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Sigmund Oertel. 299
lich ohne einen erheblichen Unfall bis in die Nähe von Leipzig.
Wir wollen jetzt Kornthauer ſelbſt erzäh⸗ len laſſen.
„Den 7. Mai(1557) ritten ich und mein Junkherr Sigmund auf Leipzig zu. Als wir nun bis Lützen, zwei Meilen herwärts, kamen und an unſerm Tiſche aßen und fertig waren, ſprach der Junkherr zu mir: ‚Wie, wenn wir ſein gemachſam fortzögen? Damit war die andere Geſellſchaft, ſo an unſerem Tiſche mitgegeſſen, zufrieden und wir ſetten uns nach dem Mittagsmahl auf und zogen fort, als nämlich Sigmund Oertel, Hans Schwendendörffer der Alte, Hans Scho⸗ nich, Jörg Platt, ein Schwabe von Augs⸗ burg, Andres Rindfleiſch von Breslau, ich Hans Kornthauer, und waren unſer Sieben. Wie wir nun vor das Thor zu Lützen hinauskamen, ſo guckten ich und Andres Rindfleiſch hin⸗ für, wie ſich einem Diener auf der Straße gebührt. Als wir kaum eine Viertel Meile Wegs geritten und der Wind gegen uns ging, auch eine ſehr große Hitze war und es ſehr ſtaubete, ritt der Junk⸗ herr neben uns her und ſagte: ‚Ei, reit auch eine Weile hinten im Staub wie ich!« Das war nun ſein zeitlich Verderben, wie ihr hören werdet. Als nun der Junkherr vorausritt und der Schwab von Augsburg ihm nach und dann ich und die An⸗ dern und wir nicht eine halbe Meile Wegs mehr gen Leipzig hatten, kam uns Allen ein Schlaf an.
Da führte das Unglück fünf Reiter und Einen zu Fuß von Schönau dem Dorfe überzwergs durch das Korn zu uns auf die Straßen. Wir ritten aber in einer Seichte, gleich einem Hohlweg. Nun übermannten uns die obgemeldeten Böſewichter, die Alle Büchſen in den Fäuſten hatten, mit aufgeſchla⸗ genen Hahnen. Der Erſte, Gabriel von Droſch⸗ witz, ein Edelmann, der rannte ſogleich dem Junk⸗ herrn mit der Büchſe in den Mund und ſtieß ihm die unteren Zähne aus. Da ich das ſah, griff ich an meine Büchſe. Indeſſen rennt Einer her und ſtößt mich mit der Büchſen in meine Seite, daß ich und mein Klepper, der müde und ſchwach war, ſchier zu Haufen gefallen wäre. Darnach ſchlug er mir nach dem Angeſicht, aber ich bückte mich und ließ den Schlag über mich hinrauſchen.
Indeſſen nahm mein Junkherr die Flucht; er ſah wohl, daß wir überraſcht und übermannt wä⸗ ren. Aber Wilhelm von Droſchwitz ſprach zu einem Knecht, der jedoch auch Einer von Adel, Einer von Staps war: ‚Sieh, dort reitet der Böſewicht davon, renn ihm nach und fehl ihn nicht, oder ich will Deiner nicht fehlen.“ Aber mein Junk⸗ herr hatte einen großen Vorſprung, daß ich dachte: „Gott ſei Lob, weil nur Er davon iſt.“ Da führte noch einmal das Unglück acht Reiter gegen uns her, unter ihnen Einen von Pappenheimb, die ſcheuete der Junkherr, ſonſt wäre er wohl entron⸗ nen, da er nicht mehr als drei Büchſenſchuß zu
einem Dorfe hatte, das Linda(Lindenau) heißt und nächſt bei Leipzig liegt. Der Knecht hatte aber ein ſehr gutes Pferd und errannte ihn. Der Junk⸗ herr war erſchrocken und fürchtete ſich vor denen, die vor uns und bei uns waren; ja, es waren auch hinter uns bei funfzehn Pferde; ſie waren aber unſere Geſellen, die es wohl geſehen, jedoch gemeint hatten, weil er ſo nah bei Leipzig war, daß es Leipziger wären, die uns empfingen. Alſo wehrte ſich Junkherr Sigmund nicht, wiewohl er den Hahnen auf die Büchſe geſchlagen hatte; aber ſein Rößlein begehrte ſich zu wehren. Das hörten die Schelmen, die uns drängten, ließen von uns ab und rannten auf ihn zu.
Da ſagte ich zu meinem Geſellen:„Ich will mir den Edelmann vornehmen, der meinen Junk⸗ herrn geſtoßen hat und ihn über das Roß herunter⸗ ſchießen.“ Allein dieſe baten mich, das bei Leibe nicht zu thun. Indeſſen ſah ich von weitem, daß mein Junkherr vom Pferde fiel; da wollt ich allein hinan und gern für ihn geſtorben ſein; da ſagte aber Andres Rindfleiſch, der mein guter Geſell und Bruder allezeit geweſen iſt: ‚Lieber Hannesl, gib ihnen keine Ürſache, denn ſollteſt Du hinrennen, ſo würden ſie demnächſt eine Kugel durch den Junkherrn ſchießen, da würdeſt Du an ſeinem Tode ſchuldig ſein, und darnach würden ſie Dir und uns das Gleiche thun.“
Während dem ſah ich, daß ſich der Junkherr aufrichtete. O das ſollte er nicht gethan haben! Da ſchlägt ihn Einere mit der Büchſe mitten auf den bloßen Kopf, denn er hatte keinen Hut auf, daß er wiederum auf die Erde ſank. Da mir's nun unmöglich war, ihm zu helfen, weil ſie zu weit von uns waren— nun, lieber Gott, was ſollte ich machen, als daß ich mit weinenden Augen zu Gott rief und ſprach:„O lieber Gott, komm zu Hilf meinem lieben Junkherrn.“
Indeſſen ritten ich und Rindfleiſch zu ihm hin. Die Böſewichter wollten das Rößlein fangen, aber es ſchlug den Edelmann an das Schienbein, alſo daß ſie es nicht fangen konnten. Darnach rit⸗ ten ſie überzwergs feldein. Als ich aber zum Junk⸗ herrn kam, ging er auf der Wieſen zunächſt bei einem Weyher; ich ſprang von meinem Klepper, lief zu ihm und ſagte: ‚Ach, daß Gott im Himmel erbarm, lieber Junkherr, warum ſeid Ihr nicht bei mir geblieben? Ehe ich Euch alſo hätte ſchlagen laſſen, wollte ich geſtorben ſein. Ich wollte ſchie⸗ ßen, aber meine Geſellſchaft wollte es nicht.“
Da hub er an zu ſagen: ‚Lieber Hannesl, ich habe eine große Sorge gehabt, daß Du ſchie⸗ ßen würdeſt; o Du haſt recht gethan, daß Du nicht geſchoſſen haſt, denn ſonſt hätteſt Du mich und uns Alle um's Leben gehracht!’ Darnach ſagte er: ‚Laß mich auf Dein Rößlein ſetzen und fang Du meins.“ Da wollt ich ihm hinaufhelfen, aber er duldets nicht, ſondern ſaß ſelbſt auf. Er war gar keck und meinte nicht, daß er ſterben würde.
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