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310 Erinnerungen.
Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
einſt in wörtlicher und figürlicher Bedeutung ſo in ſich gehen, wie ich.“
„Daran liegt mir wenig,“ entgegnete der Schneider.„Heiraten erfordert Muth und drum iſt Heiraten meine Sache. Wenn Sie mir eine Frau verſchaffen können, Herr Selig, ſo wende ich Ihnen den Frack zum vierten Male umſonſt.“
„Nun denn,“ ſagte Selig ſich zufriedenſtel⸗ lend,„was denken Sie von Hannchen Gut, der Fleiſcherstochter? Sie ſind ohnehin nicht wenig blutdürſtig und können ſo leicht auf eine unſchul⸗ dige Art Ihren Durſt ſtillen. Es iſt zwar nicht zu läugnen, Friedlich, daß ſie faſt noch einmal ſo groß und dreimal ſtärker als Sie ſein mag; aber aus eben dieſem Grunde nehmen Sie ſie zur Frau. Die meiſten großen Thiere ſind gutmüthig, und behüte der Himmel jeden meiner Freunde vor einer kleinen Frau.“
„Kein Wort weiter, Herr Selig. Mädchen iſt es gerade, in das ich verliebt bin. Seien Sie ohne Furcht, ich werde über ihr Herz triumphiren, wenn ein Mann auf der Welt es im Stande iſt.“—
Es gehörte übrigens nicht viel Muth dazu, Hannen'’s Herz zu erobern; denn das Feld war frei und kein Nebenbuhler machte den Sieg ſtreitig. Die Eltern der Schönen legten auch nicht Hinder⸗, niſſe in den Weg, es ſchien ihnen im Gegentheile dieſe Verbindung ſehr erwünſcht zu ſein, und als die nöthigen Einleitungen getroffen waren, drückten ſie Herrn Friedlich die Hand mit einem Aus⸗ drucke, der mehr Beileid als einen Glückwunſch bezeichnete.
Die Hochzeit, welche bald erfolgte, bot nichts Beſonderes. Als der Gelehrte von ſeinem Stüb⸗ chen aus die Hochzeitsgäſte mit dem Bräutigam in das Haus des Fleiſchers ziehen ſah, ſeufzte er:
„Ach, der arme Friedlich! man führt ihn wie einen Ochſen zur Schlachtbank! Nun hat es wohl ein Ende mit ſeinem Spruche: Ich verſchimmle und verroſte in dieſem faulen Frieden.“
Am Abende des Hochzeitsfeſtes tanzte Herr Friedlich, dem der genoſſene Wein ein wenig zu Kopfe geſtiegen ſein mochte, mit der„Kranzel⸗ jungfer“ und ſetzte ſich nach dem Tanze an ihre Seite. Hier entwickelte er über das Kapitel„Schön⸗ heit“ einige Beredſamkeit, man ſagt ſelbſt, daß er ihr manches Wörtlein leiſe in's Ohr flüſterte und
Dieſes
dabei mit vieler Freundlichkeit das Kinn ſtrei⸗ chelte. Dieſes téte-à-téte dauerte einige Zeit ohne
eine beſondere Aufmerkſamkeit zu erregen; nur eine
einzige Ausnahme fand ſtatt, aber dieſe Ausnahme
war für ſich allein ſo viel als alle Regeln. Hann⸗ chen Friedlich erhob ſich, dann ſetzte ſie ſich
nieder und nahm ein Glas Wein, hierauf erhob
ſie ſich zum zweiten Male. In ihrem Gefühle als Gattin auf's höchſte empört, näherte ſie ſich den
Beiden, die ſich nichts Argen verſahen, und im
Momente lag Herr Friedlich in Folge einer
wohl applizirten Ohrfeige am Boden. Ruhig, als hätte dieſer Vorfall weiter nichts mehr zu bedeu⸗ ten, bückte ſich nun Frau Friedlich, hob ihren Gatten auf, nahm ihn unter den Arm wie ein Scheit Holz und verließ mit würdevollen Schrit⸗ ten die Tanzſtube, um ſich in die hochzeitliche Kam⸗ mer zurückzuziehen.
Am Morgen darauf fand ſich Herr Selig ein, um dem Schneider Glück zu wünſchen. Fried⸗ lich drückte leiſe die Hand ſeines Kunden, der ihn fragend anblickte. Der Gelehrte glaubte ein leichtes Kopfſchütteln zu bemerken, er war aber ſeiner Sache nicht gewiß, denn da er in demſelben Augenblicke ſelbſt den Kopf ſchüttelte, ſo meinte er, daß leicht eine optiſche Täuſchung habe ſtattfinden können.
Friedlich hatte der glücklichen Täuſchung gelebt, daß ſeine Ehe nur eine Parentheſe in ſei⸗ ner Exiſtenz bilde und daß er gleich nach der Hoch⸗ zeit, als wäre indzwiſchen nichts vorgefallen, ſeinen Heroismus wieder aufnehmen könne. Die Rückſich⸗ ten, welche wir dem Familienleben ſchulden, ver⸗ bieten uns, jene Vorgänge an Friedlich's häus⸗ lichem Herde an das Tageslicht zu ziehen, welche manchen Schlagſchatten zu dem Bilde unſeres Freundes liefern könnten. Wir erwähnen nur, daß Friedlich bald ſich zu ſcheuen anfing, mit dem Gelehrten zuſammenzukommen. Vor der Hochzeit hatte es ihm Freude gemacht, ſo oft Herr Selig ſeinen Laden beſuchte, im Gefühle der eigenen be⸗ häbigen Rundung dem hagern Gelehrten mit iro⸗ niſchen Bemerkungen wegen ſeines ſchwellenden Ge⸗ deihens zu gratuliren. Herr Selig hatte den Scherz nie übel genommen, denn ſeine Philoſophie war nicht wie ſein Fleiſch; ſie verließ ihn nie.
Nicht gar. lange nach den Flitterwochen zog Herr Friedlich eines Tages ſeine ſchönſten Klei⸗ der an. Während er die Weſte zuknöpfte, ſchüttelte er den Kopf ganz wie Herr Selig.
„'s iſt zum Erſtaunen,“ ſeufzte er,„dieſe Weſte ſaß mir ſonſt wie ein Handſchuh. Merkwür⸗ dig, wie das Tuch ſich ausdehnt.“
„Wo gehſt Du hin?“ fragte ihn die Frau, als ſie ihn ſo in Putz ſah.
„Je nun, zur„Traube“ auf ein Gläschen.“
„Du gehſt heute wohl nicht mehr aus,“ ſagte die Frau ruhig, aber beſtimmt.
„Ich werde gehen,“ erwiederte Friedlich mit Heftigkeit,„und wenn die ganze Welt es mir verbieten will. Blut und Wunden, Weib, für wen ſiehſt du mich an? Bin ich nicht der Friedlich, der noch nie ſeinen Mann und Meiſter gefunden? der Friedlich, der verroſtet und verſchimmelt in dieſem faulen Frieden? Nimm Dich in Acht, Weib,
wenn ich einmal in Wuth komme, ſo kann ich ſehr
unbeſonnen werden.“
„Du gehſt heute nicht aus,“ wiederholte die Frau mit einem bezeichnenden Blicke.
Ungefähr eine halbe Stunde ſpäter ſaß Fried⸗ lich ruhig bei ſeiner Arbeit. Er fing nach und


