300 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
Darauf lief ich zu des Junkherrn Pferd, das ſich ſogleich von mir fangen ließ. Nun ſaß ich auf. Indeſſen kommt der von Pappenheimb und ſagt zu mir: ‚Warum habt ihr euch nicht gewehrt? Eurer ſind ſieben, jene nur fünf.“ Aber mein Junk⸗ herr, Rindfleiſch und ich zogen fort.
Als wir in das Dorf kamen und bei dem Wirthshaus waren, ſprach ich: ‚„Lieber Junkherr, reitet da hinein, ich will den Balbirer holen.“ Da antwortete er mir: ‚Nein, ich will vollends hinein⸗ reiten.“
Nun ſaß eine große Menge Leute vor dem Thor am Wege, denen der Junkherr Etwas geben wollte. Da ſagte ich: ‚Junkherr, reitet fort, ich will ihnen geben,“ und gab auch. Darnach, dieweil ich ſah, daß er ſich ſo ſehr verblutete, gab ich ihm meine Wiſchtüchlein alle, die legte er über den Kopf und ſetzte den Hut obendrauf. Darauf fragte ich ihn: ‚Lieber Junkherr, was ſagte der Knecht zu Euch, als er zu Euch kam?“ Er erwiederte, daß er geſagt hätte: ‚Bruder, ich muß Dich ſchlagen, aber ich thue es nicht gern. Ich jedoch vermeinte ihnen zu entrinnen, im Dorfe Bauern zu nehmen und euch zu Hilfe zu kommen, da ich wohl ſah, daß wir ihnen viel zu ſchwach waren. O lieber Gott,“ ſprach er weiter, ‚wohl haben ſie mich ge⸗ ſchlagen, wohl ſind ſie unchriſtlich mit mir umge⸗ gangen, aber verleihe mir nur Geduld.
Rindfleiſch und ich tröſteten ihn ſo gut wir konnten, aber er hub wieder an und ſagte: ‚Ich ſehe wohl, daß ich dieſen Schlag nicht ertrage; er⸗ trage ich ihn aber, ſo bin doch mein lebenlang ein elender Menſch.“— Ja wohl, denn das Blut kam ihm vornen über das Geſicht und hinten über den Mantel. Ich gedachte auch nun an ſein Weib und ſeine Kinder, deren er ſieben hatte und das größte von ihnen war noch nicht über dreizehn Jahr alt. Da ich aber ſah, daß er faſt mit dem Tode rang, wollte ich ihn mit zeitlichen Dingen nicht beſchwe⸗ ren. Als wir nun ſchier am Thore waren, wo ein
Bader wohnte, da ſagte ich zu ihm: ‚Ach, lieber
Junkherr, Ihr verblutet Euch zu ſehr, laßt Euch da verbinden.“ Darauf ſagte er zu mir:„Ei nein, es kann mir doch keine Gutthat geſchehen; reite hin⸗ ein, hole den Balbirer und thue das Haus auf.“
Nun ritte ich hinein und richtete aus, was er mir befohlen. Wie er nun mit Rindfleiſch in's Haus kam, hub ich ihn vom Roß hinunter und er legte mir ſeinen linken Arm um meine Achſel und ging ſo mit mir die Stiege hinauf und in die Schreibſtube hinein, die Hans aufmachte.
Darauf ſetzten wir ihn in den Seſſel und verbunden ihn. Er hatte mitten auf dem Haupte einen großen Streich von den Hahnen, ein wenig über der Schläfe auf der rechten Seite; auf der linken Seite auch einen tiefen Streich, ein wenig hinten auch einen; im Genick war ein blauer Fleck, hinten am Kopf eine große Beule, über der Naſe ein Streich, die unteren Zähne waren ihm alle los
und der Rücken ſammt beiden Armen waren ihm wohl zerbläut. Als wir ihn verbunden hatten, leg⸗ ten wir ihn in's Bett und wollten ihn ausziehen, da ſchrie er: ‚O weh, lieber Hans, o weh! ach Du lieber Gott!'«
Wir zogen ihn aber bis auf's Hemde aus, das voll Blut war.
Wie er nun eine gute Viertelſtunde im Bett gelegen, wobei Wilhelm Stumb ſtets bei ihm ſtund, auch ich mich abgeſtiefelt hatte, ging ich wie⸗ der zu ihm; da ſah er mich an, ſchwieg aber ſtill, als ich ihn fragte: ‚Wie thut's, Junkherr?⸗ Dar⸗ nach fragte ich ihn wieder: ‚Könnt Ihr nimmer reden?“ Da ſchüttelte er den Kopf ein wenig und als ich ihm dann ſagte: ‚Befehlet Euch unſerm Herrn Jeſu Chriſto!“ da ſeufzte er und winkte mit den Augen, that ſie zu und ſchlief ein und hub an zu ſchnarchen.
O mein Gott, wenn da ſein frommes Weib dabei geweſen wäre, ich glaube nicht, daß ſie leben⸗ dig geblieben wäre, denn eine feinere und liebli⸗ chere Ehe habe ich mein Lebtage nicht geſehen, als dieſe Zwei geführt hatten.
So lag er gegen ſechs Stunden, ſchnarchend und gleich einem Menſchen, der ſanft ſchlief. Um zwölf Uhr in der Nacht verbanden wir ihn noch einmal. Aber er wollte nicht aufwachen, und wenn der Balbirer oben in die Wunden druckte, ſo ſchrie er dumpf in ſich. Aber um ein Viertel vor drei Uhr verſchied er, wie wir's geſehen haben, gar ſanft. Der allmächtige, ewige, gütige Gott, der verleihe dieſem meinem lieben Junkherrn Sig⸗ mund Oertel ſammt uns Allen in Chriſto Jeſu eine fröhliche Auferſtehung, wo wir mit ihm herr⸗ ſchen werden, wie er es uns zugeſagt.
Nun will ich aber auch anzeigen, wie man es mit dem Armen vollendet hat.
Am Sonntag, das war am 9. Mai, ſchickte der Burgermeiſter Jeronimus Lotter zu uns: man ſollte die Leiche unter das Rathhaus tragen und wir Sechs ſollten als Zeugen auch hinkom⸗ men. Da es nun Mittag war, gingen wir unter das Rathhaus und die Träger folgten uns mit der Leiche nach. Da ſah man viele Tauſende Men⸗ ſchen, Fremde, die auf den Markt gezogen waren und Einheimiſche, die Alle begehrten, den frommen Sigmund Oertel noch einmal zu ſehen. Die⸗ ſer lag in einer wollenen Decken in einer Truhe mit einer ſchwarzen ſammetnen Decken mit ſchönen goldenen Engeln oben bedeckt.
Als wir nun unter das Rathhaus kamen, ſetz⸗ ten ſie ihn nieder. Da ſprach der Schaffer zu uns, wir ſollten um die Bahre herumſtehen, man würde den Uebelthäter bringen. Das thaten wir und höret nun, was da geſchah. Wie man zuerſt den Knecht, ſo mich in die Seiten geſtoßen und den Junkherrn errannt hatte, brachte, ſo ging dem Sigmund Oertel das Blut unten in der Rinnen des Mun⸗
des ein wenig heraus. Da der Knecht nun zu uns
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