Feuilleton.
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Wenn die Mädchen mit dem Schlüſſel zu ihrem Herzen nur ſo vertraut wären wie mit dem Schlüſſel zur Speiſekammer, dann wäre es gut.
Von dieſem Schlüſſel wollen ſie zu ihrer Selbſt⸗ kenntniß wenig wiſſen, zumal ihr Herz nicht ſelten auch einer Speiſekammer gleicht. Hier in der Ecke liegt ein alter Reſt von Liebe, dort ein Stückchen vom Flügel der Hoffnung, womit ſich ihre Wünſche vergebens em⸗ porgeſchwungen. Dort ſteht ein fetter Braten, nach wel⸗ chem ſie umſonſt geſchnappt und gegenüber vielleicht ein Schälchen mit Milch der frommen Denkungsart, die aber, als die Liebe Hitze bekam, etwas ſauer wurde. Von den ungelegten Eiern, um die ſich ihr Herz be⸗ kümmert, wollen wir ſchweigen.
Der Menſch iſt oft ein Tragkorb, worin das Leben nichts wie Kummer, Noth und Sorgen gepackt hat. Da hat es das Handkörbchen, das Strick⸗ körbchen doch beſſer. Es bekümmert ſich nur um kleine loſe Dinge. Wenn ihm auch einmal der Zwirn ausgeht, es weiß, daß bald wieder neuer Stoff ankommt.
Jedem in der Welt ſein Recht! mithin auch dem Waſchkorb, der meiſt in der Kammer ſeine ſtille Wirkſamkeit entfaltet. Ach! wie viel ungewaſchenes Zeug muß er in ſich aufnehmen, er, der Waſchkorb sen., der Aeltere in der Familie, der kann reden vom Schweiß des Lebens. Wehmüthig blickt er auf geknickte Vatermör⸗ der, auf verwelkte Häubchen und Wiſchtücher, die— grau wie alle Theorie— neben den Servietten liegen, welche noch träumen von den Tafelfreuden vergangener Tage.
Wie anders, wenn die große Wäſche vor ſich ge⸗ gangen und Waſchkorb jun. wieder die Gereinigten an⸗ nimmt in ſeine netten und biegſamen Räume.
Die Welt, möchte ich ſagen, hat viel Aehnlichkeit mit dieſen Waſchkörben. Friſch und geſtärkt gehen die Menſchen in die Welt, wenn auch die Lauge des Schick⸗ ſals und die Verhältniſſe ſo Manchen mehr als den Andern eingerieben.
Der niedere Stand, das ſind die groben Sacktü⸗ cher, die wollenen Socken, die immer und ewig unten bleiben auf harten Wegen und ſtets erfahren, wo ſie der Schuh drückt. Das ſind die Wiſchlappen, die Scheuerlappen, das ſind die Servietten, die ſich den Mund wiſchen, wenn Andere bei der vollen Tafel ſitzen.
Die Reichen und Vornehmen ſind die großen Tafel⸗ tücher.
Parfümirte Schnupftücher ſind die Gecken; feine Spitzenhäubchen die vornehmen Salondamen; die reiche Welt, die Glücklichen, welche nicht unter die Rolle, unter die Mangel kommen.
Jetzt, meine freundlichen Hörer, kommen wir an den Holzkorb.
Auch unter den Menſchen gibt es ſo manchen Holzkorb. Sie haben eine Stelle, die ſie eigentlich nicht verdienen. Sie ſitzen warm zu aller Zeit, es wird ihnen zugeſteckt, ſie wiſſen nicht warum.
Der Papierkorb iſt der nahe Verwandte des Schreib⸗ tiſches in abſteigender Linie. Er ſteht mir ſo nahe, er iſt mir ſo zu ſagen an der linken Hand getraut und — bald hätte ich ſeiner vergeſſen.
Papierkorb! Dein Name iſt: Vergeſſen. Er führt eigentlich, wenn man in ſein Inneres ſchaut, ein recht zerriſſenes Leben. Die Worte des alten Kammerdieners, in Kabale und Liebe:—„Legt's zu dem Uebrigen!“ iſt an ſeine Stirn geſchrieben, das Kainszeichen, das man ihm aufgedrückt.
Alte durchſtrichene Rechnungen und abgethane Briefe ruhen da friedlich nebeneinander; hier hat nichts mehr Geltung.
Das menſchliche Herz iſt eigentlich auch nichts weiter als ein Papierkorb. Mit vierzehn Jahren ſenkt der Menſch ſeine Jugendträume hinein, mit zwanzig Jahren ſeine erſte Liebe, mit dreißig Jahren ſeinen Ehr⸗ geiz, ſeine aufbrauſenden Leidenſchaften und mit vierzig Jahren ſeine getäuſchten Hoffnungen.
