Heft 
(1859) 10 10
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Herrn Friedlich's

Verflüchtigung. 311

nach an, alles mit Stillſchweigen zu ertragen, denn das Schweigen iſt, wie ihm ſein gelehrter Freund oft wiederholt hatte, eine Probe der Weisheit.

Nicht lange Zeit darnach begegnete Fried⸗ lich eines Abends aus Zufall auf einem Brette, welches als Brücke über einen Bach gelegt war, Herrn Selig. Dieſes Brett war nur einen Fuß breit, ſo daß zwei Perſonen ſich auf demſelben nicht ausweichen konnten. Wir finden nicht Worte genug, um den Schrecken der Beiden zu ſchildern, als ſie wahrnahmen, daß ſie darauf ohne ſich zu ſtreifen aneinander vorüber gegangen waren. Sie ſahen ſich über den Bach mit befremdeter Miene an, am meiſten verblüfft war aber Herr Selig.

Alle guten Geiſter....! rief er,Fried⸗ lich, ich beſchwöre Sie zu reden, damit ich gewiß weiß, daß Sie noch am Leben ſind.

Friedlich bekundete durch einen tiefen Seuf⸗ zer ſeine annoch materielle Exiſtenz.

Armer Freund, fuhr jetzt der Gelehrte fort, antworten Sie jetzt auf meine Frage mit jener feierlichen Wahrheit, deren der Menſch nur in er⸗ höhten Augenblicken, zum Beiſpiel unter dem Gal⸗ gen fähig iſt: Verſchimmeln und verroſten Sie immer noch in faulem Frieden?

Der Schneider ſammelte ſich erſt, bevor er antwortete. Er öffnete ſeine Weſte, wickelte ſie einige Male um ſich herum und ſprach dann aus⸗ weichend mit düſterer, vorwurfsvoller Stimme: Wie konnten Sie mir, Freund Selig, den feind⸗ ſeligen Rath ertheilen, eine Frau zu nehmen?

Der Gelehrte ſchüttelte den Kopf nach ſeiner kläglichen Weiſe; aber ach, er bemerkte bald, daß der Schneider jetzt ſich eben ſo gut wie er darauf verſtand, den Kopf zu ſchütteln.

Tags darauf machte ſich der Schneider ſeine Kleider wieder enger und von Zeit zu Zeit fuhr er fort, ſie mit den abnehmenden Dimenſionen ſeines Körpers in das rechte Verhältniß zu ſetzen. Es währte nicht lange, ſo hatte unſer Friedlich den Gelehrten auf der Bahn des Unglücks weit hinter ſich gelaſſen. Drei Jahre waren noch nicht ſeit der Hochzeit verſtrichen und der Schneider hatte ſchon ſo viel von ſeiner Schwere eingebüßt, daß er an einem windigen Tage nicht mehr ausgehen konnte, ohne Gewichte in den Taſchen zu tragen.

Der Schneider mußte eine große Lebenskraft beſitzen, um bei der bedenklich fortſchreitenden Ver⸗ minderung ſeiner Perſon noch exiſtiren zu können. Nach Verlauf von noch zwei Jahren konnten ihn ſeine Freunde nicht mehr von ſeinem Schatten unterſcheiden, was zuweilen ſehr unangenehme Ver⸗ wechslungen zur Folge hatten. So wollte ihm z. B. einmal einer ſeiner Kunden eine kleine Rech⸗ nung auszahlen und den Betrag dem Schatten überreichen; Friedlich gelang es nun wohl, den Irrthum aufzuklären, aber er ſah ſich doch zu dem Geſtändniß gezwungen, er vermöge es nicht mehr, das Geld nach Hauſe zu tragen.

Der arme Schneider ertrug ſeinen Zuſtand ſo lange er konnte, aber ſchließlich wurde ihm doch ſeine geiſterhafte Leichtigkeit zur Laſt und er be⸗ ſchloß, ſeinem ſchwachen Daſein ein Ende zu ma⸗ chen. Nachdem er alle Todesarten reiflich erwogen, verſuchte er es, ſich mit einem Schermeſſer die Adern zu öffnen; aber ach! ſein Heldenblut wollte bei einer ſo ſchmählichen Gelegenheit nicht fließen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er kein Blut mehr in den Adern hatte. Was war zu thun? Er nahm zum Strange die Zuflucht und ſuchte ſich an einem Balken ſeines Ladens zu erhängen. Neues Mißgeſchick! Sein Gewicht war ſo gering, daß es nicht hinreichte, um ihm den Tod zu ge⸗ ben. Sein dritter Verſuch beſtand in dem Erträn⸗ ken, aber er brachte es nicht zum Untertauchen. Alle Elemente ſchienen ſich gegen ſeinen Tod ver⸗ ſchworen zu haben und ſo war er dazu verdammt, ewig auf der Erde zu bleiben. Aber er hörte nichts⸗ deſtoweniger auf ſich zu vermindern, bis er zuletzt mit der Zeit auf ein ſolches Minimum geſchmol⸗ zen war, daß ihn das menſchliche Auge nicht mehr wahrnehmen konnte.

Auch auf dieſer Stufe konnte er nicht immer bleiben. Bald kam es ſo weit mit ihm, daß er nur noch durch das Gehör bemerklich wurde. Er war ſomit nur noch ein Echo von einer menſchli⸗ chen Exiſtenz, oder wie ſich unſer Gelehrte aus⸗ drückte: vox et praeterea nihil. Herr Selig behauptete freilich, ihn noch von Zeit zu Zeit zu ſehen, das kam aber nur daher, weil ſich Herr Se⸗ lig ſelbſt auch in Kummer und Drangſal immer mehr vergeiſtigt hatte.

Auch die Stimme Friedlich's wurde immer dünner und dünner, bis ſie zu einem unbeſtimm⸗ ten Murmeln und ſchließlich zu jenem feinen Ge⸗ töne ſich abſchwächte, das wir mit Ohrenklingen bezeichnen. f

Wenn einem ledigen Manne die Ohren klin⸗ gen, ſo ſitzt der Schneider Friedlich in der Ohr⸗ muſchel und warnt auf leider unverſtändliche Weiſe vor einem unüberlegten Sprunge in den Eheſtand.

Das iſt die ſeltſame und ſchreckliche Geſchichte von dem Schneider, welcher, wie es auch recht iſt, in ſeiner Eigenſchaft als Held dem Tode entging. Er ſchmolz hin wie ein Eiszapfen, verduftete wie ein Thautropfen und verflüchtigte ſich wie Aether, indem er der Wahrnehmung irdiſcher Sinne ſich entzog und im Immateriellen aufging. Herr Se⸗ lig, der Gelehrte, lebt noch ein leibliches Daſein und hat alle Fülle ſeines Körpers und alle Kraft ſeiner Seele wieder erlangt, ſeine Frau aber iſt vor zwei Jahren geſtorben.