Heft 
(1859) 10 10
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Erinnerungen. Itluſtrirte Nlätter für Ernſt und Humor.

Wachtel flog vom Felſen auf, den Wolken zu,

Weckte ein Paar blauer Augen Aus der Ruh'.

Hätten nicht geruht die Aeuglein, Blau und hell,

Konnten ſie die ſchöne Wachtel Fangen ſchnell!

Iſt das Lied beendigt, ſo ruft der Wachtel⸗ könig zum dritten Male:Tus, paâni muzikanti! Die Trompeten ſchmettern und die Halle wieder⸗ hallt von lachendem Gejauchze. Nach einer Weile beginnt das Spiel von Neuem. Es dſt, wie ſchon erwähnt wurde, jetzt bei weitem nicht mehr ſo üblich unter den Erwachſenen, wie vor Jahren; nur die Kinder führen es noch heutzutage ſehr gern im Freien auf, natürlich ohne Masken, Muſik und Tanz. Bemnierkenswerth iſ noch der intereſſante Umſtand, daß ſchon die alten Griechen ein ähnli⸗ ches Tanzſpiel, das ſie ebenfalls Wachtel l697&* hießen, kannten.(Vergl. Plutarch's: De audien- dis poetis.)

Herrn Friedlich's Verflüchtigung.

Ein Schwank.

Menn Jemand Grund hatte, in ſeinem Na⸗ men eine Ironie auf ſeinen Charakter zu 3, finden, ſo war es der Schneider Fried⸗ Nlich, ein Männlein von höchſt kriegeri⸗ ſchen Gelüſten. Friedlich ſtammte aus einer kriegeriſchen Familie, denn ſein Va⸗ ter und Großvater hatten in der Armee als Schnei⸗ der gedient; kein Wunder alſo, wenn ſich ein an⸗

geborner martialiſcher Geiſt in ihm regte und er

von nichts als Kämpfen und Duellen träumte. Er hatte ſich freilich trotz ſeiner Raufluſt noch nie in ſeinem Leben ais hlagen, doch nicht etwa, weil es ihm an Muth fehlte, ſondern weil er das Unglück hatte, auf lauter Seg Pas zu ſtoßen. Obwohl er nicht mehr als vier Schuhe maß, ſo wollte doch Niemand mit ihm anden ſei es nun, daß man ihn in der That fürchtete, oder daß in der Heimat Friedlich's die chriſtliche Tugend der Nachgiebigkeit zu Hauſe war. Trat Friedlich Jemanden abſicht⸗ lich entgegen, ſo begnügte ſich der Herausgeforderte lediglich damit, unſerem kleinen Helden ſo freund⸗ ſchaftlich auf den Rücken zu klopfen, daß alle Kno⸗ chen aus ihren Fugen hätten ſpringen mögen, und damit war aller Streit ſchon abgethan.

Blut und Wunden! Ich verſchimmle und verroſte in dieſem faulen Frieden! Mit dieſem Aus⸗ rufe der Ungeduld machte ſich Friedlich gewöhnlich Luft, wenn er nach der friedlichen Beilegung einer Ehrenſache in ſeiner Junggeſellenwohnung ſaß und

mit einem Gefühle der Bitterkeit die Spitze der Nadel und die Schneide der Schere betrachtete. Daß er bei ſolcher Gemüthsverfaſſung nicht mit geſammeltem Geiſte bei den Werken ſeiner Hände war, iſt begreiflich; die Nadel wurde ihm oftzum Stachel ſeiner Schmerzen und die Schneiderhölle zur wirklichen Hölle.

Eines Tages ſtand Friedlich an ſeinem Ar⸗ beitstiſche und bügelte die Näthe eines alten Fracks, den er für Herrn Selig, einen Privatgelehrten des Ortes, bereits das dritte Mal gewendet hatte. Seine Hände ruhten auf der Handhabe des Bügeleiſens und ſein Kinn auf den Händen. Während er ſich ſo unbeweglich geſtützt hielt, war er ganz unbeküm⸗ mert um den Rauch, der ſich von dem verſengten Tuche erhob. Er ſtand da ein verſteinertes Modell des Unglücks oder der verkannten Größe. In dieſer Stellung traf ihn Herr Selig, der eben noch zu rechter Zeit kam, einer weiteren Verheerung ſeiner Frackſchöße Einhalt zu thun. Herr Selig war eben⸗ falls ein vollendeter Typus des Unglücks, wie Herr Friedlich; er hatte einen Ausdruck von einer reſignirten Niedergeſchlagenheit und neben ſeiner Naſe ſah man zwei Furchen herabgehen, die ohne Zweifel ſeine Thränen ausgehöhlt hatten, als er noch weinen konnte.

Guten Morgen, Herr Selig, ſagte der Schneider, als der Gelehrte eintrat,wollen Sie ſich nicht ſetzen?

Herr Selig ſebte ſich, und nachdem er ſich den Schweiß von der Stirne getrocknet hatte, ſtellte er ſeinen Hut auf den Tiſch und ſah den Schnei⸗ der an. Der Süder betrachtete wieder ſeiner⸗ ſeits Herrn Selig, ohne daß von einer Seite durch mehrere Minuten ein Wort geſprochen wurde. End⸗ lich ahoß der Gelehrte ſeine Stimme und ſagte:

Herr Friedlich, iſt mein Frack noch nicht fertig?

Ich bin eben im Begriffe, ihn zu bügeln, antwortete Friedlich.Wenn Sie nur ein wenig Geduld haben wollen..... 1

Geduld? entgegnete Hände zuſammenſchlug,Gedul Friedlich?

Ja Geduld! entgegnete mit einiger Heftig⸗ keit der Schneider, in den wieder die Kampfluſt fuhr;wenn Sie widerſprechen, daß ich ſagte: Ge⸗ duld, ſo, ſo.

Ach, Friadt ich, ich widerſpreche nie. Seit ich verheiratet bin und mein Leben mit Ünterricht friſte, bin ich ſelbſt Tag und Nacht in der Schule der Geduld. Es iſt mir in dieſer Zeit nur einmal bei⸗ gekommen, den Schatten eines Zweifels auszu⸗ ſprechen, aber ich habe es bereut und ſeitdem wage ich nicht einmal mehr zu zweifeln.

Gut, wenn Sie alſo Geduld haben, ſo will ich Ihnen jetzt von einem Ende zum andern er⸗ zählen, was mich ſo betrübt macht.

Und der Schneider erzählte dem Gelehrten zum

Selig, indem er die d, ſagen Sie, Herr