Der Kehrichtkorb ſteht entfernt in der tiefſten Ecke des Hauſes, wo weder Mond noch Sonne ihn be⸗ ſcheint. Sein Luſt⸗ und Freudentag iſt der Sonnabend, da kommt er heraus an das Licht mit ſeinen Lumpen und Lümpchen.
Wenn der Ruf ertönt: den Kehricht heraus! oder wie es in vielen Städten heißt:„Gemülle raus!“ dann beginnt ſeine Thätigkeit.— Es gibt ſo viel Aus⸗ kehricht in der Menſchheit, aber es kommt auch Einer mit der Schaufel der da ruft: Gemülle raus! und— da muß Alles fort, was in dem großen Korb beſtimmt iſt für die Schaufel. Bis dahin wollen wir ausharren und uns von Zeit zu Zeit manchmal an einen Korh halten, der mir der liebſte von Allem, dieß iſt— der Flaſchenkorb.(Nach Th. Drobiſch.)
Miszellen.
Unterhaltendes.
Vor 6 Monnten ging in Paris Horace de T., ein junger Mann mit drei Millionen im Vermögen, des Abends aus einer Geſellſchaft. Ein junges Mädchen ging die Straße entlang, und da es regnete, ſo hatte Horace Gelegenheit, unter dem ein wenig geſchürzten Kleide ein niedliches kleines Füßchen zu bemerken. Bald bemerkte er auch, daß ſie ſehr ſchön war, und bot ihr ſeinen Arm an. Sie wies ihn zurück:„Sehen Sie denn nicht an meiner Kleidung, mein Herr, daß ich arm bin?“ —„Gewiß.“—„Daraus können Sie entnehmen, daß ich ein ehrbares Mädchen bin.“—„Das iſt wahr, denn mit dieſen Augen könnten Sie ſchon lange in einem ele⸗ ganten Wagen fahren, wenn Sie wollten— aber mit Allem muß man anfangen.“—„Würden Sie, mein Herr, morgen zu ſtehlen beginnen, wenn man Ihnen dieſen Rath gäbe?“—„Welche Frage!“—„Das iſt Eins und Dasſelbe... alſo, mein Herr, bon soir!— Das Alles war mit ſo viel Einfachheit und Natürlich⸗ keit ausgeſprochen, daß Horace nicht mehr in ſie drang, ſondern ruhig ſtehen blieb. Während des Geſprächs hatten die Beiden die Brücke Louis Philippe erreicht. Das Mädchen wollte raſch die Brücke paſſiren, kehrte aber gleich wieder um. Sie hatte Furcht vor einem Betrunkenen, der ihr auf der ſchmalen Brücke eben ent⸗ gegen kam; und nun nahm ſie, wenn auch zögernd, den ihr neuerdings angebotenen Arm von Horace an, der ſie nun über die Brücke zu führen verſprach. Am andern Ufer aber wollte Horace das reizend ſchöne Mäd⸗ chen nicht mehr verlaſſen; ſie geſtattete ihm die Beglei⸗ tung bis zu ihrem Hauſe und verließ ihn mit einem leiſen Danke. Horace zog Erkundigungen ein und erfuhr, daß Jeanne ein armes, aber im reinſten Sinne des Wortes ehrbares Mädchen ſei, das mit Sticken ihr Brod verdiene und ihren Eltern die Laſten der kleinen Wirthſchaft tragen helfe. Ihr Vater ſei ein ausgedienter, dekorirter Soldat der afrikaniſchen Armee, jetzt Arbeiter und die ganze Familie ein Muſter der Tugend! Horace war entzückt, als es ihm endlich vergönnt war, in das Heiligthum dieſer kleinen Familie zu gelangen, und er begriff jetzt erſt, wie viel Tugend in Paris im Ver borgenen blüht zur Seite der Laſter, die dieſe große Stadt offen zur Schau trägt. Horace hatte neben ſeinen Millionen auch noch ein Herz am rechten Flecke. Er bemerkte, daß Jeanne nach und nach ihre Heiterkeit ver⸗ lor, daß ſie erröthete, wenn er kam, daß ſie zitterte, wenn ſie mit ihm ſprach, und eines Tages ſagte er ihr: „Jeanne, ich liebe Dich, willſt Du meine Fran wer⸗ den?“ Sie antwortete nur durch einen Strom von Thränen. Die braven Arbeiter zögerten mit der Ein⸗ willigung zur Heirat ihrer Tochter mit einem Millionär. Aber endlich gelang es Horace, alle dieſe Schwierig⸗
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