296 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.
„Und dennoch wollt Ihr auf Eurem Vorſatze beharren, dem friſchen hellen Leben zu entſagen?“
„Cäſar,“ entgegnete Katharina,„was kann mir das Leben noch bieten, da mein Herz für ſei⸗ nen Reiz erſtorben iſt? Nur den haben wir wahr⸗ haft geliebt, deſſen Tod uns die Welt ſo leer macht. Die Erinnerung ſprießt wie eine unverwelkliche Blume in unſerem Herzen und umreiht mit grünen Blättern das geliebte Bild des Todten. Dann erſt erkennen wir, was er uns war, wir ſcheuchen jedes böſe Gedenken zurück und ſuchen nur das Schöne feſtzuhalten, daß es in uns lebe und uns beſſer mache.— O, wen Gott beſſern will, dem nimmt er den heißgeliebten, echten Freund!“
Cäſar ſchwieg; Katharina redete weiter:
„Euer Blick iſt trübe, welcher Kummer drückt Euer Herz?“
„O preßte er es zu Tode!“ entgegnete Cäſar mit gedämpfter Stimme,„da kein lichter Strahl die erſtorbenen ſchönen Geſtalten darin wecket! Ihr ſpracht wohl. Erſt wenn der Tag ſtarb, ſehen wir im klaren Auge der Nacht ſein Bild, entſchleiert, rein von allen Flecken; wär's ſo mit mir, der ich
jetzt meine ſtolzen Entwürfe zu Schutt, meinen Tag zur Nacht ohne Sterne werden ſah!— Doch fort, fort mit der Erinnerung. Laßt uns denken an unſer Vorhaben!“
Katharina blickte ihn befremdet an. Schwei⸗ gend ſetzten ſie ihren Weg fort über die Brücke, welche die Inſel Megaris, auf der das Caſtel del Ovo erbaut iſt, mit dem Feſtland verbindet.
Bald langten ſie im Caſtell an, wo Sforza mit ſeinem Sohne Francesco gefangen gehal⸗ ten wurde.
„Ihr beharrt alſo feſt darauf, ihn zu ſehen?“ fragte Cäſar.
„Es iſt zum Letztenmale. Sein Segen ſoll mir werden, denn ich ehrte ihn wie meinen Vater!“
„Und dennoch wollt Ihr Euch von ihm trennen?“
„Steht mir denn andere Wahl zu? Wie ſchmerzlich ergriff es mich, als Francesco's glü⸗ hendes Bekenntniß mich wahre Liebe ahnen ließ! Graf Cäſar, wenn Ihr menſchlich fühlt, dann ehrt Ihr auch meinen Schmerz, erkennt den Zwie⸗ ſpalt meiner Stellung zwiſchen Vater und Sohn und billigt den Sehnſuchtsruf nach Frieden.“
Cäſar winkte leiſe ihr Gewährung und ließ
die Thüren des Gemaches öffnen, wo die Gefan⸗ genen ſich aufhielten. Sforza ſaß ſinnend, das ſchon ergrauende Haupt in die nervige Hand ge⸗ ſtützt, da. Sein Sohn lehnte am Fenſter, durch das er ſehnſüchtig über das unten wogende Meer blickte, von goldener Freiheit und friſchem Wirken
träumend. Das Nahen der Ankommenden weckte
ſie aus ihrer Ruhe. Francesc o's erhobener
Blick ſenkte ſich, als er dem ſanften Auge Katha⸗
rina's begegnete, Röthe übergoß ſein Antlitz und haſtig ſtürzte er in das Nebengemach.
„Mein Weib!“ rief Sforza und ergriff Ka⸗ tharina's Hand,„endlich ſehe ich Dich wieder, in meiner Nähe! O könnte ich Dir Dein verlornes Glück erſetzen!“
„Laß es hin ſein,“ ſprach Katharina lang⸗ ſam,„es erſteht uns nie wieder;— ich hoffe kei⸗ nes auf Erden mehr! Ich ſehne mich nach Ein⸗ ſamkeit, die die Welt vergeſſen läßt und den Frie⸗
eine ſtete Bangigkeit erfüllt meine Bruſt— Sforza,
gönne mir die Nuhe, die ich finden will. Ich be⸗
ſchwöre Dich bei der Liebe, die Du zu mir hegſt, willfahre meinem heißen Flehen!“
Katharina neigte ihr Haupt an ſeine Bruſt, gerührt blickte Sforza auf ſie nieder.
„Armes Kind, was kann ich thun, als trauernd Deine Bitte gewähren. Nimmer werde ich Dein Unglück zu ehren vergeſſen, Dein Angedenken bleibt mir theuer. Gehe hin und athme den göttlichen Frieden und bete für mein Heil!“
„Wie gut Du biſt! Wie der ſüße Schauer im Segen des Vaters weht mir Deine Liebe ent⸗ gegen! Lebe wohl, Du edler Mann r⸗
„Und keinen freundlichen Gruß an Fran⸗ cesco?“
„An Francesco?“ liſpelte verwirrt Ka⸗ tharina;„er möge gut bleiben, ſeinem Vater nachſtreben, ſag' ihm das von mir, er möge wir⸗ ken und ein herrliches Ziel erreichen, denn mein letztes Flehen wird ſein— Dein Wohl ſein.“
Sforza küßte ihre bleiche Stirn.
„So lebe wohl,“ ſprach ſie noch einmal,„auch Ihr, Cäſar, gedenket meiner!“
Langſam, die linke Hand über den Augen haltend, ſtieg ſie die Stufen empor, bewegt ſahen ihr die Zurückbleibenden nach. Sforza lehnte ſich an einen Pfeiler; jetzt erſt fühlte er, wie ſehr er ſie geliebt habe, und an der Wimper des eiſernen Mannes, der vielleicht noch nie in ſeinem Leben geweint hatte, hing eine ſchwere Thräne. In ſei⸗ nem Herzen erwachte der Vorwurf, daß er die Hand dem jugendlichen Weſen gereicht habe, das nur, um dem Bruder Macht zu verſchaffen, ihm zum Altare gefolgt war. Er würdigte ihre Selbſt⸗
verläugnung, denn er kannte Francesco's Liebe zu ihr, die dieſer ihm reuig geſtanden. Julius Cäſar trat zu ihm.
„Sforza,“ ſprach er, ihm bewegt die Hand


