſerm König ſind die Beine wieder ganz.

Für Damen.

Es iſt von einem gewiſſen kulturhiſtoriſchen Inter⸗ eſſe, daß, als die Krinoline oder der Reifrock im vori⸗ gen Jahrhundert das erſte Mal in Deutſchland von Spanien aus erſchienen war, dieſe Tracht bei uns eben⸗ falls mit Spott und Satyre aufgenommen ward. In einem ſatyriſchen Gedichte aus dieſer Zeit heißt es: Wer wird das Frauen⸗Volck doch noch dahin vermögen, Daß ſie die Hühnlein⸗Körb von ihrem Leib ablegen?

Fährt man noch ferner fort mit dieſer eitlen Tracht, So iſt es Noth, daß man die Gaſſen weiter macht!

Ach! welcher wolte nicht der tollen Mode lachen,

Die auch den ſchönſten Leib gantz ungeſtalt kan machen? Die Kirchen ſind anitzt gewißlich viel zu klein, Wenn in denſelbigen viel ſolche Röcke ſeyn,

Die man dem Frauen⸗Volck nicht darf zuſammenpreſſen,

Die Bauck, auf der vorher bey 20 ſind geſeſſen, Hat wegen ſolcher Röck gewißlich itzo kaum,

Wie man gar wohl geſpürt, vor 10 Perſonen Raum, u. j. w.

Toaſt auf die Frauen. hr Modedamen, ich wünſche euch:

Daß ihr an Tugenden ſo reich,

So groß und mächtig alle Zeit

Wie eure Krinoline ſeid.

Was nun betrifft die Fehler ſchnell, So nehmt den Kopfputz zum Modell; Ein jeder Fehler ſoll ſo klein,

So klein wie euer H ütchen ſein.

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