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J. B. Friedreich: Symbolik und Mythologie der Blumen. 303
ließ es nicht blos dabei bewenden, ſondern er ließ noch die ſchönſten Zierblumen von den beſten Ma⸗ lern auf Pergamentblätter malen, die erſten Dichter von Paris mußten die Blumen unter ſich ver⸗ theilen und die Blumen in einem ſinnreichen Ma⸗ drigal an die ſchöne Iulie ſprechen laſſen, der beſte Schreibmeiſter ſchrieb jedes Madrigal unter die Blume, und der geſchickteſte Buchbinder mußte dieſe Pergamentblätter auf das Prächtigſte einbinden; am Tage ihrer Hochzeit fand Julie dieſes Buch auf ihrem Putztiſche.
Auch das Lebensglück ſymboliſirt die Blume. Daher bekränzte, um das Glück des Hau⸗ ſes zu erflehen, bei den Römern der Hausherr die Laren(Hausgötter) des von ihm eben gekauften Hauſes, und nach einer Verordnung des Kaiſers Auguſtus mußten jährlich an einem beſtimmten Tage die Laren mit Blumenkränzen geſchmückt werden. Es war eine im Alterthume verbreitete Sitte, daß jüngere Perſonen, die ihre gegenſeitige Zuneigung bekräftigen wollten, einander Blumenkränze zuſchick⸗ ten, oder die Hausthüren damit ſchmücken ließen, und ſo ſchickten ſich auch Freunde gegenſeitige Blu⸗ menkränze zu, wenn ſich irgend eine erfreuliche Be⸗ gebenheit im Hauſe zutrug, und kam eine Begeben⸗ heit vor, die das ganze Volk erfreute, ſo ſchmückte ſich Jeder mit Blumen; ſo erſchien z. B. das römi⸗ ſche Volk mit Blumen geziert, als Severus in die Stadt einzog, und dasſelbe geſchah, als Nero die Stadt verlaſſen mußte. In deutſchen Volksſagen wird, wie Grimm mittheilt, eine Wunderblume ge⸗ nannt, die der Beglückte zufällig findet und an ſeinen Hut ſteckt; nun ſteht ihm auf einmal der Zugang zu den im Berge verborgenen Schätzen offen; hat er innen in der Höhle des Berges ſeine Taſchen gefüllt, und vom Anblicke der Koſtbarkeiten erſtaunt den Hut abgelegt, ſo erſchallt hinter dem Weggehenden die warnende Stimme„vergiß das Beſte nicht“, allein es iſt zu ſpät, und nun ſchlägt bei ſeinem Ausgange die eiſerne Thüre zu, und Alles iſt verſchwunden; dieſe Blume heißt gewöhn⸗ lich die Schlüſſelblume, weil ſie den Eingang zu dem Schatze zu öffnen vermag, und auch das Sym⸗ bol der ſchlüſſeltragenden weißen Frau iſt, welcher das Schlüſſelbund als Ahnmutter und Schließerin des Hauſes ziemt, die aber auch zugleich den Schatz zu öffnen Macht hat. Und damit nichts fehle zu dem Symbole des Glückes und der Freude, ſo finden wir auch Blumen und Kränze bei frohen Gaſtmahlen, was Heliogabel ſo weit trieb, daß er ſeinen Gäſten nicht nur Kränze reichen, ſondern ſie auch mittelſt Maſchinen in der Decke ſeines Speiſe⸗ zimmers mit den wohlriechendſten Blumen über⸗ ſchütten ließ..
Die Blumen treten bei der tiefen Seite des religiöſen Gemüthslebens als bedeu⸗ tungsvolle Sinnbilder hervor. Betende und Opfernde trugen Kränze, die Opferthiere, die Altäre wurden bekränzt, die Tempeln mit Blumen⸗
gewinden verziert, die Säulen hatten zu ihren Ka⸗ pitälern Blätter und Blüthen u. ſ. w. Der Blu⸗ menkranz, den die Götter trugen, war Symbol des Sternenkranzes und das Verſetzen gottähnlicher Menſchen in den Himmel bezeichnete man durch das Aufſetzen eines Blumenkranzes auf ihr Haupt; der Kranz ſymboliſirt hier das göttliche, himmliſche Leben, die Unſterblichkeit. Und ſo wie im Moſais⸗ mus die Gerechten Gottes mit grünenden und blühenden Bäumen verglichen werden, ſo auch mit Blumen. Auch das gute und böſe Prinzip wird im Deutſchen durch Pflanzennamen ſymboliſirt, in⸗ dem ſchöne und nützliche Pflanzen(das gute Prin⸗ zip) Namen von Gott, Chriſtus, Engeln, Heiligen haben, z. B. Gottesgnadenkraut, Chriſtwurzel, Engelwurzel, Mariensröslein ꝛc., während Gift⸗ pflanzen(das böſe Prinzip) nicht ſelten den Namen Teufel führen, wie Teufelsbeere, Teufelsmilch, Teu⸗ felspeterlein u. ſ. w. In der chriſtlichen Symbolik wird die Blume als Sinnbild der Unſchuld auf die heilige Maria bezogen, und mehrere Blumen⸗ namen beziehen ſich auf dieſelbe, z. B. Marien⸗ handſchuh. Ueberhaupt wird die heilige Jungfrau in Kirchenliedern öfters Blume der Blumen(ſlos florum) genannt und der alte ſpaniſche Dichter Gonzalo Berceo verglich Namen und Tugenden der Maria mit den ſchönſten Blumen auf den Auen.
Die Blumen ſind ſelbſt verkörperte Gedanken, Worte, Sprache geworden. So hat ſich eine eigene Blumenſprache gebildet. Wir begegnen, ſagt Bratraneck, dieſer Sprache überall, wo die Phantaſie ſich zu regen beginnt, bei dem Jünglinge ſowohl, der das Schönſte auf den Fluren ſucht, womit er ſeine Liebe ſchmückt, ſo wie bei kindlichen Völkern, die den Zweig des Friedens darbieten in der Annahme, daß das heitere Lebensgrün nicht auf eine Fortſetzung gegenſeitigen Mordens gedeutet werden könne. Es ſind aber auch die meiſten Worte dieſer Sprache leicht zu verſtehen, weil ſie ja nur wegen ihrer in die Sinne ſprin⸗ genden Bedeutung erwählt wurden; es iſt leicht begreiflich, daß die Roſe von Liebe ſpricht, und auch noch viele andere ſprechen ſo deutlich, es iſt ihre Symbolik ſo in der Eigenthümlichkeit der Pflanze begründet, als daß ſie nicht allgemein ver⸗ ſtanden werden ſollte: ſo darf man nur das feſte, grünweiß alſo edelheiter geſtreiffe Bandgras an⸗ ſehen, um gleich in ſeinem Darreichen den Antrag eines Herzensbandes zu errathen; ſo deutet ſich auch die anhaftende, lieblich geröthete Pechnelke auf An⸗ hänglichkeit, und der Ackerwindling leicht auf ein liebevolles Gemüth, welches, wie jener, überall nach einem Gegenſtande ſucht, an dem es ſich anklammern könnte; ſo ſieht man in den leichtabfälligen Schnee⸗ ballblüthen die Flüchtigkeit der Zeit, während die unverwelkliche Strohblume von der Unſterblichkeit ſpricht, ſowie auch die Zeitloſe, deren Herbſtblüthe auf das Laubgrün, als auf ein erſt im Frühling eines neuen Lebens zu erfüllendes Sehnen hinweiſt.


