Heft 
(1859) 10 10
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Julius Cäſar von Capua. 295

bleiben, alles Geſchehene ſollte vergeſſen ſein und keine ſchlimmen Folgen weder jetzt noch künftighin nach ſich ziehen. Micheletto Attendolo durfte ſich den Kirchenſtaat zum Schauplatz ſeiner unge⸗ bändigten Thatenluſt wählen.

Nur Sforza's unbedingte Freiheit wurde nicht erreicht. Mit ſeinem Sohne Francesco, der Troſt am Vaterherzen geſucht und gefunden hatte, ſollte er in ehrenhafter Gefangenſchaft zurück⸗ gehalten werden, ſeine Güter aber ihm unbenom⸗ men bleiben.

Durch dieſe Nachgiebigkeit ſtellte König Jakob den Frieden wieder her und hoffte ſeine Dauer.

V.

Julius Cäſar ſtand an dem Lager des Grafen von Troja. Dieſer edle Mann, nach Wandel und Geſinnung der beſte der Neapolitaner, der nur für den Ruhm ſeines Vaterlandes glühte, alle ſeine Kräfte ihm geweiht hatte, rang mit dem Tode. Seine fahlen Geſichtszüge, das erloſchene Auge, die matte heiſere Stimme kündeten an, daß ein verzehrendes Gift das Mark ſeines Lebens durchwühlte. Er hatte zuerſt den Fehlgriff erkannt, Jakob als König ausgerufen zu haben, er zuerſt es gewagt, ein ernſtes Wort an den König zu richten und die altbewährte Lehre ihm vorzuhalten, daß derjenige, der ein fremdes Volk beherrſchen wolle, ſeine alte Heimat vergeſſen und nur um das Erblühen der neuen beſorgt ſein müſſe, wenn er nicht ſein Verderben ſich ſelbſt bereiten wolle. Des Königs Ungnade traf ſeine Kühnheit und von unbekannter Hand empfing er das tödtliche Gift.

Cäſar, im Leben ſtanden wir treu bei ein⸗ ander, ſprach er zum Grafen von Capua und reichte ihm die Hand,bald löſt der Tod unſeren Freundſchaftsbund. Ich trete ab von der Bahn, auf der nur Wunden der Preis des Ringens ſind. Nur das Bewußtſein meines reinen Strebens läßt mich ruhig zurück auf mein Leben ſchauen und ge⸗ troſt in die Zukunft blicken. In Eure Hand lege ich denn Neapels Ruhm und Glück, nach deſſen Ver⸗ wirklichung ich getrachtet. Lebt als ein echter Edel⸗ mann, der in dem Glanz der Krone den ſeinen erblickt, denkt Johann a's, die wir verrathen, denkt Jakob's, der uns dafür mit gleicher Münze gezahlt hat!

Cäſar ſagte dem Grafen alles zu. Dieſer blickte gefaßt empor; kein Zucken in ſeinen Mienen verrieth den bangen Todeskampf. Klaglos ſtarb er.

Lange blickte Cäſar die Leiche an.

Das iſt das Ende unſeres Strebens! das der Lohn unſerer Mühen, einem Bettler gleich zu ſterben, der durch ein elend Leben im Staube ſich gewunden! Soll ſo ich ſcheiden, wenn die Gluth in meiner Seele verlodert; wird ein gleicher Un⸗ dank auch mich in der Blüthe meiner Tage gebro⸗ chen bei Seite ſchleudern, ein verbrauchtes Werk⸗ zeug der Königslaune?

Düſter kehrte Cäſar nach Neapel vom Grabe des Grafen von Troja zurück; eine ihm ſelbſt unerklärliche Verbitterung erfüllte ſeine Seele und all' ſein Ringen nach friſchem kräftigen Muthe war vergebens. Ehrgeizigen Plänen nachzuſinnen, Ränke zu ſchmieden, nach Macht zu ſtreben war der Pulsſchlag ſeines Herzens geweſen, und nun, da Jakob's Gunſt ihm lächelte, ſeine Feinde nie⸗ dergeworfen waren, traten Mißſtimmung, Unbehag⸗ lichkeit und Abſpannung in ſeinem ganzen Thun und Laſſen ein. Er ſehnte ſich nach Unglück, das ſein gepreßtes Herz erleichtern, nach neuem Kampfe, der es beleben, nach Verſöhnung, die es verklären ſollte. Verdroſſen ſah er nun Jakob's Macht, die doch ſein Werk war, und es erbitterte ihn, daß der König alle Kronämter an Franzoſen vergab, die mit ihm gekommen waren. Heuchleriſch äußerte Jakob gegen Cäſar ſein Bedauern über den Tod des Grafen von Troja, des biederen edlen Mannes, der von allen Neapolitanern nach Cäſar ihm der liebſte geweſen ſei.

Cäſar blickte bei dieſen Worten befremdet den König an. Seine Gedanken weilten nur mehr bei Johanna, deren Leben in lauter Trüb⸗ ſal dahinrann. Es empörte ſich ſein ſtolzer adeliger Sinn, wenn er ſeine Königin, die zur Herrſchaft Berufene, der ſchmählichen Behandlung ihres un⸗ dankbaren, rachſüchtigen Gemals unterliegen ſah. Seine Empfindung ſchwankte hin und her und nur der Gedanke an die unglückliche Katharina Alopo, das einzige Weſen, für das ſein kaltes Herz in aufrichtiger Theilnahme ſchlug, war ihm ein lichter Strahl in dem Labyrinthe. Wie rührend ſtand ſie vor ihm, als ſie in Neapel trauernd ankam. Ihre Dienſte, die ſie der Königin wieder weihen wollte, wurden zurückgewieſen, denn Jakob gönnte ſeiner Gemalin nicht eine treue Freundin. Wie bat ſie Cäſar, daß er ihr Zutritt zum Ge⸗ fängniſſe ihres Gemals verſchaffe, da ſie Abſchied von ihm nehmen wolle, um dann in der Abge⸗ ſchiedenheit eines Kloſters Ruhe von den Stürmen des Lebens zu ſuchen.

Cäſar widerſtand ihrer Bitte nicht. An einem klaren Winternachmittage eilte er durch die ſtillen Straßen der Stadt, um Katharina abzuholen und ſie in den Kerker ihres Gatten zu geleiten.

An ihrem Arme ſchritt er über den Molo von Neapel. Vor ihnen lag das unendliche, ſtill fluthende herrliche Meer. Die Berge rings glühten im bläulichen Dufte, durch den noch ſo manches friſche Grün ſchimmerte; die ganze Landſchaft ſchwebte ſo mild in dem Sonnengolde, daß Katharina's Bruſt ſich erleichtert bei dem Anblicke hob.

Wie ſchön iſt die Natur um uns, ſprach ſie zu dem ſchweigſamen, in ſeine Gedanken wieder verſunkenen Cäſar,wie ſtimmt mich ihr Anblick zu heiterer Ruhe! Allen zu vergeben, Alle zu ſeg⸗ nen! Seht, Cäſar, darin liegt mein Glück!