304 Erinnerungen. Illuſtrirte
Blätter für Ernſt und Humor.
Man wird anch auf Symbole geſellſchaftlicher Zu⸗ ſtände in der Pflanzenwelt ſtoßen; man wird das ſcharfe Aroma der Pfeffermünze auf ſcharfen Witz und Spott, und die Pappelroſe auf Prachtliebe und Herrſchſucht deuten. Aber noch mehr: die Blu⸗ men, weil ſie ſprechen, werden auch dem Fragen⸗ den die Zukunft vorherſagen. Unter den heidniſchen Böhmen, die ihren Flüſſen Blumen opferten, war es am Sobotkafeſte Sitte, daß die Mädchen Blu⸗ menkränze den Fluß entlang ſchwimmen ließen, um daraus das Schickſal ihrer Liebe zu erproben. Die Mädchen der Neugriechen hängen ſich vor dem Schlafengehen ein Säckchen um den Hals, in wel⸗ chem ſich eine weiße, eine rothe und eine gelbe Blume befindet, und nach dem Erwachen ziehen ſie eine Blume aus dem Säckchen, welche nach ihrer Farbe ihren künftigen Mann andeutet, indem die weiße Blume einen jungen Mann, die rothe einen guten und braven, und die gelbe einen Witwer bedeutet. Ein ähnlicher Glaube iſt auch den Deut⸗ ſchen nicht fremd:„wenn ein Kranz von Sinngrün, geflochten in der Mathiasnacht, auf ein— fließendes Waſſer geworfen und von einem Mädchen, welches zuvor um das Waſſer ſchweigend getanzt hat, ſchwei⸗ gend ergriffen wird, ſo bedeutet es den Braut⸗ kranz“. Allein nicht nur die Zukunft der Liebe, auch die Zukunft des Lebens ſollen die Blumen andeuten. Am ſlaviſchen Ruſelkafeſte werden Kränze an beſtimmte Orte gelegt, um nach einiger Zeit aus dem Grade des Verwelktſeins auf die Dauer der Lebensjahre zu ſchließen; es wurden dieſe welken Kränze in's Waſſer geworfen, und jeder nicht unter⸗ tauchende Kranz war ein Anzeichen von einer be⸗ ſtimmten Zahl Lebensjahre. In einem indiſchen Volksliede pflanzt ein junger Mann, der ſeine junge Frau verlaſſen muß, eine Lavendel in den Garten und heißt die Frau darauf achten, ſo lange die Blume grüne und blühe, gehe es ihm wohl, welke ſie aber, ſo ſei ihm ein Unglück begegnet.
Wenn man die ſtille Idealität des Blumen⸗ daſeins betrachtet, ſo liegt es auch nahe, daß Blu⸗ men und Sterne in vergleichende Bezie⸗
hung gebracht werden.„Jeder Stern am Himmel,“ ſagte Paracelſus,„iſt ein geiſtiges Gewächs, dem ein Kraut bei uns auf der Erde entſpricht, und jener zieht durch ſeine anziehende Kraft das ihm eutſprechende Kraut auf der Erde an, und jedes Kraut iſt daher ein irdiſcher Stern, und wächſt über ſich dem Himmel zu.“ Wie die Sterne als beglückende Gewißheit und Allgegenwart des Lichtes aus dem Trauermantel des Nachthimmels hervor⸗ blitzen, ſo erblüht auch aus der irdiſchen Finſter⸗ niß und auf der dunklen Indifferenz des Grünen der farbige Sieg des Lichtes in tauſenderlei rei⸗ zende Geſtalten gefaßt. Calderon nennt die Blu⸗ men irdiſche Sterne, und nach orientaliſcher Welt⸗ anſchauung erſcheint der Sternenhimmel als Blumen⸗ garten Gottes, und die ganze Welt mit all' ihrem Trei⸗ ben als ein allumfaſſender, unendlicher Blumenkelch
Volkstrachten in Oeſterreich. II. Die Tiroler. (Schluß.)
bwohl die Tracht der Tiroler viel Gemeinſames hat, ſo unterſcheidet ſie ſich doch in Farbe, e Stoff und Schnitt nach den verſchiedenen Thä⸗
lern. So tragen die Oberinnthaler rothe We⸗ e ſten, bunte Jacken, grüne Hoſenträger, grüne oder blaue Strümpfe; die Puſterthaler lederne Weſten und Beinkleider, grüne Hoſenträger, ſchwarz⸗ lederne Gürtel mit weißen Pfauenfederkielen ge⸗ ſtickt, weiße und blaue Strümpfe; die Grödnerthaler ſchwarze Röcke, blaue, grün ausgeſchlagene kurze Beinkleider, ſchwarze breite Hüte und weiße Fuhr⸗ mannsmützen; die Sarenerthaler rothe Weſten und Jacken, braune Hoſenträger, weiße Strümpfe, auf dem Hute Pfauenfedern und Bänder u. ſ. w.
Das Trachtenbild dieſer Nummer ſtellt eine Gruppe von Landleuten aus dem Paſſeyrer Thale dar. Der Mann trägt einen großen, ſchwefelgelben Hut, um den ein breites grünes, mit Goldtreſſen beſetztes Band ſich ſchlingt. Das Halstuch iſt loſe um den Hals gebunden. Ueber die wammsartige Weſte, die an den Seiten geſchnürt wird, laufen die ledernen Hoſenträger, deren zwei oder drei Bänder durchbrochene Verzierungen haben; den ge⸗ ſtickten Gürtel ſchließt eine gewaltige Schnalle. Die Hoſen ſind ſehr kurz, kürzer als bei den Nordtiro⸗ lern; ebenſo auch die Strümpfe. Letztere umkleiden hier auch die Füße; die Schuhe ſind leichter und netter als in Nordtirol.
Die Frauen tragen eine hohe, ſpitze Woll⸗ haube, die meiſt indigoblau iſt und manchmal wie in einen Flaſchenhals zuläuft. Die Zipfel des leicht um den Hals gelegten Tuches werden hinten durch einen Ring geſteckt; und ſo zuſammengehalten. Die Jacke iſt kirſchroth mit roſarother Verzierung, die Schürze dunkelblau, der Rock ſchwarz.
Die Wohnungen der Tiroler ſind meiſt von Holz. In Dörfern und Märkten bedeckt ein flach⸗ giebeliges, weit über die Seitenwände des Hauſes vorſpringendes Dach das ganze Gebäude, welches gewöhnlich in ſeiner vorderen Hälfte die Wohnung, in ſeiner hinteren Hälfte, und zwar im Erdgeſchoß, die Viehſtallungen, darüber die Scheune enthält, zu welcher eine flache Brücke hinanführt. Iſt das Haus aus Holz gezimmert, ſo beſteht es aus auf einander gelegten und an den Eckn in einander gefügten Balken mit einem das Haus an mehre⸗ ren Seiten umlaufenden Altan oder Gang. Die Fenſter ſind klein und in's Quadrat geformt, außer⸗ dem mit zwei aus den Ecken der Fenſter auslau⸗ fenden, ſich in der Mitte durchſchneidenden Eiſen⸗ ſtäben geſperrt. Das Dach iſt mit Schindeln gedeckt,
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