306 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Außer der Viehzucht betreiben die Tiroler auch Ackerbau, der aber ſehr beſchwerlich und wenig loh⸗ nend iſt; dagegen iſt der Obſtbau beträchtlich. Von den induſtriellen Erzeugniſſen Tirols ſind die Tep⸗ piche und die künſtlichen Holzſchnitzwaaren zu nennen.
Böhmiſche Faſchingsſpiele. Von Alfred Waldau. 1. Der Taubenhaltertanz.
Soen in den älteſten Zeiten finden wir zur 20) Faſtnachtszeit in verſchiedenen Ländern die Se verſchiedenſten Gebräuche und Feſtlichkeiten, de 5) mit denen die Blüthezeit der Luſt und Freude
an jedem Orte in anderer Weiſe feſtlich be⸗
2 gangen wurde, wo Jedermann unter der buntfarbigen Narrenkappe dem TVον˙ιν σςισαυνυν freudig oblag. Allgemein bekannt ſind die italieni⸗ ſchen, franzöſiſchen und deutſchen Faſtnachtsunter⸗ haltungen; viel weniger dagegen iſt die Kunde von den ſlaviſchen und ſpeziell von den böhmiſchen ver⸗ breitet. Die Haupturſache davon mag wohl in dem
Umſtande beruhen, daß die alterthümlichen Ge⸗
bräuche beſonders in dem jüngſten Decennium im⸗
mer mehr aus der Uebung gerathen und völlig
zur Karrikatur ausarten. Die Blüthezeit der feſtli⸗ chen, oft ſehr prunkreichen Maskenumzüge, wie ſie ſo viele Städte des deutſchen und des böhmiſchen Mit⸗ telalters genoßen, iſt zugleich mit dem mittelalter⸗ lichen Zeitgeiſt verſchwunden; die prächtigen Inſi⸗ gnien und Embleme auf den Schildern und Fahnen der durch die Straßen ziehenden, glänzend koſtü⸗ mirten adeligen und bürgerlichen Geſellſchaften ſind nirgends mehr zu ſchauen. Die elegante Welt hat ihre„geſchloſſenen Bälle“, ſelten einen Koſtümball oder eine Redoute, wo die Langeweile ihre Triumphe feiert; das gemeine Volk iſt auf ſeinen Tanz in ſchwülen Schänkſtuben beſchränkt und ſieht immer ſeltener einen Tag kommen, wo ſich noch ein mat⸗ ter Abglanz des mittelalterlichen Faſtnachtstreibens offenbart, indem eine Schar flotter Geſellen in kleidſamer Tracht auf offener Straße ihren Tanz aufführt, während ein oder zwei Hanswürſte mit der lieben Jugend allerlei ſcherzhaften Unfug trei⸗ ben, oder plötzlich aus den dichtgedrängten Haufen der neugierigen Zuſchauer ein hübſches Mädchen erfaſſen, ſich mit ihr paarmal herumwirbeln und dann die höchlich Erſchreckte mit einem weitſchallen⸗ den Kuſſe wieder loslaſſen. Da lacht dann Publi⸗ kus und freut ſich des derben Schwankes, bis ſchnell Einer oder der Andere unverſehens von den verſchlagenen Hanswürſten im Geſichte geſchwärzt
wird. Und je ärgerlicher der Betroffene darüber ſich äußert, deſto lauter und größer iſt die allge⸗ meine Freude.
Dieſe ſeltſame Sitte iſt alt, uralt, hat aber wohl ſchwerlich ihren Urſprung in Böhmen genom⸗ men. Man findet ſie auch durch ganz Deutſchland verbreitet, unter anderm auch in dem berühmten „S chäffl ertanz“, welcher alle ſieben Jahre in München aufgeführt wird(zuletzt im Jahre 1858). Dieſem gleicht in manchen Stücken der böhmiſche Taubenhaltertanz(holubarsky cech), deſſen Urſprung in vergangenen Jahrhunderten zu ſuchen iſt. Mag er auch nicht ſo alt ſein, wie der Münch— ner Schäfflertanz, deſſen Urſprung ſich im grauen Alterthume, ja bis in die heidniſche Zeit verliert und ſogar vielleicht bis zum Schwerttanze der Ger⸗ manen hinaufführt, ſo kann doch mit ziemlicher Ge⸗ wißheit angenommen werden, daß er bis zur Mitte des vierzehnten Jahrhundertes hinaufreiche, wo in Böhmen der fuürchterliche ſchwarze Tod wüthete. In Folge dieſer Seuche lagen nicht blos alle Ge⸗ ſchäfte leblos darnäcder ſondern es waren auch die Gemüther der Menſchen von der ſchmerzlichſten Nie⸗ eedtſch agenheit befallen. Da heißt es nun in den
alten Aufzeichnungen, daß einzelne Gewerbsgenoſ⸗ ienſchaften zuerſt wieder ihren alten Frohſinn ge⸗ funden und ihn auch der geſammten Bevölkerung mitzutheilen beſchloßen. Da hätten ſie nun wieder ihre„alten Tänze“ herfürgenommen oder neue er⸗ ſonnen und zu allgemeiner Erheiterung und Ergö⸗ tzung öffentlich aufgeführt.
Dahin gehört nun auch ohne Zweifel der holubärsky cech, der vor Zeiten in vielen Städten Böhmens beliebt war, allmälig aber auf die Städte Wamberg und Hohenbruck im öſtlichen Böhmen beſchränkt wurde, bis ihn die politiſchen Stürme des Jahres 1848 auch dort— und viel⸗ leicht für immer— unterdrückten. Aus dieſem Grunde ſcheint mir eine von zuverläſſiger Seite mir mündlich mitgetheilte Beſchreibung desſelben deſto nöthiger und erſprießlicher, weil er ſonſt gar bald einer gänzlichen Vergeſſenheit preisgegeben wäre.
Am Nachmittage des Faſchingsdienſtags bilde⸗ ten ſtets ſämmtliche Taubenfreunde der Stadt einen maskirten Feſtzug von der Wohnung ihres„Ober⸗ älteſten“ aus, der von ihnen am vorjährigen Fa⸗ ſchingsdienſtage auf ein Jahr lang zu dieſer Würde graduirt worden war und ſie heute mit einem Feſt⸗ eſſen bewirthete. Ein Bajazzo in Ledertrikots trug in der Mitte des Zuges am Rücken einen rieſigen, mit bunten ſeidenen Bändern gezierten Käfig, der mit Tauben aller Farben angefüllt war, indeſſen andere Masken kleinere Käfige, worin je zwei Tau⸗ ben ſich befanden, in den Händen trugen. Den Oberälteſten in feſtlichem Aufputz und die Träger der Zunftlade an der Spitze, anfänglich von einer ſehr einfachen, aus der Schwegelpfeife und einer Trommel beſtehenden Muſik, in ſpäteren Zeiten je⸗ doch von einer wohlbeſetzten türkiſchen Muſik, die
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